
Für den Deutschen Fußball-Bund war das Jahr 2025 ein Rekordjahr. In den rund 24.000 Vereinen wurden mehr als acht Millionen Mitgliedschaften registriert. Insgesamt nahmen fast 2,4 Millionen Spielerinnen und Spieler am organisierten Spielbetrieb teil. Einen beachtlichen Anteil am Wachstum hatte dabei der Kinder- und Jugendbereich mit rund 1,3 Millionen aktiven Nachwuchsspielerinnen und -spielern. Der erfolgreichen Zukunft von Fußball-Deutschland steht damit scheinbar nichts im Weg.
Doch zur Wahrheit gehört auch: Je größer die Basis, desto exklusiver bleibt der Weg nach ganz oben. Eine internationale Langzeitstudie, die vom DFB und der DFL mitgetragen wurde, kam bereits im Jahr 2024 zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit für einen zwölfjährigen Nachwuchsspieler aus einem der damals 56 deutschen Leistungszentren, später Profi zu werden, bei höchstens 0,1 Prozent liegt. Was braucht es also, um sich aus dieser Masse herauszuarbeiten und den statistischen Wahrscheinlichkeiten zu trotzen?
Eine, die diesen Weg derzeit geht, ist Mia Deckers. Das 14-jährige Nachwuchstalent aus Kleve spielt in der U17 von Borussia Mönchengladbach und hat bereits vier Einsätze für die deutsche U15-Nationalmannschaft absolviert. Der Traum von einer Profikarriere ist für Mia längst kein fernes Gedankenspiel mehr, sondern Teil eines Alltags, der sich abseits der Schule fast vollständig um den Sport dreht.
Fast täglich steht sie auf dem Trainingsplatz – je nach Wochentag mit der Kreis- und der Niederrheinauswahl, der Gladbacher U17 oder mit den U15-Jungs des 1. FC Kleve. Am Wochenende folgt dann noch der Spielbetrieb in der Regionalliga West, wo die Borussia aktuell den sechsten Platz belegt. „Viel Zeit für andere Dinge bleibt da nicht“, sagt Mia. Doch eine wichtige Konstante fehlt in der langen Aufzählung noch.
Seit 2018 gehört auch das Individualtraining bei Rolf Mauritz zu Mias sportlichem Weg. In Issum betreibt der 75-jährige Fußballlehrer mit A-Lizenz eine private Fußballschule und arbeitet dort in kleinen Gruppen oder im Einzeltraining mit talentierten Spielerinnen und Spielern. Dazu gehört auch Mias älterer Bruder Len (19), der für die SGE Bedburg-Hau in der Bezirksliga spielt.
Für seine Vision scheute Mauritz weder Kosten noch Mühen und ließ einen ehemaligen Tennisplatz mit Kunstrasen ausstatten, um ihn so für seine Trainingsarbeit nutzbar zu machen. Hinter diesem Aufwand steht eine klare Vorstellung davon, wie individuelle Ausbildung im Nachwuchs aussehen sollte.
„Mir geht es nicht nur um Spiel, Spaß und Bewegung. Ich schaue ganz individuell, was jedes Kind schon kann und wo ich Verbesserungspotenzial sehe. Wenn sie das erste Mal zu mir kommen, lasse ich sie sofort mit links und rechts spielen, schaue auf den Bewegungsapparat, die Ballannahme, das Passspiel. Es gibt Kompetenzen, die erlernt werden müssen, um Einfluss auf das Element Zufall im Fußball zu nehmen“, sagt Rolf Mauritz, der vor seiner Selbstständigkeit viele Jahre für die Klaus-Fischer-Fußballschule im Einsatz war.
Auf seiner Anlage in Issum arbeitet er inzwischen seit zehn Jahren nach diesem Ansatz. Rund 50 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen fünf und 22 Jahren trainieren regelmäßig bei ihm. „Jedes Kind macht mich schlauer“, sagt Mauritz. Dass das Lernen keine Einbahnstraße ist, spiegelt sich auch in Mias Entwicklung wider. Sie ist ihrem Mentor sehr dankbar. „Rolf hat mir viel beigebracht. Ich habe mich in jedem Element des Spiels verbessern können – vor allem im Torschuss. Er geht wirklich auf alle Feinheiten ein und gibt sehr genaue Anweisungen“, sagt Mia. Auf dem Platz kommt sie für gewöhnlich in der Innenverteidigung zum Einsatz.
Ihr Übungsleiter hält große Stücke auf Mia. „Sie ist der Albtraum aller Mittelfeldspielerinnen“, sagt Mauritz, der die Spiele seines Schützlings akribisch verfolgt und nachbereitet. So auch Mias Länderspiel-Debüt im Oktober des vergangenen Jahres. Beim 1:2 gegen Belgien kam die 14-Jährige auf der linken Abwehrseite zum Einsatz. „Alles, was sie gemacht hat, war vom Allerfeinsten. Sie bewegt den Kopf, scannt das Feld und hat einen tollen Weitblick ins vordere Drittel“, sagt Rolf Mauritz.
Mia selbst ist vor allem der ganze Trubel um die Partie in Erinnerung geblieben. „Die Anfahrt mit dem Bus, das Stadion – wir waren alle super nervös und aufgeregt. Es ist natürlich eine große Ehre, für Deutschland zu spielen“, erzählt sie. Beim UEFA Development Tournament, das im November im englischen Burton-upon-Trent ausgetragen wurde, erzielte Mia ihren ersten Länderspieltreffer – ein Kopfballtor zum 2:0 beim 9:0-Sieg über die Türkei.
Dass Mia all diese Meilensteine feiern durfte, ist bereits das Ergebnis mehrerer Auswahlprozesse. In Sichtungen und Lehrgängen setzte sie sich gegen Hunderte Mitbewerberinnen durch und gehört heute zu einem kleinen Kreis von Talenten, die den Sprung in die U15-Nationalmannschaft geschafft haben. Den statistischen Erwartungen hat sie sich damit schon früh widersetzt.
Rolf Mauritz denkt unterdessen schon an die Zukunft. Er möchte Mia eine Teilnahme an der Frauen-EM 2029 in Deutschland ermöglichen. Mia selbst bleibt trotz aller Perspektiven bodenständig. „Das wäre natürlich eine schöne Vorstellung. Aber auch wenn es nicht klappt: Ich möchte in der Nationalmannschaft bleiben, möglichst viele Spiele absolvieren und mich weiterentwickeln“, sagt Mia Deckers.