– Foto: Meiki Graff

Mehr als fünf Jahrzehnte Dienst am Fußball

Mit Werner Burr aus Althütte hat beim letzten Staffeltag ein altgedientes Vorstandsmitglied aufgehört. Als einziges Mitglied im Bezirksvorstand hat der frühere Landesliga-Schiedsrichter während seiner vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten alle sechs bisherigen Rems-Murr-Vorsitzenden erlebt.

Angefangen hat alles auf einem Kartoffelacker bei Allmersbach. „Der damalige Jugendleiter Rudolf Bihlmaier ist extra rausgefahren, um meinen Vater zu erwischen, damit er die Anmeldung für mich und meinen Bruder Jürgen beim SV Allmersbach unterschreibt“, erzählt Werner Burr und schmunzelt über Bihlmaiers Geschick.

Denn der hatte gewusst, dass im Hause Burr vor allem die Frau Mama etwas gegen kickende Sprösslinge hatte. Mehr als sechs Jahrzehnte später ist es fast unvorstellbar, dass viele Kinder und Jugendliche einst dafür kämpfen mussten, Fußball spielen zu dürfen. Vielleicht ist der harte Anfang einer der Gründe, weshalb der gebürtige Backnanger dem Fußball danach so lang treu blieb. Was hart erarbeitet und erstritten werden muss, wird oft umso mehr wert geschätzt.

Für den mittleren von drei Fußball spielenden Brüder war das Treffen auf dem Feld jedenfalls der Beginn eines Lebens, in dem sich nicht alles, aber doch sehr viel um das runde Leder drehte. Insgesamt 56 Jahre als Schiedsrichter, Staffelleiter oder Mitglied im Bezirksvorstand hatte der seit 1970 im Althütter Ortsteil Kallenberg lebende Werner Burr hinter sich, als er beim letzten Staffeltag aufhörte. Lange, lange Zeit hatte er zuvor zahllose Wochenenden seinem Lieblingssport gewidmet und war zum Schluss noch 15 Jahre lang Herr über die Bezirksfinanzen. Der 73-Jährige sagt mit berechtigtem Stolz: „Als Einziger habe ich bei meinen Tätigkeiten alle bisherigen Rems-Murr-Vorsitzenden erlebt.“ Mit Philipp Wolf (Schwaikheim), Fritz Seiler (Schmiden), Alfred Hoffmann (Hertmannsweiler), Roland Stepper (Murrhardt), Corinna Bäuerle (Oberbrüden) und nun Patrick Künzer (Weiler zum Stein) waren das immerhin sechs.

Probleme gab es offenbar mit keinem, sagt er doch rückblickend: „Ich habe alles richtig gemacht, obwohl ich nun auch das Leben ohne die vielen Termine genieße.“ Gerne geht er jetzt sonntags mit Freunden und Bekannten auch mal zum Wandern. „Dafür nutze ich gerne die Wandertipps, die ich bei euch aus der Zeitung ausschneide.“

Das Hobby bedeutet aber nicht, dass das Spiel mit dem runden Leder bei ihm außen vor ist. „Der Samstagnachmittag gehört bei mir immer noch dem Fußball“, berichtet der frühere Postbeamte. Meist sitzt er dann daheim vor dem Fernseher und schaut, was der deutsche Profifußball zu bieten hat. „Ich habe immer gesagt, eine Dauerkarte beim VfB gönne ich mir nicht, aber ein Abo bei Sky“, bekennt Burr und erzählt dann, dass ihm dieses Vergnügen seit einiger Zeit ein wenig vergällt wird.

Denn: Mittlerweile sei es nur noch schwer überschaubar, welcher Sender an welchem Tag welche Partie und welchen Wettbewerb überträgt. „Vor dieser Saison habe ich mir sogar überlegt, ob ich mir nicht doch eine VfB-Dauerkarte anschaffe“, berichtet der gebürtige Backnanger, lacht und ist angesichts der eher mauen Leistungen seines Lieblingsklubs nun froh, sich noch einmal für den Fernsehsessel entschieden zu haben. Zumal er ja nicht ganz ohne Livefußball auskommen muss, schließlich gibt es ja noch die vielen Vereine vor Ort. „Beim SV Unterweissach bin ich oft als Zuschauer, da ich dort einige alte Bekannte treffe.“ Und auch Höhepunkte wie die Oberliga-Duelle zwischen der TSG Backnang und der SG Sonnenhof Großaspach lässt er sich nicht entgehen. Eher selten zieht es ihn dagegen zum TSV Lippoldsweiler, bei dem er nunmehr seit 1973 Mitglied ist. Mit bald 74 muss Tabellenkeller in der Kreisliga B nicht mehr sein.

Dabei hat er, der vom Württembergischen Fußballverband und dem Sportkreis mit höchsten Weihen versehen wurde, sich bei den Auenwaldern nach seinem Wechsel vom SV Allmersbach einst richtig wohlgefühlt. Denn obwohl er sich damals auf die 1966 begonnene Schiedsrichterei konzentrierte, „habe ich bei der ersten Mannschaft mittrainiert, um fit zu bleiben“. Und auch nach den Spielen „bin ich mit meiner Frau, die immer dabei war, wenn ich gepfiffen habe, nach Lippoldsweiler ins Vereinsheim gefahren und saß mit den Aktiven noch zusammen“. Um Gemütlichkeit und Beisammensein genießen zu können, legte er gerne auch viele Kilometer zurück, war er als Unparteiischer doch in ganz Württemberg unterwegs.

Als Schiedsrichter leitete er Spiele bis hoch in die Landesliga und als Linienrichter assistierte er an der Seite von Walter Knödler gar in der damals dritthöchsten deutschen Spielklasse, der ersten Amateurliga. Es sei eine schöne Zeit gewesen, sagt Burr und fügt stolz hinzu: „Ich habe 52 Jahre gepfiffen und hatte nicht einmal Ärger.“ Wer ihn und seine ausgleichende sowie ruhige und gleichzeitig anpackende Art kennt, wundert sich nicht. Bihlmaiers Fahrt zum Acker hat sich eben nicht nur für die Brüder Burr, sondern auch für den Fußballbezirk und dessen Vereine gelohnt.

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Aufrufe: 025.1.2023, 12:00 Uhr
Backnanger Kreiszeitung / Uwe FlegelAutor