– Foto: Sascha Köppen

Ein Rückblick ins Rheinpreußen-Stadion

Die traditionsreiche Sportanlage in Meerbeck wird abgerissen und muss dem neuen Volkspark weichen. Alwin Watzke hat viel Zeit auf dem Fußballplatz verbracht. Er erzählt von Spielen vor 20.000 Zuschauern und schaut wehmütig zurück.

Alwin Watzke ist ein Fußball-Nostalgiker. Er prägte die großen Zeiten des MSV Moers mit, feierte tolle Erfolge im Rheinpreußen-Stadion. Bälle werden in der Spielstätte mit einem einstigen Fassungsvermögen von mehr als 20.000 Zuschauern nicht mehr ins Netz geschossen.

Die Tore sind abmontiert, der Naturrasen ist ebenfalls weg. Das Rheinpreußen-Stadion mit der markanten Sprecher-Kabine und der Pepsi-Werbung auf dem Dach verschwindet. Es macht Platz für den neuen Volkspark – eine moderne Sportanlage nicht nur für Fußballer und Leichtathleten. Alwin Watzke verfolgt die Abrissarbeiten mit Wehmut. Die Erinnerungen an die großen Spiele vor großer Kulisse kann ihm niemand nehmen.

Der Rentner, heute 74 Jahre alt, erzählt gerne von den Zeiten, als die Fernseher noch eine Röhre hatten: „Wir hatten bei den Heimspielen gegen den 1. FC Bocholt, Rot-Weiß Oberhausen und unseren Erzrivalen aus dem Kreis Moers, TuS Xanten, immer über 3000 Zuschauer.“ Watzkes Senioren-Laufbahn begann 1965. „Ich wurde erstmals gegen den ASV Lank eingesetzt und habe gleich zwei Tore gemacht“, sagt er.

1954 war er dem damaligen TuS Meerbeck beigetreten, obwohl es dort für seine Altersstufe noch gar keine Mannschaft gab. Nach zwischenzeitlichen Auftritten beim VfB Kleve und Hamborn 07 zog es ihn zurück nach Meerbeck, wo er den überraschenden Aufstieg in die Oberliga Nordrhein feiern durfte. 1980 beendete er seine Laufbahn in Meerbeck und zog weiter zum SC Rheinkamp. Zehn Jahre fungierte er erst als Spielertrainer und später als Coach ohne Fußballschuhe an der Orsoyer Allee.

Im Winter 2021 sieht Alwin Watzke zu, wie Bagger die Tribünen des Rheinpreußen-Stadions auseinanderpflücken. Er hat die Geschichte(n) und Kuriositäten rund um die Spielstätte akribisch festgehalten. Nach seiner Eröffnung 1959 mit einem Leichtathletik-Länderkampf zwischen der Bundesrepublik und der Tschechoslowakei gehörte das Rheinpreußen-Stadion mit einer Kapazität von 23.000 Zuschauern zu den großen Sport-Arenen der Republik. Beim Leichtathletik-Länderkampf waren die Tribünen proppenvoll. Nur noch einmal wurde eine fünfstellige Zuschauerzahl erreicht – und zwar 1964. Da musste der Homberger SV als frischgebackener Aufsteiger in die Regionalliga West, damals die zweithöchste deutsche Spielklasse im Fußball, nach Meerbeck ausweichen, weil das eigene Rheinstadion noch nicht fertiggestellt war. Vor geschätzten 10.000 Zaungästen gewannen die Gäste von SW Essen mit 2:0.

Auch der zweite und letzte Auftritt der Homberger in Moers blieb erfolglos. Gegen Preußen Münster gab es eine 1:2-Niederlage. Der spätere Meerbecker Trainer Arno Stöffken erzielte den Ehrentreffer. 5000 Zuschauer sahen dieses Duell.

Stöffken, der 2020 starb, sorgte Anfang der 1980er-Jahre für Aufsehen rund ums Rheinpreußen-Stadion. Als MSV-Trainer war er gescheitert, wollte aber noch sein ausstehendes Gehalt. Weil das nicht kam, beauftragte er schließlich einen Gerichtsvollzieher, der bei einem Heimspiel nicht die Punkte, sondern das ausstehende Salär eintrieb.

Für viel Wirbel sorgte auch ein Oberliga-Heimspiel der Meerbecker gegen den SC Jülich. Die Gäste warben auf ihren Trikots für die Kernenergie. Und irgendwie war durchgesickert, dass in der Grafenstadt eine Demo gegen den Jülicher Auftritt vor dem Stadion geplant war. Ein für damalige Verhältnisse Groß-Aufgebot der Polizei sicherte die Arena, während von den Demonstranten weit und breit nichts zu sehen war.

Großen Fußball bekamen die Anhänger letztmalig zum hundertjährigen Vereinsbestehen im Jahr 2013 zu sehen, als Regionalligist Rot-Weiss Essen gegen eine Moerser Stadtauswahl antrat. Ärger gab es nach dem Abpfiff. Denn die eigens für die Stadtauswahl angefertigten Trikots waren verschwunden.

Und Alwin Watzke könnte noch mehr Geschichten zum Besten geben. Einem Fußball-Nostalgiker wie ihm fällt es umso schwerer mitanzuschauen, wie das Rheinpreußen-Stadion Stück für Stück abgebrochen wird. Diesen ganz besonderen Charme wird die neue Volkspark-Sportanlage nicht haben. Da ist sich der Moerser sicher.

Aufrufe: 21.3.2021, 21:00 Uhr
RP / Jürgen SchroerAutor

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