Im Mittelpunkt des Skandals: Schiedsrichter Dominik Otte, der tätlich angegriffen worden sein soll.
Im Mittelpunkt des Skandals: Schiedsrichter Dominik Otte, der tätlich angegriffen worden sein soll. – Foto: Markus Nebl

Nach Urteil zur U17-Skandalpartie: Berufung wird geprüft – weitere Zeugen vernommen

Hoffnung auf neue Verhandlung

Die „Würge-Skandal“ um die B-Junioren des Kirchheimer SC ist immer noch nicht aufgearbeitet. Schiedsrichter Otte hofft auf eine neue Verhandlung.

Murnau – Rund zwei Monate ist es nun her, dass es nach dem Abbruch der Fußballpartie der U17-Bezirksoberliga zwischen dem TSV Murnau und dem Kirchheimer SC zu chaotischen Szenen kam. Doch noch immer beschäftigt der Fall die Sportgerichte und Beteiligten.

Zur Erinnerung: Schiedsrichter Dominik Otte (TSV Oberammergau) hatte den Kirchheimer Trainer Hüseyin Sözer mit Gelb-Rot vom Platz gestellt und anschließend die Partie abgebrochen, weil kein anderer die Mannschaft betreuen konnte. Nach Statuten des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) ist das jedoch ein Muss. Daraufhin belagerte das Kirchheimer Team inklusive Trainer den Unparteiischen, ein KSC-Spieler soll den Referee gewürgt haben. Mitte Dezember befasste sich das Jugendsportgericht des Fußball-Bezirks Oberbayern mit dem Fall und kam zu einem überraschenden Urteil: Der beschuldigte Kirchheimer Spieler wurde freigesprochen, Trainer Sözer bekam eine Geldstrafe – wohl in Höhe von 75 Euro – wegen unsportlichen Verhaltens aufgebrummt, und die Partie muss nachgeholt werden.

„Würge-Skandal“: Sportgericht hört nur Kirchheimer Zeugen an – Würge-Vorwurf nicht belegt

Während sich der KSC anschließend erleichtert zeigte und von einer „gerechten Verhandlung“ (Sözer) sprach, bemängelte Otte, dass vor Gericht nur die Kirchheimer Seite gehört wurde. Zudem fand das von der Unfallklinik Murnau ausgestellte Attest über „Quetschungen der Halsweichteile“ keine Berücksichtigung. Das Tagblatt richtete daraufhin einige Fragen an den BFV. Der Verband bestätigte, dass nur die Kirchheimer Seite geladen war. „Aufgrund der in der mündlichen Verhandlung vorgenommenen Beweisaufnahme sah das Gericht eine Vernehmung des Schiedsrichters und der anderen Zeugen (Schiedsrichter-Obmann Klemens Wind, Schiedsrichterin Emilia Kluck, Murnau-Trainerin Caroline Rieger, Spieler des TSV Murnau, Anm. d. Red.) als nicht mehr erforderlich an“, heißt es in der Antwort. Der Sachverhalt sei durch die „Videoaufzeichnung vollständig aufgeklärt“. Auf dem Video, das ein Vater eines KSC-Spielers aus der Hintertor-Perspektive aufgenommen hatte, war zu sehen, dass die Kirchheimer nach Abbruch den Schiedsrichter umkreisten, ihn schubsten und auf ihn einredeten. Nicht aber der vermeintliche Würge-Griff. Laut Otte soll sich der ereignet haben, als die Spielertraube ihn vor der Kamera verdeckte. Die Verletzung Ottes sei laut BFV „unerheblich“ für das Verfahren gewesen, „da zweifelsfrei belegt werden konnte, dass der beschuldigte Spieler für die Verletzung ursächlich nicht infrage kommen kann“. Die Vorgehensweise des Jugendsportgerichts entspreche „vollumfänglich der Rechts- und Verfahrensordnung“.

Wind schimpft über Urteil: „Das war keine Verhandlung, das war ein Witz“ – Otte drohen zwei Jahre Sperre

Sieht Schiedsrichter-Obmann Wind völlig anders: „Das war keine Verhandlung, das war eine Farce, ein Witz. Ich habe vorher an alles geglaubt, aber nicht an solch ein Urteil.“ Wind selbst und auch Otte waren allerdings weitgehend die Hände gebunden. Berufung konnten sie selbst nicht einlegen. Daher wandte sich Wind an höhere Stellen im Verband – und fand Gehör. Laut ihm haben Professor Sven Laumer (Verbands-Schiedsrichter-Obmann) und Robert Schraudner (Vorsitzender des Bezirks Oberbayern) eine Prüfung der Berufung eingeleitet, die bis dato noch nicht abgeschlossen ist. Im Zuge dessen sollen weitere Zeugen aus Murnau – ein Ordner, Trainerin Rieger und Spieler des TSV – sowie Schiedsrichterin Kluck befragt worden sein. Auch Wind selbst wurde vom Vorsitzenden des Bezirkssportgerichts Oberbayern, Josef Eineder, um eine schriftliche Stellungnahme gebeten. Nun hoffen Otte und der Schiedsrichter-Obmann, dass der Fall vom Bezirkssportgericht nochmals aufgearbeitet wird. „Wenn nicht, wäre das ein Schlag ins Gesicht für alle Schiedsrichter“, betont er.

Nach dem Freispruch des Kirchheimer Spielers wurde zugleich Otte selbst vom Jugendsportgericht wegen unsportlichen Verhaltens aufgrund seines Würge-Vorwurfs beschuldigt. Der Referee nahm dazu schriftlich Stellung, hat laut eigener Aussage aber bisher noch keine neuen Informationen über den Sachstand erhalten. Wind erzählt in diesem Zuge, dass Otte im schlimmsten Fall eine zweijährige Sperre droht. „Zugleich bekommt der Kirchheimer Trainer eine 75-Euro-Strafe, das ist doch lächerlich.“

Spielabbruch nicht rechtens? Wind kritisiert neuen Paragrafen: „Kann die restliche Zeit weiter plärren“

Dieser Punkt ist aber nicht der einzige, der dem Obmann sauer aufstößt. Denn im Zuge des Urteils wurde auch der Spielabbruch als falsch betitelt. Seit dem 1. August 2022 gibt es einen Paragrafen in der Jugendordnung des BFV, der besagt, dass der Trainer trotz des Platzverweises sein Team weiter betreuen darf, wenn kein anderer die Rolle übernehmen kann. Doch von dieser Satzungsänderung wussten weder Otte noch Wind. Auf den Lehrabenden für die Unparteiischen vor der Saison sei davon laut Wind keine Rede gewesen. „Keine Schiedsrichtergruppe hat davon gewusst.“ Daher hat laut Winds Informationen auch der TSV Murnau, der zum Zeitpunkt des Abbruchs mit 2:1 in Führung lag, Einspruch gegen die Neuansetzung der Partie eingelegt. Von Vereinsseite aus wollte man sich hierzu auf Nachfrage jedoch nicht äußern.

Wind kritisiert zudem den neuen Paragrafen an sich. „Was machen wir denn, wenn ein Jugend-Trainer nach 30 Minuten Rot sieht? Dann braucht er nur sagen, dass kein anderer da ist und kann die restliche Zeit weiter plärren, wie er will.“ Nur bei schwerwiegenden Vergehen kann der Referee das Spiel abbrechen. (Patrick Hilmes)

Aufrufe: 012.1.2023, 09:34 Uhr
Patrick HilmesAutor