2024-07-17T10:40:36.325Z

Allgemeines
Alex Bauer fand die Stimmung bei Deutschlands Auftritten ausbaufähig.
Alex Bauer fand die Stimmung bei Deutschlands Auftritten ausbaufähig. – Foto: Eibner

Mit dem Brachelen-Banner durch die EM

Alex Bauer aus Brachelen, der wohl verrückteste Fußballfan aus dem Kreis Heinsberg, war auch bei der Heim-EM ständig vor Ort, hat 15 Partien live gesehen. Der 44-Jährige verrät auch, wie er es geschafft hat, aus der EM mit finanziellem Gewinn hervorzugehe

5,50 Meter in der Länge und 80 Zentimeter in der Breite misst das markante Brachelen-Banner von Alex Bauer. 25 Jahre hat das gute Stück mittlerweile auf dem Buckel und hat schon in unzähligen Stadien rund um den Globus gehangen. Bei jedem Spiel von Borussia Mönchengladbach sind Bauer und sein Banner dabei – sogar, wenn die Fohlen auf einer Werbetour irgendwo in Asien spielen. Genauso hängt es aber auch bei jedem Spiel der deutschen Nationalmannschaft – auch in den entlegensten Winkeln der Erde, wenn dort das DFB-Team antritt.

Bei der aktuellen Europameisterschaft sind die Wege auch für Bauer zwangsläufig aber vergleichsweise kurz – das Kontinentalturnier findet nun mal in Deutschland statt. Was für den 44-Jährigen, den wohl verrücktesten Fußballfan des Kreises Heinsberg, quasi ein gefundenes Fressen ist. Seine ganz persönliche EM-Bilanz: 15 der bislang 48 Spiele hat er vor Ort im Stadion gesehen – ziemlich genau ein Drittel also. Eine bemerkenswerte Bilanz, die so schnell keiner toppen dürfte – und sein Banner war natürlich immer dabei.

Im TV sehr präsent

Das war bei den TV-Übertragungen in den vergangenen Tagen häufiger sehr gut zu sehen, weil es teilweise äußerst fernsehtauglich gar in Höhe der Mittellinie auf der Gegengeraden platziert war – die Führungskamera fing das so immer wieder mal ein. „Das klappt wirklich ganz hervorragend. Klar musste ich das Banner auch für die Heim-EM vorher anmelden, aber vor Ort gibt es bei der Anbringung dafür gar keine Probleme“, versichert Bauer.

Was bei der WM 2014 in Brasilien ganz anders ausgesehen habe. „Da waren keine Zaunfahnen geduldet – auch nicht im Finale im Maracana-Stadion. Wenn man da was aufgehängt hat, kamen sofort Ordner und entfernten das wieder.“ Für solche Fälle hat er als Alternative eine zweimal einen halben Meter große Handfahne dabei – natürlich auch mit dem Brachelen-Motiv. „Die halte ich dann hoch.“ In Deutschland ist das aber nicht nötig. „Hier hängt sie wirklich überall prima.“

Gar nicht so prima findet Bauer bislang aber die Stimmung bei den deutschen Spielen. „In Dortmund beim Achtelfinale gegen Dänemark war zwar schon eine Menge los, aber bei Weitem nicht so viel, wie ich es in den vergangenen Tagen bei anderen Spielen erlebt habe.“ Als Beispiel nennt er die ebenfalls in Dortmund stattgefundene Partie zwischen der Türkei und Georgien. „Da war die Stimmung noch viel besser, sind die Fans beider Lager noch viel mehr mitgegangen – ebenso bei den Spielen der Albaner und der Engländer. Der Nationalstolz ist da einfach viel ausgeprägter als bei uns.“

Zu viele Eventfans

In seiner Familie sei das ganz anders – und dazu verweist er speziell auf seine Mutter: „Meine Mama ist eine sehr fleißige Hausfrau, tut eigentlich immer was. Doch wenn Deutschland spielt, stellt sie das Bügelbrett weg. So bin ich groß geworden, und mein Bruder samt seiner drei Töchter sind genauso infiziert. Mit der ganzen Familie waren wir in Mönchengladbach beim Abschlusstest gegen Griechenland. Das war einfach toll.“

Für seinen Geschmack sind grundsätzlich zu viele Eventfans bei den deutschen Spielen im Stadion. „Die sind mehr an Selfies als am Spiel interessiert, sind andauernd mit ihrem Handy beschäftigt. So was regt mich sehr auf. Man geht doch ins Stadion, um die eigene Mannschaft anzufeuern.“

Was für ihn freilich noch viel weniger geht, sind die beiden Capos, die aus der von DFB-Fanclubs gegründeten „AG Stimmung“ hervorgegangen sind. Capos sind Vorsänger in der Kurve, die in der Regel mit einem Megaphon die Fans zum Mitsingen und Mitklatschen animieren wollen und dabei oft mit dem Rücken zum Spielfeld stehen – in der Bundesliga ist das gang und gäbe. „Diese beiden regen mich noch mehr auf. Die sollten besser im Zirkus auftreten“, grollt Bauer – und betont, dass er diese Meinung keineswegs exklusiv habe: „Das sehen viele in der Szene genauso wie ich.“

Dass Bauer als quasi Gründungsmitglied des 2003 aus der Taufe gehobenen offiziellen DFB-Fanclubs Nationalmannschaft bei großen Turnieren stets recht problemlos an Tickets für die deutschen Spiele kommt, ist klar – zumal er im nationalen Fan-Ranking ganz weit oben steht. „Für jedes besuchte Länderspiel in einem gewissen Zeitraum gibt es Punkte. Aktuell habe ich 36 – mehr hat in Deutschland keiner. Sechs andere haben wie ich 36 Punkte. Damit führen wir die Liste an.“

Stellt sich aber nun die Frage, wie Bauer an die Tickets für die zehn Spiele ohne deutsche Beteiligung gekommen ist. Der Brachelener gibt bereitwillig Auskunft: „Ich fahre mit dem Zug mittags zum Spielort, hänge mir ein Schild um, dass ich eine Karte suche. Damit laufe ich kreuz und quer durch den Bahnhof und durch die Innenstadt. Es ist Wahnsinn, wie viele Händler vor den Spielen unterwegs sind – sogar aus Brasilien.“

Wenn er auf einen Händler stößt, verhandelt er den Preis – mit einer klaren Maxime: „Ich zahle keine Wahnsinnssummen. Mehr als 80 Euro habe ich bislang für keine Karte gezahlt.“ Grundsätzlich beschränke er sich auf die Spiele in NRW – also auf die Partien in Düsseldorf, Köln, Dortmund und Gelsenkirchen. Zehn Mal war er mit dieser Taktik also schon erfolgreich – zweimal nicht. Was er dann gemacht habe? „Dann bin ich eben wieder nach Hause gefahren oder habe das Spiel in der Düsseldorfer Altstadt geguckt. Ich habe das 49-Euro-Ticket, die Zugfahrten kosten mich also nichts extra.“

Und dann verrät der Brachelener Lokalpatriot noch etwas ganz und gar Erstaunliches: „Mit der EM habe ich ein Plus von rund 100 Euro gemacht.“ Wie das gehe? „Ganz einfach. Viele Leute lassen im Stadion achtlos ihre Hartplastik-Trinkbecher liegen. Dabei sind da pro Becher drei Euro Pfand drauf. Nach den Spielen sammele ich die weggeworfenen Becher ein. Da kommen schon mal schnell 30 Becher zusammen.“ Auf diese Art habe er bislang eben mehr eingenommen als für die Karte ausgegeben.

Aber trotz EM: Borussia Mönchengladbach steht für Bauer an erster Stelle. „Danach kommt der SV Brachelen, dann die Nationalmannschaft“, bekräftigt er. Was diese Priorisierung für skurrile Blüten treiben kann, zeigte die WM 2010 in Südafrika. Da war er natürlich auch vor Ort. Doch nach dem Achtelfinalsieg der deutschen Elf gegen England war für ihn dort Schluss, er reiste zurück in die Heimat. Nicht etwa, weil ihm das Geld ausgegangen wäre. Der Grund war ein anderer: Wenige Tage nach diesem Spiel trug der SV Brachelen anlässlich seines 100-jährigen Bestehens ein Freundschaftsspiel gegen Alemannia Aachen aus – da konnte und wollte Bauer nicht fehlen, verzichtete dafür auf die weitere WM. „In Brachelen gab es vorher am Platz auch noch einiges zu tun – da musste ich einfach dabei sein“, erzählt er so trocken, als ob dies das Normalste auf der Welt sei – klar, ein WM-Halbfinale kann nun mal nicht mit einem Brachelener Spiel gegen Aachen mithalten.

Brachelens Aufstieg war das Größte

Und passend dazu muss Bauer auch nicht lange überlegen, wenn er nach dem größten Tag in seinem Fußballfan-Dasein gefragt wird: „Das ist und bleibt der 25. Mai 2008. Da hat Brachelen daheim 0:0 gegen den SV Schwanenberg gespielt und ist damit in die Bezirksliga aufgestiegen. Was danach im Ort los war, ist einfach unbeschreiblich. Das war nicht nur mein schönster Tag als Fußballfan, sondern auch generell der schönste Tag in meinem bisherigen Leben.“

Ein Leben, das sich für den beim Hückelhovener Bauhof beschäftigten Brachelener vor allem eben um Fußball dreht. Auch beim hiesigen Branchenführer FC Wegberg-­Beeck ist Alex Bauer ein sehr gern gesehener Gast. Auch das trieb schon mal außergewöhnliche Blüten: In der Coronazeit, als Beeck in der Regionalliga unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen musste, war einige Male im Umfeld des Stadions auch Alex Bauer zu sehen – so zum Beispiel bei Beecks Spiel bei der U23 Fortuna Düsseldorfs im Paul-Janes-Stadion. Da konnte man ihn gut von der Tribüne aus als buchstäblichen Zaungast erblicken, wie er von jenseits des Zauns alleine das Spiel verfolgte.

Über jedes besuchte Spiel – vom WM-Finale bis zum Brachelener Jugendspiel – führt Bauer seit vielen Jahren gewissenhaft Buch. Seine aktuelle Bilanz im Jahr 2024: 165 Spiele. Das Jahr ist rund 190 Tage alt – macht also im Schnitt fast ein Spiel pro Tag, das sich dieser echte Fußballjunkie in einem Stadion oder auf einem Sportplatz reingezogen hat.

Aufrufe: 010.7.2024, 20:00 Uhr
Mario EmondsAutor