2026-05-06T12:44:31.715Z

Interview der Woche

Mr. Inter tritt ab: „Spieler werden schlichtweg beschissen“

Gerd Thomas übergibt Amt an Nachfolger und spricht Klartext im FuPa-Berlin-Interview

von far · Heute, 11:00 Uhr · 0 Leser
Gerd Thomas und Bernd Fiedler
Gerd Thomas und Bernd Fiedler – Foto: Christof Lehner

Nach Jahrzehnten an der Spitze des FC Internationale Berlin übergibt Gerd Thomas den Vorsitz an eine jüngere Generation. Doch zum Abschied wird der langjährige Vereinschef noch einmal deutlich: Er spricht über Schwarzgeld im Amateurfußball, fragwürdige Spielerberater, fehlende Sportplätze, die Krise des Ehrenamts und die zunehmende Kommerzialisierung des Berliner Fußballs. Ein Gespräch über Idealismus, Frust – und die Zukunft des Amateurfußballs.

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Eine prägende Ära endet

Beim FC Internationale Berlin endet eine prägende Ära. Über Jahrzehnte hinweg war Gerd Thomas eines der bekanntesten Gesichter des Berliner Amateurfußballs, führte Inter als Vorsitzender, Jugendleiter, Trainer und kritischer Begleiter der Fußballpolitik. Nun hat er den Staffelstab an die jüngere Generation übergeben: Jannic Bährens und Miguel Nunez von Voigt übernehmen die Verantwortung beim Traditionsverein aus Schöneberg.

Internationale klopft an die Berlin-Liga

Der Zeitpunkt könnte sportlich kaum besser gewählt sein. Inter führt die Landesliga Staffel 1 mit vier Punkten Vorsprung auf Johannisthal an und steht vor dem Aufstieg in die Berlin-Liga. Doch zum Abschied wird Thomas keineswegs leise. Im Interview spricht der langjährige Vereinschef offen über Missstände im Berliner Fußball, kritisiert Politik und Verbände und verteidigt gleichzeitig den besonderen Weg seines Vereins: keine Spielerzahlungen, starke Jugendarbeit und gesellschaftliches Engagement statt kurzfristigem Erfolg um jeden Preis.

Gerd Thomas (Ehrenvorsitzender), Miguel Nunez von Voigt (2. Vors.), Jannic Bährens (1. Vors.), Werner Kawald (Ehrenvorsitzender)
Gerd Thomas (Ehrenvorsitzender), Miguel Nunez von Voigt (2. Vors.), Jannic Bährens (1. Vors.), Werner Kawald (Ehrenvorsitzender) – Foto: Verein

Interview mit Gerd Thomas

„Der Zeitpunkt darf nicht verpasst werden“

Gerd, du hast nach Jahrzehnten den Vorsitz bei Inter an eine jüngere Generation übergeben. Wie schwer fällt dir dieser Schritt persönlich?

„Tatsächlich leichter, als ich es vor einigen Wochen selbst gedacht hatte. Ursprünglich wollte ich noch ein Jahr machen. Aber Jannic Bährens und Miguel Nunez von Voigt, den ich ja schon seit meiner Zeit als Jugendleiter und Trainer kenne, fühlten sich bereit und haben Lust auf den Job. Diesen Zeitpunkt darf man nicht verpassen.

Unser Verhältnis ist sehr gut, wir sehen uns oft. Sie können Werner Kawald und mich immer um Rat fragen. Ich bin sehr froh, dass wir den Übergang so unproblematisch hinkriegen. Die beiden waren schon ein Jahr im Vorstand, sind aktive Spieler der 2. Herren, beide Juristen, sehr klug und mit enger Bindung zum Verein. Was soll da schiefgehen? Bei Fragen sind wir ja da.“

„Berlin ist keine Sportmetropole“

Was war der größte Aufreger oder Konflikt in deiner Zeit als Vorsitzender von Inter Berlin?

„Es gab in den vergangenen 20 Jahren durchaus interne Konflikte, die auch intern bleiben. Einmal haben mich Menschen beim DFB, BFV und meinem Arbeitgeber denunziert. Die haben wohl ihre Trennung von Inter nicht verkraftet.

Die meiste Kraft kosten die lähmenden Diskussionen mit der Politik, die geeignet sind, jedes Engagement in der Stadt zu töten. Berlin nennt sich gern Sportmetropole. Das ist lächerlich, mit Verlaub. Ich würde mir wünschen, dass wir eine echte Breitensportmetropole werden. Leider hat diese Stadt kein Herz für den Amateursport, für Kinder, für die Vereine.

Kein Wunder, dass der Funke bezüglich der Olympischen Spiele nicht auf die Vereine überspringen will. Die meisten Vorstände glauben der Politik einfach nichts mehr.“

„Sport und Politik lassen sich nicht trennen“

Gerd Thomas
Gerd Thomas – Foto: Frank Arlinghaus

Was war dein größter Erfolg in all den Jahren bei Inter Berlin?

„Den FC Internationale als anerkanntes Mitglied der aktiven Stadtgesellschaft zu verankern. Wir haben inzwischen einen sehr guten Ruf – sowohl sportlich, aber vor allem bezüglich unseres stetigen gesellschaftlichen Engagements.

Alle, die uns erzählen wollen, Sport und Politik seien zu trennen, haben keine Ahnung oder betreiben bewusst Desinformation. Das Gegenteil ist der Fall. Leider verstehen nur sehr wenige Berliner Politiker, wie groß die Möglichkeiten sind, unsere Stadt mit Hilfe des Breitensports lebenswerter und attraktiver zu machen

„Es ist so viel Schwarzgeld im Umlauf“

Jetzt bist du nicht mehr Vorsitzender und kannst freier sprechen: Werden wir heute Dinge über den Berliner Fußball hören, die du bisher bewusst nicht öffentlich gesagt hast?

„Dafür müsstest du mir jede Woche eine Kolumne einräumen. Aber so viel: Es gibt so viele Ungereimtheiten, nicht zuletzt finanzieller Art. Es ist so viel Schwarzgeld im Umlauf, da ist von fairem Wettbewerb nicht zu reden.

Alle wissen das, kaum jemand redet darüber – schon gar nicht offen und ehrlich.“

Thomas fordert außerdem deutlich mehr Druck auf die Politik:

„Meine Forderung an die Parteien ist ein klares belastbares Bekenntnis zum Bau und zur Sanierung von ausreichenden Plätzen und Hallen für den Breitensport. Wird das nicht in die Wahlprogramme aufgenommen, müssen wir streiken – zur Not einen ganzen Monat kein Jugendtraining.“

„Keine Jugendarbeit? Dann keine höheren Ligen“

Viele Berliner Vereine kaufen Spieler zusammen, statt eigene Talente auszubilden. Wird Jugendarbeit in Berlin kaputtgemacht?

„Ich bin für diesen Vorsatz: Keine Jugendarbeit, keine Zulassung oberhalb der Kreisliga. Aber es werden ja ohnehin permanent Ausnahmen gemacht. Der Ehrliche ist der Dumme.

Vereine wie Inter, Hansa 07 oder Viktoria Mitte bilden hunderte gute Spieler aus, die dann mit fragwürdigen Methoden weggekauft werden.“

Besonders kritisch sieht Thomas die Entwicklung im Jugendbereich:

„Im Jugendbereich laufen so viele Wegelagerer rum, die den Kids und ihren Eltern mit völlig falschen Versprechen den Vereinswechsel schmackhaft machen. Nirgendwo im Fußball wird mehr gelogen als beim Thema Vereinswechsel.“

– Foto: Frank Arlinghaus

„Viele Spieler werden schlicht beschissen“

Gibt es im Berliner Fußball Strukturen, die in Richtung Menschenhandel gehen?

„Man hört haarsträubende Dinge. Es wird von Agenturen erzählt, die mit Spielern aus dem Ausland handeln. Viele Spieler in Berlin werden schlicht beschissen.

Da wird ab Februar kein Geld mehr ausgezahlt, wenn die Ziele nicht mehr erreicht werden können oder der Verein eigentlich schon zahlungsunfähig ist. Dann können sie ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und müssen sehen, wo sie bleiben.“

„Unser Weg ist kein romantischer Fußballtraum“

Inter zahlt keine Spieler – romantische Fußball-Idee oder Gegenmodell zum modernen Fußballgeschäft?

„Die Vereine müssen ihren eigenen Weg finden. Unser Weg wurde uns 1980 von den Vereinsgründern mitgegeben. Schon aus Verpflichtung gegenüber der Gründungsgeschichte zahlen wir kein Geld.

Das hat aber viele Vorteile. Viele unserer Spielerinnen und Spieler sind seit der Jugend bei uns. Das schafft Identität.“

Kritik an Delay Sports und dem BFV

Wie bewertest du die Entwicklung rund um Delay Sports?

„Viele Vereine waren sehr erstaunt über das, was da passiert ist. Wenn Influencer-Millionäre sich ein neues Hobby in den Kopf gesetzt haben und reiche Freunde haben, können sie eben Dinge tun, die ein normaler Amateurverein nicht kann.

Der Turbokapitalismus mit seinen sehr eigenen Regeln hat auch den Berliner Fußball erreicht.“

Thomas sieht vor allem den Berliner Fußball-Verband kritisch:

„Man geht beim BFV gern den Weg des geringeren Widerstands und verkauft uns die eigenwillige Rechtsauffassung dann auch noch als Gestaltung.“

„Pleitevereine müssten wieder in der Kreisliga C anfangen“

Traditionsvereine wie Viktoria Berlin oder TeBe kämpfen immer wieder mit finanziellen Problemen. Was läuft dort falsch?

„Uns hat man gelehrt: Du darfst nicht mehr Geld ausgeben als du zur Verfügung hast. Diese Erkenntnis scheint in vielen Berliner Vereinen nicht angekommen zu sein.

Wenn ich sehe, dass einige Vereine schon das zweite oder dritte Mal pleite sind, dann habe ich dazu eine klare Meinung: Raus aus dem BFV oder zumindest in der Kreisliga C wieder anfangen. Alles andere ist Wettbewerbsverzerrung.“

„Der BFV braucht eine jüngere Führung“

Warum eigentlich nicht BFV-Präsident, Gerd?

„Nein, es braucht auch beim BFV eine jüngere Person mit Energie, modernen Methoden und Visionskraft. Wir können doch nicht einen 69-Jährigen gegen einen mit 66 oder 62 austauschen.

Es wäre gut, wenn mal jemand unter 50 ins Amt käme – am besten eine Frau, die in der Stadt gut vernetzt ist, aber auch weiß, wo der Schuh an der Basis drückt.“

Zum Schluss verweist Thomas noch auf die kommende Amateurfußball-Konferenz der Hartplatzhelden am 22. Mai in Berlin. Dort wird er Workshops zur Zukunft des Ehrenamts durchführen – ein Thema, das ihn offenbar auch nach seinem Rückzug aus dem Vereinsamt weiter antreiben wird.

FC Internationale

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