2026-03-25T14:09:28.761Z

Spielbericht

Nichtangriffspakt nach Horror-Verletzung: Kreisligisten setzen Zeichen

Vereinsnachricht

von Stephan Kumpfmüller · Heute, 11:52 Uhr · 0 Leser
Felix Zeiser (links), hier im Spiel gegen Großholzhausen, verletzte sich gegen den SV Westerndorf schwer am Sprunggelenk und wurde noch am selben Tag operiert. © Collage: Mühlhofer/Bittner
Felix Zeiser (links), hier im Spiel gegen Großholzhausen, verletzte sich gegen den SV Westerndorf schwer am Sprunggelenk und wurde noch am selben Tag operiert. © Collage: Mühlhofer/Bittner

Im Topspiel der Kreisliga 1 zwischen dem FC Grünthal und dem SV Westerndorf ging es um wertvolle Punkte im Aufstiegsrennen. Doch in der 57. Minute veränderte ein folgenschwerer Vorfall alles. Was folgte, war ein Zeichen für Menschlichkeit.

Grünthal (Unterreit) – Der „Nichtangriffspakt von Gijón“ war 1982 als dunkler Fleck in die Fußballgeschichte eingegangen. Beim letzten Gruppenspiel der Weltmeisterschaft in Spanien einigten sich Deutschland und Österreich im Spielverlauf stillschweigend auf ein Ergebnis, um so für beide Teams das Weiterkommen zu sichern. 44 Jahre später gab es auch in der Kreisliga 1 einen Nichtangriffspakt – doch dieses Mal ging es nicht um Taktik, sondern um pure Menschlichkeit.

Grünthal und Westerndorf einigen sich auf „Nichtangriffspakt“

Es lief die 57. Spielminute zwischen dem FC Grünthal und dem SV Westerndorf. Ein ganz normales Duell, bis zu jenem Moment, als die Zeit plötzlich stillstand. Grünthals Felix Zeiser setzte beim Stand von 1:1 im eigenen Strafraum zur Grätsche an, blieb im Rasen hängen und fiel mit dem ganzen Körpergewicht über sein eigenes Bein. „Er hat sich selbst den Fuß abgetreten“, versucht Philipp Asenbeck, die traumatischen Sekunden in Worte zu fassen. Der Kapitän des FC Grünthal stand direkt daneben und musste sich die Szene aus kürzester Entfernung ansehen. „Der Fuß hing komplett weg, im 90-Grad-Winkel zum Bein. So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Felix Zeiser bricht sich das Wadenbein

Das Spiel wurde umgehend unterbrochen. Mitspieler eilten herbei, Gesichter wurden blass. Der Kapitän packte sofort mit an und stabilisierte das Bein, der Rest der Mannschaft bildete eine Mauer und schirmte den verletzten Zeiser ab. „Wir wollten nicht, dass die Zuschauer das sehen müssen. Man hat schon von Weitem gesehen, dass der Fuß nicht mehr da ist, wo er hingehört“, erinnert sich Asenbeck. Die Diagnose war erschütternd: Zeiser brach sich das Wadenbein, das Schienbein war zudem angebrochen. Er wurde noch am selben Tag operiert.

Mannschaften einigen sich auf ein Unentschieden

Fast eine Stunde lang ruhte der Ball. Eine Stunde, in der die Stimmung auf dem Platz schwer und bleiern war. „Weiterspielen war kein Thema, es hatte keiner mehr Lust auf Fußball“, schildert Asenbeck. Offiziell war allerdings noch eine halbe Stunde zu spielen. In diesem Moment bewies der SV Westerndorf wahre Größe: Anstatt darauf zu bestehen, das Spiel regulär zu Ende zu spielen und möglicherweise noch die drei Punkte einzufahren, einigten sich beide Mannschaften auf ein gerechtes Unentschieden. So wurde die Partie zwar wieder angepfiffen, danach passierte aber: nichts. Keine Sprints, keine Zweikämpfe, kein Siegeswille. Nur das sanfte Rollen des Balls durch die eigenen Reihen – der „Nichtangriffspakt von Unterreit“.

„Hut ab“: Großes Lob für den SV Westerndorf

„Hut ab vor Westerndorf. Dass sie da mitgemacht haben, war eine große Geste“, sagt Asenbeck mit hörbarer Dankbarkeit. Auch Abteilungsleiter Primin Hornig ist tief beeindruckt: „Das war von Westerndorf wirklich eine Riesenaktion, muss man ehrlich sagen.“ Die Tabellensituation macht diese Entscheidung noch gewichtiger: Beide Teams kämpfen nämlich um den Aufstieg. Mit einem Sieg hätten die Westerndorfer den Anschluss an die Spitze erzwungen. Doch sie wählten den Anstand. „Ich bin schon ein wenig älter, aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, freut sich SVW-Trainer Georg Schmelcher über den Charakter seiner Jungs. „Wir haben dort ein verdammt gutes Bild abgegeben.“

Am Ende zählten nicht die Punkte, sondern der Zusammenhalt. Während Gijón 1982 als Synonym für sportliche Unfairness in die Geschichte einging, bewiesen der FC Grünthal und der SV Westerndorf das exakte Gegenteil: dass Empathie und Anstand im Amateursport schwerer wiegen als jeder Aufstiegskampf.