
Das Frühjahr ist nicht nur die Zeit vieler sportlicher Entscheidungen, sondern auch eine Zeit, die den Kassenwarten der Fußballvereine die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Denn dann gehen Ordnungsgelder-Bescheide von Fußballkreisen und -verbänden an die Vereine raus, die sich nach den Verfehlungen des Vorjahres richten.
Betroffen ist in diesem Jahr etwa auch der SC Rheindahlen, dessen früherer Vorsitzender Norbert Hübner sich an unsere Redaktion wandte. Hübner ist sauer über die Gelder, die vom Fußballverband Niederrhein erhoben wurden: 800 Euro muss Rheindahlen für die Nichterhaltung des Schiedsrichtersolls im Jahr 2025 zahlen. Das stört Hübner: „Der Verband bestraft einen, wenn man nicht genug Schiris stellt. Das interessiert die doch gar nicht, dass sie mit ihren Strafen die Amateurvereine kaputtmachen“, empört er sich.
Auch etliche weitere Strafen wie 15 Euro für den Heimverein für ein zu spät gemeldetes Spielergebnis würden die Vereine auf Dauer stark belasten: „Auch Trikotwerbung wird mit Gebühren bestraft. Vereine sind froh, Sponsoren zu finden und müssen trotzdem bezahlen“, sagt Hübner. Diese Strafenflut findet er lächerlich.
Aber was hat es mit der Schiedsrichtersoll-Regelung überhaupt auf sich? Ein Blick in die Satzung des Verbandes hilft: Da steht unter dem Punkt „Ausgleichsabgabe Schiedsrichter“: „Zur Erfüllung der sich aus der Spielordnung ergebenden Verpflichtung hat jeder Verein je einen Schiedsrichter zu melden für: Jede Männer- und Frauenmannschaft, die am Pflichtspielbetrieb teilnimmt. Ein Schiedsrichter aus dem Jugendbereich, zusätzlich je einen Schiedsrichter für jede A-, B- und C-Jugendmannschaft der Bundes-, Regional- und Niederrheinligen.
Zusätzlich besteht die Verpflichtung, zwei weitere Schiedsrichter für Männermannschaften ab der Landesliga und einen für alle Frauenmannschaften ab der Regionalliga aufwärts zu stellen. Daraus ergibt sich für jeden Verein eine individuell berechnete Vorgabe bei der Meldung von Schiedsrichtern. Erfüllen Vereine diese nicht, kommt eine klar geregelte Ausgleichsabgabe des FVN zum Tragen. Sie ist gestaffelt nach der Spielklasse, der die höchste Männermannschaft des Vereins in dem jeweiligen Spieljahr angehört, und kann durchaus hoch ausfallen.
Und die Abgabe fällt nicht einmalig an, wenn der Verein das Soll nicht erfüllt, sondern muss für jeden fehlenden Schiedsrichter geleistet werden. Gibt es keine Herren- oder Frauenmannschaft bezahlt ein Verein 100 Euro für jeden fehlenden Schiri, 200 Euro, wenn die beste Mannschaft in der Kreisliga A oder B spielt, 250 Euro in der Bezirksliga und 350 Euro sind es für die Landes- und Oberliga. Doch damit nicht genug. Laut FVN-Satzung, soll „die Ausgleichsabgabe für fehlende Schiedsrichter bei fortgesetzter Nichterfüllung ab dem zweiten Jahr verdoppelt werden.“
Das Problem betrifft freilich auch viele anderen Vereine. Auch der SV Otzenrath zahlt 800 Euro, 1500 Euro muss sogar Bezirksligist Türkiyemspor hinlegen. Die Höhe der Abgabe entscheidet in letzter Instanz der Beirat des FVN, wie der Verband auf Anfrage mitteilt. Die Richtlinie werde in regelmäßigen Abständen überprüft. Zum Unmut Hübners und Rheindahlens über die Strafzahlungen und ob man dafür Verständnis habe, äußert sich der FVN nicht, betont dafür: „Bei den Schiedsrichtern herrscht stets eine gewisse Fluktuation, weshalb die kontinuierliche Ausbildung neuer Schiedsrichter zur Unterstützung unserer Vereine von großer Bedeutung ist, damit möglichst viele Fußball-Begegnungen besetzt werden können. Die Untersoll-Abgaben werden dabei auch für die Durchführung von Neulingslehrgängen genutzt.“ Darunter sei auch der traditionelle Lehrgang in den Osterferien, der für die Teilnehmer kostenfrei sei.
Mit C-Ligist Eintracht Güdderath muss sogar ein sehr niedrig spielender Verein 1200 Euro Abgabe zahlen und ist damit einer der Vereine im Kreis, die in diesem Jahr besonders tief in die Tasche greifen müssen. Vorsitzender Alexander Dahmen sieht das Problem aber durchaus differenziert. „Auf der einen Seite ist es extrem ärgerlich, eine so hohe Summe entrichten zu müssen. Das kann einen kleinen Einspartenverein in wirtschaftliche Schräglage bringen.“ Mitglieder als Schiris zu gewinnen, sei enorm schwierig. Aufgrund der häufig negativen Medienberichterstattung über Schiedsrichter und dem Druck, den sie auf und neben dem Platz aushalten müssten, hätten die meisten Leute in seinem Verein kein Interesse an der Tätigkeit oder führten privaten Gründe an.
„Andererseits sind wir beim FVN auch in einem bequemen Raum. Bei anderen Verbänden werden auch noch Punkte abgezogen. Und der Verband hat uns im Dialog klar gemacht, dass die Gelder zu 100 Prozent für die Förderung der Schiris eingesetzt werden. Die Kosten müssen gedeckt werden und da habe ich absolut Verständnis für“, sagt Dahmen. Im Verein würden in unregelmäßigen Abständen Aufrufe über die sozialen Medien gestartet. „Wir stellen die Ausrüstung und helfen darüber hinaus auch bei allen weiteren Fragen“, betont Dahmen. Doch nichts habe geholfen, folglich ist Güdderath vier Schiedsrichter unter dem geforderten Soll. Im Verein sei man grundsätzlich um eine offene und gastfreundliche Stimmung gegenüber den Schiedsrichtern bemüht.
Die Erhebung der Ordnungsgelder für die Vereine wird in der Geschäftsstelle des Fußballkreises umgesetzt, auch wenn der FVN die Vorgaben macht. Ausschnitte der Auflistung für die Zahlung Schiedsrichter-Abgabe liegen unserer Redaktion vor. „Wir können besser bewerten, wer wirklich etwas für seine Schiedsrichter-Nachwuchsarbeit tut und wer das vernachlässigt“, erklärt Tim Stettner, Vorsitzender des Fußballkreises. Er halte für richtig, dass sich ein Verein nicht nur um Spieler, sondern auch um Schiedsrichter bemühen sollte. „Das ist nicht alleinige Aufgabe des Verbandes, neue Schiedsrichter zu gewinnen und Bestehende zu erhalten“, so Stettner.
Demnach unterstütze er die Strafen grundsätzlich, auch wenn man über die Höhe der Gelder diskutieren könne. Für Stettner gehe es bei der Frage vor allem um eine Vereinskultur, „sich für das Schiedsrichteramt zu erwärmen. Diese würden manchmal noch als Kostenfaktor gesehen. „Es scheint mir wenig schlüssig, dass wir uns im Kreis bei den Schiedsrichtern in drei Jahren mehr als verdoppeln können, einzelne Vereine in der Zeit aber nicht einen einzigen neuen Schiedsrichter finden. Das ist in meiner Wahrnehmung eine Frage der Priorisierung in der Vereinsarbeit“, erklärt Stettner.
Doch können nicht die Vereine, die genug Schiris stellen, für andere Vereine in die Bresche springen? „Die Überfüllung der einen mit der Nicht-Leistung der anderen zu verrechnen, erscheint mir nicht fair. Das führt am Ende auch wieder nur dahin, dass dann keiner mehr was tut“, widerspricht Stettner.