2026-01-09T09:36:09.492Z

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– Foto: Scholz

„Lusche“ kostet 'ne Kiste: Tim Lünser und Großenwördens Strafenkatalog

Das steht im Strafenkatalog des TSV Großenwörden

Gelb wegen Meckerns oder Bierflasche zerstört: Tim Lünser führt den Strafenkatalog beim TSV Großenwörden II - und was hinter der „klassischen Lusche“ steckt.

Tim Lünser steigt in der Umkleidekabine auf die Bank. Auf einem Regalbrett, fast unter der Decke, stehen Schnapsflaschen. Dahinter verstecken sich drei Pokale. Lünser stellt die Flaschen beiseite und holt sie herunter.

– Foto: Scholz

Einer ist für den dritten Platz beim eigenen Sommerturnier 2022. Die beiden anderen sind deutlich größer - und für den letzten Platz 2023 und 2024. „Die haben wir extra anfertigen lassen“, sagt er und grinst. „Wir sind davon ausgegangen, dass wir Letzter werden.“

Großenwörden holte bisher nur einen Zähler
Niederlagen ist man beim TSV Großenwörden II gewohnt. Der Verein spielt in der 4. Kreisklasse, der untersten Spielklasse im Kreis Stade. Zur Winterpause hat der Tabellenvorletzte nur einen Punkt auf dem Konto. Doch absteigen kann man nicht.


Eigentlich wollte sich die Mannschaft an diesem Dienstagabend zum Training treffen. Allerdings sind es zu wenige Spieler. „Wir trainieren nur, wenn mindestens sechs zusagen. Heute waren es vier“, sagt Lünser und schaut noch einmal aufs Handy: „Jetzt sind's nur noch drei.“

Tim Lünser - Vizekapitän, Kassenwart und Dauerbrenner
Durch den Geräteraum geht es in die Sporthalle. Lünser macht das Licht an. Der Boden ist blau, die Wände gelb, an einer Seite hohe Fenster. Zwei Handballtore stehen auf dem Feld. Lünser setzt sich auf eine Turnbank am Rand. Er trägt eine blaue Trainingsjacke mit seinen Initialen: TL. „Eigentlich werde ich nur mit Nachnamen angesprochen - oder mit Lünso, Lünsi, Lünsmann“, sagt er.

Lünser ist seit Freitag 28 Jahre alt, Vizekapitän und Kassenwart. In dieser Saison hat er sieben von acht Ligaspielen bestritten. Nach Spielminuten ist er einer der Dauerbrenner der Mannschaft. Auf der Taktiktafel vom letzten Spiel gegen den TuS Jork II steht sein Name links im Mittelfeld.


Mit Fußball im Verein begann Lünser erst mit Anfang 20. 2019 schloss er sich der neu gegründeten dritten Mannschaft an. Vorher hatte er nie im Verein gespielt, kannte Fußball nur aus dem Fernsehen und vom Bolzplatz. „Am Anfang war das ziemlich rumpelig“, sagt er. Räume erkennen, Anspielstationen finden - das musste er alles lernen. Zunächst wurde er in den Sturm gestellt. „Da konnte ich wenig Schaden anrichten“, sagt er und lacht.

Das steht im Strafenkatalog des TSV Großenwörden
Seine Stärke ist das Laufen. Mittlerweile spielt er auf der linken oder rechten Außenbahn. Aufhören war für ihn nie ein Thema, auch nicht nach der ersten Saison mit vielen Gegentoren und wenigen Punkten. „Es hat Spaß gemacht, auch wenn man in der 80. Minute humpelt und sich fragt, warum man sich das antut.“

Als Kassenwart verwaltet Lünser vor allem die Strafen. Er zieht sein Handy aus der Tasche, öffnet die Spieler-Plus-App und scrollt durch den Katalog: Bierflasche zerstört, Gelbe Karte wegen Meckerns, nicht zum Spiel oder Training erschienen trotz Zusage, Ausrüstung vergessen, über 15 Minuten zu spät am Treffpunkt - und die „klassische Lusche“. Bitte?

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„Wenn jemand irgendwas verkackt“, erklärt er, etwa wenn jemand sein Bier nicht geöffnet bekommt oder seine Unterhose vergisst. „Wenn dann drei Leute aufschreien, ist es 'ne Lusche“, erklärt er. Selbst sei ihm das auch schon öfter passiert. „Wofür, weiß ich nicht mehr“, sagt er und fährt sich lachend durchs Haar.

Bezahlt wird meist in Bierkästen. Offen sind noch etliche, schätzungsweise 25 Stück. Um die Mannschaftskasse zu füllen, haben sie jedoch mittlerweile den „Kistenabbau“ eingeführt: Gegen 10 Euro lässt sich eine Kiste abbauen.

Obmann: Er könnte mehr Tore schießen
Lünser lacht viel, auch als er hört, wie ihn Fußballobmann Dirk Beckmann beschreibt: „Immer dabei. Schnell und laufstark. Könnte mehr Tore schießen.“ Lünser dazu: „Ja, das mit dem Toreschießen ist so eine Sache. Aber ich sage immer, ich reiße die Räume für meine Mitspieler auf.“ Sein einziges Saisontor fiel im letzten Spiel beim 4:5 gegen Jork.

Tim Lünser hat erst 2019 beim TSV Größenwörden mit Fußball angefangen. Foto: Scholz
Geboren wurde er in Stade, aufgewachsen ist er in Hammah, heute lebt er in Himmelpforten. Seine Eltern kommen aus Dortmund, weshalb er auch BVB-Fan ist. „Das kriegt man nicht mehr aus mir raus.“ Beruflich ist er bei Dow als Elektroniker für Betriebstechnik tätig und macht aktuell seinen Meister.


In Großenwörden hat Lünser schnell Anschluss gefunden. „Ich habe hier auch neben dem Platz Leute kennengelernt, die mich in den Schützenverein mitgenommen haben“, erzählt er. Mittlerweile ist er dort Mitglied. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so ein Vereinsmensch werde“, sagt er. Früher hätten ihn die Verpflichtungen eher abgeschreckt.

Abschließend sagt Lünser etwas, ohne dass danach gefragt wurde. „Häufig bekomme ich zu hören: Ihr verliert doch immer nur.“ Doch er nimmt solche Aussagen gelassen. „Die haben nicht verstanden, worum es hier geht.“ In dieser Mannschaft dürfe man Fehler machen und niemand sei sauer. „Wir wissen, dass wir keine Weltfußballer sind, und auch nicht mehr werden.“ Und genau das erklärt auch, warum sie trotz allem immer wiederkommen.

Die Serie „Die Unabsteigbaren“
Der TSV Großenwörden II beendete die vergangene Saison als Letzter der untersten Spielklasse. Absteigen kann man hier nicht - und genau das macht diese Truppe so spannend. Das TAGEBLATT begleitet das Team durch die gesamte Saison. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Menschen, die die Mannschaft und den Verein prägen. Wir wollen zeigen, wie ein Dorfverein tickt, wie eine Amateurmannschaft funktioniert und warum sie trotz Niederlagen den Spaß am Kicken nicht verliert.


Aufrufe: 012.1.2026, 17:30 Uhr
Tageblatt/ScholzAutor