
Einen prominenten Trainer hat Louis Hiepen zumindest schon. An vier Tagen der Woche kommen die Ansagen auf dem Trainingsplatz von Peter Neururer, dem Bundesliga-Tausendsassa, der ab den späten 1980er-Jahren im deutschen Profi-Fußball von Trainerbank zu Trainerbank wechselte. Mit 70 Jahren leitet Neururer diesen Sommer nun das Trainingscamp der Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV), quasi ein Hilfsprogramm für Spieler in Not. Denn über das VdV-Camp können sich vereinslose Spieler für einen neuen Klub empfehlen. Louis Hiepen ist in der Gruppe allerdings eher ein unbeschriebenes Blatt, was nicht an seinen fußballerischen Qualitäten liegt: Hiepen spielte bis zuletzt weit entfernt in den USA.
Seit dem Frühjahr ist der 25-Jährige wieder in Deutschland. Ungewollt. Denn eigentlich war sein Plan, Profi-Fußballer in den USA zu werden. Und im Prinzip war er nur zwei Tage davon entfernt. Bei Real Salt Lake war für ihn bereits ein Vertrag ausgearbeitet. In der amerikanischen Profiliga Major League Soccer (MLS) sind die Abläufe bisweilen jedoch kompliziert. Jeder Verein besitzt nur eine geringe Anzahl von sogenannten International Roster Slots, also Kaderplätzen, die mit ausländischen Spielern besetzt werden können.
Für Hiepen hatte Real Salt Lake bereits einen zusätzlichen International Roster Slot per Tauschgeschäft erworben. „Es wurde mir gesagt: Jetzt können wir es machen“, sagt Hiepen. Als Neuling wäre er in der zweiten Mannschaft gestartet. Zwei Tage später verletzte sich dann ein wichtiger Spieler, und aus der Not verpflichtete der Klub stattdessen einen anderen ausländischen Spieler als Ersatz. Der International Roster Slot war plötzlich weg, der Profitraum vorerst geplatzt. „Da wusste ich: Jetzt habe ich ein Problem“, so Hiepen.
Die Jugend verbrachte er bei Borussia Mönchengladbach und stieg bis in die U23 auf. Im ersten Regionalliga-Einsatz brach er sich dann den Knöchel. Als er wieder bereit war, kam Corona. Zur gleichen Zeit erhielt er das Angebot der University of Nevada, Las Vegas – ein Stipendium, eine duale Ausbildung als Student und Fußballer. Es waren ereignisreiche Monate für den Gladbacher. Den Scouts der Universität war Hiepen 2016 auf einem Turnier in Las Vegas mit dem Borussia-Nachwuchs aufgefallen.
„Ich hatte das Gefühl, dass ich ein bisschen stagniere und etwas Neues machen muss. In den USA konnte ich weiter auf die Schiene Profifußballer setzen, während ich mich parallel mit dem Studium für den Rest meines Lebens absichere. Deshalb habe ich gesagt: Ich mache es“, sagt Hiepen. Er entschied sich für Las Vegas statt Mönchengladbach. Und hat den Schritt bis heute nicht bereut.
„Ich habe mir in den USA ein super Umfeld an der Uni aufgebaut, war fünf Jahre Kapitän meiner Mannschaft und das Bindeglied von der Community zum Fußball. Man hat an der Uni ganz andere Verbindungen zu den Leuten als beispielsweise bei der Borussia, wo man nur zum Training geht. Man studiert ja noch. Und es ist generell alles familiärer“, sagt Hiepen. Mit seinen Leistungen im Fußball-Team der Universität, den „Rebels“, fiel er bald auch den ersten MLS-Klubs auf.
Allerdings entwickelten sich einige Dinge rund um die MLS nicht zu seinen Gunsten. Über die Jahre lockten immer mehr Klubs Alt-Stars aus Europa in die Liga, die zwangsläufig den jungen ausländischen Spielern die International Roster Slots im Kader verbauten. Das System ist ein Problem geworden“, sagt Hiepen. Außerdem sind inzwischen auch Studenten aus dem ersten und zweiten College-Jahr zum Draft zugelassen, dem Event, bei dem Teams junge Talente aus den Colleges auswählen und in ihre jeweiligen Klubs aufnehmen. Zuvor galt das nur für Studenten im letzten College-Jahr. „Es gab plötzlich viel mehr Spieler im Draft. Ich stand zwar auf der Draft-Liste, was super war. Ich war aber mit Abstand der älteste Spieler“, sagt Hiepen. Aufgrund der großen Konkurrenz wählte ihn im Draft kein Verein.
Zu dieser Zeit bestand allerdings bereits der gute Draht zu Real Salt Lake. Vor dem letzten College-Jahr nahm Hiepen erstmals an einem zweiwöchigen Probetraining teil. „Es gab damals die Überlegung, ob sie mich bereits vor meinem letzten College-Jahr verpflichten wollten. Ich hätte das Studium dann aber online fortsetzen müssen. Es hat zu dem Zeitpunkt einfach nicht so viel Sinn ergeben“, sagt Hiepen. Zwei weitere Male nahm er über mehrere Wochen am Training der Mannschaft teil. Anfang 2025 sollte es zur Verpflichtung kommen, die allerdings dann scheiterte. „Danach bin ich noch einmal für eineinhalb Wochen nach Salt Lake City, um mit der Mannschaft zu trainieren. Es fand sich allerdings keine Lösung für das Problem. Da mein Visum ablief, musste ich zurück nach Deutschland“, sagt Hiepen. Zwischendrin absolvierte er noch ein Probetraining bei Red Bull New York – aber auch dort fand man keinen Platz für ihn.
Sein Leben in den USA hinter sich zu lassen, sei ihm schwergefallen, sagt Hiepen. Fußballerisch sieht er es jedoch pragmatisch: „Wäre ich zu Real Salt Lake gekommen, hätte ich weiter dort leben können und wäre meinen bevorzugten Weg gegangen. Aber in Deutschland gibt es viel mehr Möglichkeiten als in den USA. Auch finanziell ist es attraktiver.“
Aber wo ordnet er sich nach all den Jahren sportlich in Deutschland ein? „Wenn ich mich realistisch einordne, dann wäre ich zufrieden, wenn ich in der 3. Liga spiele. Dafür bin ich selbstbewusst genug, dass ich dort eine gute Rolle spielen kann“, sagt Hiepen. Einen Verein fand er in den ersten Monaten nach seiner Rückkehr allerdings noch nicht.
Das Problem: Hiepen spielte in den USA quasi in einer anderen Welt. Viel Material und Kenntnisse über ihn als Spieler gibt es auf dem deutschen Fußballmarkt nicht. „Deswegen ist der VdV aktuell so gut für mich, weil ich dort gesehen werde“, sagt er. Im College sei er jedoch als Fußballer gereift – auch aufgrund der Spielweise in den USA. Deutlich mehr Kick-and-Rush, deutlich mehr Physis.
„Fußballspielen konnte ich immer. Aber mit meiner Größe von 1,90 Metern bekommt man bei Tempo und Beweglichkeit häufiger Probleme. Dort bin ich andauernd damit konfrontiert worden. Athletisch habe ich einen Riesensprung gemacht. Ich bin deutlich schneller, deutlich muskulöser und generell viel fitter“, sagt Hiepen und fügt an: „Man darf auch die Erfahrung im Ausland nicht unterschätzen. Ich bin alleine dort hingegangen und war später als Kapitän so etwas wie das Aushängeschild unseres Teams. Ich bin generell viel selbstbewusster geworden.“
Und das Alter? 25 Jahre sind für den Einstieg zum Profi-Fußballer in Deutschland vergleichsweise alt. „Man denkt auf jeden Fall darüber nach“, sagt Hiepen, „ich würde es aber wieder so machen. Ich habe aber noch genügend Zeit und Möglichkeiten, eine gute Rolle im Profi-Fußball zu spielen.“
