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Allgemeines

„Nicht so schlau“: Großenwörder Trainer setzt mit Blutgrätsche ein Zei

Serie: Die Unabsteigbaren 

von Andreas Harneit · Gestern, 21:00 Uhr · 0 Leser
In der Pause und kurz nach Wiederanpfiff gönnt sich der Spielertrainer eine Auszeit. Nach seiner Wiedereinwechslung kann er die Klatsche gegen Lühe auch nicht verhindern
In der Pause und kurz nach Wiederanpfiff gönnt sich der Spielertrainer eine Auszeit. Nach seiner Wiedereinwechslung kann er die Klatsche gegen Lühe auch nicht verhindern

Lars von der Lieth trainiert die auf dem Papier schlechteste Fußball-Mannschaft des Landkreises Stade. Den TSV Großenwörden II. „Einer muss es ja machen.“


Es ist kurz vor ein Uhr am frühen Nachmittag. Sonntag. Sportplatz in Großenwörden. Vierte Fußball-Kreisklasse. Tiefer geht es im Landkreis Stade nicht.


Die statistisch gesehen schlechteste Mannschaft der Region verliert das achte von neun Saisonspielen mit 0:5 gegen den Tabellendritten SG Lühe III. Beim obligatorischen Bierchen nach dem Abpfiff wird der Spielertrainer des TSV Großenwörden II, Lars von der Lieth, deutlich.

Gute erste Hälfte, schwache zweite: Der TSV Großenwörden II bleibt nach dem 0:5 gegen die SG Lühe III Schlusslicht der vierten Kreisklasse. Foto: Berlin
„Es fehlt alles ein bisschen“, sagt der 22-Jährige. Er beschreibt den Einbruch seiner Mannschaft in Hälfte zwei. Vor allem die Zeit kurz nach der Pause. Er nennt es drastisch „verkackt“, spricht von Geschenken für den Gegner. „Am Ende war die Luft raus. Als hätten wir mit weniger Leuten gespielt“, sagt der Coach.

Großenwörden verteilt Geschenke an die SG Lühe
Ein unnötiges Foul von Großenwördens Jonas Dede im Strafraum leitet den Lüher Sieg ein. In Minute 56 trifft der Altländer Lennart-Linus Isigkeit vom Punkt. Beim 2:0 von Max Michael schläft die linke Großenwördener Abwehrseite. Querpass. Tor.

Es gibt ein bisschen Ärger an der Seitenlinie. Hier ein Spruch, da eine kleine Beleidigung. Das Übliche. Den Satz, „ihr spielt auch nicht wie ein Tabellendritter“, nimmt sich die SG Lühe offenbar zu Herzen.


17 Zuschauer sehen noch drei Traumtore. Zwei Sonntagsschüsse von Pascal Ahnert aus der Distanz und einen Seitfallzieher von Max Michael. Da kann man schon mal ausgelassen und ein wenig aufreizend jubeln. Die Treffer sind eigentlich viel zu schön für die vierte Kreisklasse. Tore, von denen Ahnert und Michael noch lange erzählen werden.

Acht Leute beim Training: Immer „die Üblichen“
Großenwördens Trainer Lars von der Lieth kann der Schönheit dieser Tore rein gar nichts abgewinnen. Er beschwört seine Mannschaft, am Dienstag doch zahlreich zum Training zu kommen. „Das kann so nicht weitergehen“, sagt er. Er müsse es mit solch einer deutlichen Ansprache versuchen. Aber er geht davon aus, dass wieder nur „die Üblichen“ kommen. Ein typisches Trainerlos in der vierten KK.


Es ist ja kein Zufall, dass es in nur 15 von 32 Niedersächsischen Fußballkreisen überhaupt eine vierte Kreisklasse gibt. Das ist Breitensport, Amateurfußball pur. Da hat der Fußball nicht gerade die oberste Priorität. Arbeit und Familie gehen vor. Und wenn einer auf das Dienstagstraining mal keine Lust hat, ist das eben so.


Lars von der Lieth ist vor zwei Jahren Trainer beim TSV Großenwörden geworden. „Einer muss es ja machen“, sagt er. Er bettelt in der zweiten Wochenhälfte um jeden fitten Spieler und improvisiert ob der dünn besetzten Ersatzbank in der Regel an jedem Spieltag.

Derby gegen Wischhafen III steht über allem
Die Großenwördener, die da sind, haben Bock. Sie bewegen sich gemeinsam, kicken aus Spaß gegen die Konkurrenz, stehen nach dem Abpfiff noch lange gemeinsam zusammen, ärgern sich über Niederlagen nur mäßig. Außer natürlich, es geht im Derby gegen die Dritte von Wischhafen/Dornbusch.

Lars von der Lieth trainiert einen sympathischen Haufen herrlich bodenständiger Freizeitfußballer. Auch vor dem Lühe-Spiel konzentrierte sich der Coach auf die Basics. Pässe, Abschlüsse. Wenn mal wieder kein etatmäßiger Torwart da ist, geht er zwischen die Pfosten beim Schusstraining. „Dann versuchen wir es im Spiel und es klappt wieder nicht“, sagt von der Lieth. So wie gegen die SG Lühe.

Mit viel Wohlwollen gehen in der durchaus erfolgreichen, weil gegentorlosen erste Hälfte, drei Großenwördener Abschlüsse in die Statistik ein. Zwei davon sind als Flanken getarnte Schüsse, die ins Toraus trudeln. Einmal hat Lühes Schlussmann bei einem Versuch von Jupp Hesse den Fuß noch dran.

Dunkelgelb für die Blutgrätsche an der Mittellinie
„Wir sind vierte KK, wir machen simple Sachen. Was willst du da für Taktiken spielen?“, sagt Lars von der Lieth. Seine Ansprüche an Training und Spiel schraubte der Coach zurück. Einen Trainerschein hat er nicht. Er kennt seine Leute und weiß, was er von ihnen erwarten kann. Und er geht voran.


Die Blutgrätsche gegen einen Spieler der SG Lühe kommt am Sonntag ein wenig unvermittelt. Elfte Minute, Mittellinie. Von der Lieth holt sich für „ein frühes Zeichen“ dunkelgelb vom Schiedsrichter ab. Der Unparteiische drückt beide Augen zu. „Dass es so doll wird, war nicht so schlau und unnötig“, sagt von der Lieth. Aber er müsse die Aggressivität vorleben, die Leute mitziehen. Seine Kollegen aus dem Tiefschlaf wecken.

Spiel der Spiele unter Flutlicht
Die Quittung bekommt der Spielertrainer prompt. Gegen Wischhafen/Dornbusch II am Freitag muss er gelbgesperrt zuschauen. Das verschärft die Personallage erneut. Erst am 8. Mai wird Lars von der Lieth wahrscheinlich die volle Kapelle zur Verfügung stehen.


An jenem Freitagabend geht im Elbestadion in Wischhafen das Flutlicht an. Wischhafen/Dornbusch III gegen Großenwörden II, das Spiel der Spiele. Der Vorletzte gegen den Letzten. Wer gewinnt, verpasst dem Verlierer sehr wahrscheinlich die sprichwörtliche Rote Laterne. Es geht nur ums Prestige. Denn die Unabsteigbaren werden sich in der nächsten Saison in jedem Fall wiedersehen.

Die Serie „Die Unabsteigbaren“
Der TSV Großenwörden II beendete die vergangene Saison als Letzter der untersten Spielklasse. Absteigen kann man hier nicht - und genau das macht diese Truppe so spannend. Das TAGEBLATT begleitet das Team durch die gesamte Saison. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Menschen, die die Mannschaft und den Verein prägen. Wir wollen zeigen, wie ein Dorfverein tickt, wie eine Amateurmannschaft funktioniert und warum sie trotz Niederlagen den Spaß am Kicken nicht verliert.