
Hertha BSC – VfL Bochum 1:1
26.Spieltag 2.Bundesliga Saison 2025/2026
Samstag, 14.03.2026 20:30 Uhr
Olympiastadion Berlin
47.520 Zuschauer
Wenn ich diesen Bericht jetzt so anfange, wie ich es vorhabe, komme ich mir vor wie die alte Frau in Titanic von James Cameron: „Das Ganze ist jetzt 84 Jahre her und ich rieche immer noch die frische Farbe.“
In meinem Fall sind es zwar nur circa 22 Jahre und ich rieche keine frische Farbe, sondern den Luftzug, den eine U-Bahn macht, wenn sie in den Bahnhof einfährt.
Warum kann ich mich daran so erinnern?
Weil wir damals die Treppen zum Bahnsteig runtersprinteten, um die gerade eingefahrene U-Bahn noch zu erwischen. Wir waren auf dem Weg zu einem Heimspiel und ich hatte meinen Hertha-Schal locker um den Hals gelegt.
Durch den Windzug muss er mir weggeweht worden sein, ohne dass ich es merkte.
Richtig bitter, denn wir hatten eigentlich noch massig Zeit und hätten locker auch eine Bahn später nehmen können – und dieser Schal war mein erster Hertha-Schal.
Vielleicht ist dieser Verlust schuld daran, dass ich heute Schals sammle.
Natürlich hatte ich im Laufe der Jahre auch immer wieder einen „Lieblings-Hertha-Schal“.
Leider war das zu einer Zeit, in der dieser hässliche Kreis unsere wunderschöne Fahne einengte, und das machte mir so manchen Schal auf Dauer madig.
In den letzten Spielzeiten hatte ich dann eigentlich immer einen Hertha-Ama-Zwee-Schal im Stadion dabei. Der Grund dafür wurde von mir ja schon 475 Millionen Mal behandelt.
Heute aber schlug sich spontan und ungeplant ein neues Kapitel auf.
Begonnen hatte das Ganze vor ein paar Tagen, als ich Bock auf ein Flutlichtspiel im Olympiastadion hatte und mir eine Karte für das Spiel gegen den VfL Bochum organisierte.
Am Spieltag musste dann erst mal allerhand erledigt werden: Die Haare der Gattin wurden aufgehübscht, der Einkauf wurde erledigt und der Sohnemann musste beim Fahrradfahren und im Buddelkasten unterstützt werden.
Zur Belohnung ging es am frühen Abend zum Italiener.
Dort wurden wir leider etwas vom Kellner vergessen, sodass es nach leckerer Pizza und Pasta allerhöchste Eisenbahn war, zum Stadion aufzubrechen.
Weil es schon so spät war, brauste ich mit dem Auto in den Schatten des Bahnhofs Ruhleben. Dort erspähte ich eine große Parklücke, in die aber gerade jemand anderes einparken wollte. „Kein Problem“, dachte ich. „Die Lücke reicht locker für uns beide.“ Also setzte ich den Blinker und deutete dem anderen Fahrer, dass er gerne zuerst in die Lücke fahren könnte.
Leider war der Kollege offenbar nicht sehr routiniert am Steuer, denn er packte es mehrere Minuten einfach nicht, alle vier Reifen seines Vehikels auf den Bordstein zu befördern.
Kurz bevor ich aussteigen und meine Hilfe anbieten wollte, hatte er es dann aber geschafft und ich stellte meine Karre mit perfekten drei Zügen ebenfalls ab.
Schnellen Schrittes ging es zum Stadion und als ich am Einlass meine Jacke zur Kontrolle öffnete, fiel es mir auf: Ich hatte meinen Schal vergessen.
Trotz der knappen Zeit stand ich nun etwas ratlos auf dem Vorplatz der Ostkurve und zermarterte mir das Hirn: War ich schon jemals ohne Schal bei Hertha? Darf man das überhaupt?
Und dann zog sich der graue Vorhang meiner Gedanken zurück und ein blau-weißer Himmel kam zum Vorschein. Was sich furchtbar schmalzig anhört, war für mich die Initialzündung, zum Fanshop zu laufen und mir einen neuen, ersten Schal zu kaufen.
Irgendwie war damit auch der Rest der Verbitterung über die letzten Jahre weg und ich fühlte mich wieder wie der junge, euphorische Herthaner, der ich mal war und für den es das Größte ist, im Stadion zu sein.
Passenderweise lief mir – direkt in meine Euphorie hinein – ein alter Kumpel in die Arme, mit dem ich vor langer Zeit und lange Zeit mit Hertha BSC durch die Gegend fuhr.
Wir quatschten aber nur kurz, denn „Nur nach Hause“ lief bereits und den Anstoß zu verpassen war keine Option.
Pünktlich zum Anstoß hatte ich meinen Platz erreicht.
Da ich mein Ticket über die 7er-Ü40 von Hertha BSC bekommen hatte, verfolgte ich das Spiel neben zwei meiner Mitspieler sowie einer Spielerfrau.
Und wenn wir nicht im Takt der brachial aufgelegten Ostkurve mitsangen, analysierten wir fachlich, warum Hertha BSC zu keiner Zeit in dieser Saison ein Aspirant auf den Aufstieg war. Und sahen uns vom Geschehen auf dem Rasen absolut bestätigt:
Hertha BSC hatte den VfL förmlich an den Eiern, schaffte es aber nach dem 1:0 nicht, den Deckel draufzumachen.
Und so passierte das, was in dieser Saison einfach zu oft passiert ist: Man fing sich ein paar Sekunden vor dem Schlusspfiff den Ausgleich ein.
Konsterniert, aber irgendwie nicht von diesem Ergebnis überrascht, verabschiedeten wir uns. Auf dem Rückweg zum Auto begann es zu regnen. Aber mein neuer Schal wärmte ganz gut.
Mal gucken, wohin die Reise mit uns beiden jetzt so geht.
Hauptsache, er weht mir nicht irgendwann unbemerkt vom Hals.
Ha Ho He
Der Kutten König