– Foto: Timo Babic

Egoistische Ansätze oder gesellschaftlicher Weitblick?

Nach der Videokonferenz der Oberligisten am Dienstagabend wurde auf der Facebook-Plattform von FuPa Niederrhein angeregt über die Frage nach der Saisonfortsetzung diskutiert - und einige lokale Fußballgrößen mischten dabei mit.

Am Dienstagabend hatten wir über die Stimmungslage der Vereine in der Oberliga berichtet, die durchaus gemischt war. Zwölf Vereine hatten sich tendenziell eher für einen Abbruch, elf für das Ausschöpfen aller Mittel für eine Saisonfortsetzung ausgesprochen. Im Nachgang würde das Thema von einigen Protagonisten des niederrheinischen Amateurfußballs auch unter unserem Facebook-Post zum Thema heiß und kontrovers diskutiert.

Zu Wort gemeldet hat sich etwa Bekim Kastrati, der Trainer des Oberligisten Teutonia St. Tönis. Der schrieb: "An all diejenigen, die einen Abbruch der Saison fordern: Ist euch bewusst, dass dann acht bis neun Monate ohne Mannschaftstraining vergangen sind, bis zum Vorbereitungsstart für die neue Saison? Ist das allen Ernstes die Alternative? Denkt daneben auch an die Vereine, welche derzeit in der Tabelle oben stehen, die viel Zeit, Fleiß, Arbeit, Geld und Herzblut investiert haben, um die Möglichkeit zu haben, aufzusteigen. Oder geht es bei vielen von Euch nur um den eher egoistischen Ansatz, abzubrechen, um möglicherweise einem Abstieg zu entgehen? Was ist daran sportlich? Sportlich fair und im Interesse aller Vereine, aber auch Trainer und Spieler sollte es sein, bis zum Schluss für eine Weiterführung der Saison zu kämpfen. Erst wenn zu 100 Prozent klar ist, dass dies nicht mehr möglich ist, sollte ein Abbruch beschlossen werden."

Unterstützung erhält er dabei durchaus von Heinrich Losing, Trainer des SV Sonsbeck. "Steigende Zahlen, (mögliche) Ansteckungsgefahr, Sicherheit usw., alles nachvollziehbar. Aber tut mir einen Gefallen in dem Zusammenhang und erzählt doch bitte nicht etwas von Planungssicherheit für die Vereine. Das höre ich so häufig. Es ist doch egal, ob die Saison abgebrochen wird oder nicht, die neue Saison planen müssen doch schon längst alle. Die Mannschaften, die um den Auf- oder Abstieg spielen, müssen so oder so zweigleisig planen. Das hätte man aber auch tun müssen, wenn die Saison normal laufen würde. Jede Mannschaft, die in einer Saison um einen Aufstieg oder Abstieg spielt, hat keine richtige Planungssicherheit, weil eventuell erst an den letzten Spieltagen oder am letzten Spieltag entschieden wird, in welcher Liga sie spielt. Trotzdem plant man doch vorher schon die nächste Saison und macht das nicht erst an den letzten Spieltagen. Und dieses Jahr ist doch sowieso komplett anders. Eine große Fluktuation in den Mannschaften (bis auf wenige Ausnahmen) wird es doch sowieso nicht geben. Dieses Jahr ist mit keinem anderen Jahr zu vergleichen und stellt uns doch sowieso schon vor ganz anderen Herausforderungen. Ich kann nur für meine Spieler sprechen, die haben einfach satt, laufen zu gehen und wollen einfach wieder mit ihren Mannschaftskameraden ihrem liebsten Hobby, dem Fußball, nachgehen. Ich glaube aber, da sprechen wir für die meisten Fußballspieler. Natürlich alles nur, wenn die Sicherheit dabei gewährleistet ist."

Anders sieht die Sache etwa Khaled Daftari, der Teammanager von Union Nettetal. "Wenn man 'eins plus eins' zusammenrechnen kann, ist an einen Re-Start doch gar nicht zu denken! Die Inzidenzzahlen steigen wieder täglich, es gibt zu wenig Impfstoff und einer wurde aus dem Verkehr gezogen. Und sollte man doch wieder anfangen können, gibt es dann keine Corona-Fälle mehr? Es wird wieder Mannschaften geben, die in Quarantäne müssen, diese verpassen in zwei Wochen bis zu sechs Spiele. Viel schlimmer finde ich jedoch die Tatsache, dass der Fußballverband Niederrhein und einige Vereinsvertreter sich über die Gesellschaft stellen. Wir sind Amateure, gehen jeden Tag zur Arbeit, was sagen Chefs, wenn Spieler, Trainer, Funktionäre Ihrem Hobby nachgehen und sich infizieren und auf der Arbeit ausfallen? Es gibt mit Sicherheit Menschen, die wegen Corona Ihre Arbeit verloren haben oder in Kurzarbeit sind, die haben mit Sicherheit andere Gedanken als Amateurfußball. Und will man es den Spielern und Trainern zumuten, in der aktuellen Situation, Sonntag, Mittwoch, Sonntag zu spielen? Wir sind Amateure und keine Profis!"

Einen ebenfalls zentralen Aspekt bringt auch Norbert Lewing, Abteilungsleiter beim TuS Fichte Lintfort, in die Diskussion ein. "Medienbericht: Bund und Länder planen Lockdown-Verlängerung. Dann spielt mal weiter. Wenn ihr dürft!" Kritisch zu einer Fortsetzung stellt sich auch Ahmed Mohamad, Co-Trainer des TV Jahn Hiesfeld, in seiner Antwort auf Kastratis Einlassung: "Mein Freund, natürlich sollte man als Sportler dafür kämpfen, dass man es sportlich beenden soll, da bin ich der gleichen Meinung wie du. Aber trotzdem sollten wir auch menschlich bleiben und uns die aktuelle Lage mal ansehen. Es gibt Menschen, die haben ihre Existenz verloren oder werden diese noch durch Corona verlieren. Es gibt Menschen, die sind in Kurzarbeit wegen Corona, da können wir nicht als Amateur-Trainer sagen, wir müssen den Fußball mit aller macht durchboxen. Das wäre unverantwortlich gegenüber den Menschen, die vieles verloren haben. Ich liebe denn Fußball sehr und möchte gerne die Männer wieder spielen sehen, aber aktuell wäre es am besten, die Saison wird abgebrochen. Natürlich verstehe ich die Vereine, die eventuell die Möglichkeit haben aufzusteigen, dass die es nicht so schnell akzeptieren werden. Mein Vorschlag wäre, um einen Aufsteiger zu ermitteln, das die ersten beiden Mannschaften ein Hin- und Rückspiel machen, damit ein Aufsteiger feststeht."

Auch Christian Knappmann, seit vielen Jahren Trainer bei Westfalia Herne und früher gefürchteter Stürmer etwa bei Rot-Weiss Essen, dem Wuppertaler SV oder dem KFC Uerdingen, beteiligte sich an der Diskussion und bringt einen Aspekt ein, der so bisher vom Verband nicht thematisiert wurde. "Ein Abbruch ist aus sport- und zivilrechtlichen Gründen überhaupt nicht möglich. Bis zum 30.06.2021 wird 'gespielt' und dann findet eben eine Abrechnung statt, so ist es in der Spielordnung definiert." Davon ist so bisher zumindest noch nie die Rede gewesen.

Einen nicht ganz so ernst gemeinten Vorschlag macht der Essener Torhüter Marc Mühlenbeck, der als "Titan" bekannt geworden ist. "Oder die restlichen Spiele werden alle an einem Wochenende auf einem Platz als Elfmeterschießen organisiert. Das wäre auch geil." Kurz und knapp bringt es hingegen der ehemalige Oberligaspieler Pascal Schmitz auf den Punkt, und spricht damit sicherlich vielen Fußballern beider "Lager" aus der Seele. "Khaled Daftari, ich möchte mein Leben zurück." Klar geworden ist einmal mehr: Fußball polarisiert - und in einer Pandemie offenbar erst recht. Angenehm in der Diskussion war aber, dass fast alles sachlich vorgetragen wurde. Das sollte auch so sein.

Aufrufe: 17.3.2021, 11:15 Uhr
Sascha KöppenAutor

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