
Michel Lieder, Sie stehen kurz vor dem 300. Pflichtspiel für Borussias U23. Können Sie sich noch an Ihr erstes Spiel erinnern?
LIEDER Puh... Die Erinnerung daran, ist etwas verblasst, aber es müsste 2015 unter Sven Demandt gewesen sein.
Genau, am 23. Mai 2015 wurden Sie zur zweiten Halbzeit für Nico Brandenburger eingewechselt.
LIEDER Am letzten Spieltag. Damals habe ich noch auf der Sechs gespielt. Und danach hatten wir die Aufstiegsspiele gegen Bremen II.
Zehn Jahre ist das her, wir haben das anstehende Jubiläum angesprochen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken?
LIEDER Mich macht es stolz, dass ich quasi mein ganzes Leben bei Borussia spiele. Ich bin 2004 mit acht Jahren hierhergekommen. Ich bin stolz, die Mannschaft mittlerweile als Kapitän anzuführen. Über die Jahre habe ich viele junge Spieler begleitet, die Aufgabe als älterer Spieler macht mir unheimlich viel Spaß. Irgendwann habe ich gemerkt, dass diese Aufgabe super zu mir passt.
In der Jugend haben Sie als Jahrgang 1996 unter anderem mit Mahmoud Dahoud zusammengespielt. Wenn Sie auf die Zeit in der A-Jugend schauen: Wer waren damals die Spieler, bei denen man gedacht hat, dass Sie den Sprung nach oben schaffen?
LIEDER Mo hat immer herausgeragt bei uns. Als ich 18 Jahre alt war, hat Gladbach in der Champions League gespielt. Damals war es für junge Spieler wahrscheinlich noch etwas schwieriger, oben reinzurutschen, Ausnahmespieler wie er haben trotzdem eine Chance bekommen. Dennis Eckert fällt mir noch ein.
Der seit einigen Jahren in Belgien spielt und für Celta Vigo in La Liga zum Einsatz gekommen ist.
LIEDER Ich fand es echt schade, als er gegangen ist, aber er hatte irgendwann zu viele erfahrene und gestandene Profis in Gladbach vor sich. Auch Ba-Muaka Chance Simakala war ein Riesentalent. Wir hatten schon eine brutale Mannschaft, auch Tsiy Ndenge ist Profi geworden. Als ich in die U23 kam, waren Jungs wie Marlon Ritter und Giuseppe Pisano diejenigen, die vorangegangen sind. Da war man als junger Spieler froh, wenn man überhaupt zum Kader gehörte.
Das Mindset der Spieler dürfte sich geändert haben.
LIEDER Heutzutage denkt der eine oder andere vielleicht, dass er sofort bei uns Stammspieler sein müsste. Früher ging es eher darum, kleinere Schritte zu machen. Nicht jedes Talent ist begeistert, wenn es in der U23 spielen soll. Am Ende merkt man aber, dass es ihnen guttut.
Seit Jahren gehören Sie zu den drei älteren Spielern in der U23. Warum haben Sie sich dazu entschieden, dass das genau der richtige Weg für Sie ist?
LIEDER Um es weiter nach oben zu schaffen, hätte ich den Schritt wahrscheinlich mit 19, 20 Jahren gehen müssen. Am Ende bin ich aber froh, dass ich hiergeblieben bin. Es gab immer mal wieder Angebote, aber es war nie so, dass es mich komplett überzeugt hat. Mit Roland Virkus und mittlerweile Mirko Sandmöller war der Austausch immer offen, mit Mitte 20 habe ich mich dann bewusst dazu entschieden, dass ich den Weg hier weitergehen will. Meine ganze Erfahrung versuche ich nun, an die Jungs weiterzugeben.
Wie viel Geduld müssen Sie vermitteln, wenn junge Spieler auf ihre Chance bei den Profis warten?
LIEDER Sie müssen akzeptieren, dass es noch ein weiter Weg ist bis in die Bundesliga und dass die Spiele bei uns ihnen helfen. Ich nehme mir die Jungs gerne zur Seite, um ihnen das zu vermitteln – auch ein zweites oder drittes Mal. In gewisser Weise muss man die Jungs aber manchmal in Schutz nehmen.
Inwiefern?
LIEDER Wenn ein Spieler seinen ersten Profivertrag bekommt, entsprechendes Geld verdient und ihm gesagt wird, dass der Klub auf ihn setzt – dann ist es hin und wieder schwer zu vermitteln, dass er trotzdem erst einmal vor wenigen Zuschauern in einem kleineren Stadion zum Einsatz kommen soll. Die Jungs müssen aber verstehen, dass sie sich bei uns ins Rampenlicht spielen können. Mit guten Leistungen bei uns können sie oben ein Faktor werden. Das hat sich in den letzten Jahren immer wieder bewahrheitet, die Jungs, die bei uns Vollgas geben, erhöhen ihre Chancen, davon profitieren wir auch als Mannschaft.
Sind Sie in der U23 eine Art spielender Co-Trainer?
LIEDER Taktisch auf jeden Fall nicht. Aber ich bin mit den Trainern seit einigen Jahren inhaltlich viel im Austausch. Schon bei Arie van Lent und Heiko Vogel war es so, dass ich viel eingebunden war, auch zuletzt unter Eugen Polanski. Ich sehe mich aufgrund meines Alters als Bindeglied zwischen dem Trainer und der Mannschaft.
Und seit einiger Zeit sind Sie in Borussias Jugend auch als Co-Trainer aktiv.
LIEDER Das stimmt. Ich bin jetzt in meinem dritten Jahr, aktuell als Teil der U14.
Wie sieht Ihre Woche als Spieler und Trainer aus?
LIEDER Mit der U23 trainieren wir in der Regel dienstags zweimal. Mittwoch und Donnerstag trainieren wir vormittags, nachmittags kommen dann die Einheiten mit der U14 dazu. In der Zwischenzeit bin ich im Trainerbüro und bereite das Training vor. Nach 19 Uhr geht es dann nach Hause. Das sind lange Tage, aber wir Fußballer dürfen uns da nicht beklagen. Deshalb versuche ich, meine Freizeit zu nutzen, um mich weiterzubilden, zum Beispiel meine Trainerscheine zu machen.
Ihr Trainer und „Trainerkollege“ Eugen Polanski ist im September zu den Profis befördert worden. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
LIEDER Mir war klar, dass diese Chance für ihn kommen wird. Das habe ich ihm auch immer wieder gesagt. Für mich war es ein logischer Schritt.
Haben Sie gedacht: „Den sehen wir nie wieder“, als er sich in der Kabine von der Mannschaft verabschiedet hat?
LIEDER Zu 100 Prozent. Man sieht schnell, was er draufhat, welche Art von Fußball er spielen lässt und wie er als Typ tickt. Für uns als U23 ist es zwar schade, weil er bei uns ein Fundament gelegt hat – das sieht man auch an den aktuellen Ergebnissen und der intakten Mannschaft. Von oben höre ich bisher auch viel Positives.
Bei den Profis ist aktuell viel von „Prinzipien“ und „Räumen“ die Rede. Was zeichnet den Trainer Eugen Polanski aus Ihrer Sicht aus?
LIEDER (lacht) Das sind Worte, die ich in den letzten Jahren wahrscheinlich tausendmal gehört habe. Bei Eugen ist es ein guter Mix: Er sagt inhaltlich was und man kauft ihm das ab. Wenn man als Mannschaft hinter den Anweisungen steht und weiß, warum man das jetzt im Detail so macht, dann setzt man das auch besser um. Dazu kommt sein Charakter.
Wie kommt er bei einer Mannschaft an?
LIEDER Er nimmt alle Spieler mit, egal welche Rolle derjenige aktuell hat. Eugen sagt, was er denkt. Er ist ehrlich, das will man als Spieler haben. Diesen Mix habe ich selten in der Form erlebt, oft hat man entweder eher das Inhaltliche oder das Charakterliche. Er kann auch mal einen lustigen Spruch raushauen in der Kabine, mit dem man nicht unbedingt gerechnet hat. Er ist nahbar und ein Teil der Mannschaft – wenn es nicht läuft, kann er aber auch mal aus der Haut fahren. Hinzu kommt, dass er den Leuten aus dem Staff vertraut und sich selbst nicht zu wichtig nimmt.
Haben Sie gemerkt, dass nach seiner Beförderung ein Ruck durch die U23 gegangen ist? Wenn der Cheftrainer aus der eigenen Jugend kommt, dürfte das zusätzliche Motivation sein.
LIEDER Es gab wirklich viele, die sich gefreut haben. Sie wissen, dass sich Eugen die Spiele anguckt und sie eine Chance bekommen könnten, wenn sie bei uns performen. Er hat es ja schon gezeigt, dass er Jungs reinschmeißt. Das macht er nicht, um sich feiern zu lassen, sondern weil er den Spielern vertraut – ob das Charles Herrmann, Jan Urbich oder Wael Mohya ist. Man merkt, dass die Jungs unter ihm frei aufspielen, weil sie wissen, wie er als Trainer tickt. Das macht es für die Spieler einfacher, weil sie sich im Profitraining sofort zurechtfinden können.
Die U23 hatte einen starken Start, rund um den Trainerwechsel lief es etwas schlechter, zuletzt gab es vier Siege in Folge. Was ist diese Saison möglich?
LIEDER Wir stehen verdient oben, vor allem, wenn ich sehe, wie viele verschiedene Spieler wir eingesetzt haben. Während andere Mannschaften kaum wichtige Ausfälle kompensieren können, tauschen wir bewusst durch. Wir sind so jung, von möglichen Aufstiegsambitionen will ich erst mal nicht sprechen, weil es um die individuelle Entwicklung geht – und die passt. Dann kommt der mannschaftliche Erfolg sowieso. Am Ende vertrauen wir jedem Einzelnen und das macht uns in dieser Saison so stark.
So sehr Sie sich identifizieren mit Ihrer Rolle: Wie konkret haben Sie damit geliebäugelt, dass es doch noch klappt mit ein paar Profieinsätzen?
LIEDER Das hat man immer irgendwo im Hinterkopf. Bei anderen Vereinen wäre es über die zweite Mannschaft eventuell etwas leichter gewesen, da ist Borussia schon eine andere Hausnummer. Auch wenn ich unter den verschiedenen Cheftrainern immer wieder eine Zeit lang oben mittrainiert habe, als viele Verteidiger fehlten, und sie mir signalisiert haben, dass sie mir vertrauen würden, sollte es am Ende einfach nicht sein – das ist aber auch absolut in Ordnung für mich. Ich bin mit meinem Weg bei Borussia und meiner persönlichen Entwicklung mehr als zufrieden.
Bei welchen Anfragen ist es Ihnen in der Vergangenheit schwergefallen, zu widerstehen?
LIEDER Es gab mal Interesse aus der zweiten und dritten Liga. Ich wollte es nicht unbedingt machen, aber man denkt schon nach über die Chance. Trotzdem bin ich sehr glücklich, wie alles gelaufen ist. Ein paar Jahre habe ich ja hoffentlich auch noch vor mir.
Welches Talent haben Sie auf dem Zettel, das es bald mal nach oben schaffen könnte?
LIEDER Es ist schwer, da Einzelne hervorzuheben. Aber mit Nico Vidic, Kilian Sauck und Fritz Fleck haben wir drei sehr spannende Spieler mit jeweils einem besonderen Spielstil. Sie bringen eine enorme Spielintelligenz mit und dürften keine Probleme haben, oben zu trainieren. Dann geht es darum, die Intensität dauerhaft mitgehen zu können.