
Es sind Zahlen, die man im Fußball normalerweise nur in der Welt der Videospiele findet. Ein 22:0-Heimsieg, bei dem ein einzelner Akteur an 14 Treffern direkt beteiligt ist. Doch hinter dem statistischen Wahnsinn steht ein Mensch, dessen Werte ebenso beeindrucken wie seine Treffsicherheit. Lino Widmaier, das 23-jährige Offensivjuwel des TSV Heimsheim, wurde nach seiner Gala-Vorstellung zum FuPa-Spieler der Woche in Württemberg ernannt. Wer jedoch eine Kampfansage erwartet hat, begegnet einem jungen Mann, für den Respekt und Bodenständigkeit an erster Stelle stehen.
Die Nachricht von der Auszeichnung löste bei Lino Widmaier eine tiefe, aufrichtige Freude aus, die er jedoch sofort mit seinen Kameraden teilte. „Gerechnet habe ich damit auf keinen Fall – so etwas kann man ja nie wirklich planen. Natürlich bin ich riesig glücklich über die Auszeichnung, aber eigentlich gebührt diese Ehre der gesamten Mannschaft“, betont er mit Nachdruck. Für ihn ist der Erfolg kein Sololauf, sondern das Ergebnis kollektiver Stärke: „Alleine wäre das niemals möglich gewesen; so eine Leistung und auch diese Nominierung klappen nur, wenn man als geschlossene Einheit auf dem Platz steht.“
Beim astronomischen 22:0-Erfolg gegen den TV Pflugfelden steuerte Widmaier sagenhafte neun Tore und fünf Assists bei. Doch statt sich in den Vordergrund zu rücken, blickt er voller Empathie auf den unterlegenen Gegner. „Wir haben einfach eine qualitativ richtig gute Mannschaft und haben als Team extrem gut zusammengespielt. Zu den Toren und Vorlagen gehört einfach die ganze Mannschaft dazu. Es ist fast schon ein bisschen blöd für die anderen Jungs bei uns in der Offensive, die auch super gespielt haben, aber an dem Tag vielleicht nicht so oft zum Abschluss kamen“, analysiert er das Spielgeschehen.
Besonders bemerkenswert ist seine Hochachtung vor den Gästen: „Mir ist an dieser Stelle aber eine Sache ganz wichtig: Ich stelle mich jetzt nicht hin und feiere das als riesigen Karriereerfolg oder überragende Einzelleistung von mir. Der TV Pflugfelden spielt aktuell in dieser Situation, damit sie die Mannschaft nicht abmelden müssen und nicht in die B-Liga absteigen. Dass die Jungs das jede Woche durchziehen, sich immer wieder der Aufgabe stellen und sich eben nicht abmelden – davor habe ich allergrößten Respekt.“
Widmaier ist ein Torjäger, der die Ästhetik schätzt, aber den Erfolg des Teams über den eigenen Glanz stellt. Seine Sicht auf das Erzielen von Treffern ist geprägt von Pragmatismus und Leidenschaft zugleich. „Am wichtigsten ist für mich erst mal, dass überhaupt ein Tor für uns fällt – da ist es wirklich völlig egal, wer von uns es am Ende schießt. Wenn ich es dann bin, ist es mir eigentlich auch recht egal, wie der Ball über die Linie geht“, erklärt er. Dennoch gibt er zu: „Am allerschönsten ist natürlich immer ein Schuss genau in den Winkel. Aber man muss auch ehrlich sein: Man erzielt nicht viele Tore, wenn man im Spiel immer nur versucht, die allerschönsten Dinger zu machen.“
Was den Verein für Widmaier so einzigartig macht, ist die tiefe Verwurzelung in seinem persönlichen Umfeld. In Heimsheim ist Fußball eine echte Familienangelegenheit. „Der TSV Heimsheim ist für mich wegen des gesamten Umfelds, der Zuschauer und natürlich der Mannschaft einfach etwas Besonderes. Wir haben mit Oliver Kudera zudem einen super Trainer, dem ich sehr nahe stehe, und mit Johann Müller einen richtig guten Betreuer“, schwärmt er.
Das Herzblut wird auf der Tribüne und am Seitenrand sichtbar: „Für mich persönlich ist es auch toll, dass mein Papa der Physiotherapeut der Mannschaft ist und dadurch bei jedem Spiel dabei ist. Außerdem wohnt mein Opa in Heimsheim und kann sich so jedes Heimspiel anschauen – ich finde es einfach cool, wenn er mir beim Fußballspielen zuguckt. Dass mein Bruder Tim genauso wie ich hier in Heimsheim spielt und ich generell mit meinen Freunden zusammen kicken kann, macht das Ganze natürlich noch besser und macht einfach riesigen Spaß.“
Es ist die reine Freude am Spiel, die hier zählt: „Was den Verein wirklich auszeichnet, ist, dass wir eine geschlossene Gemeinschaft sind, in der keiner aufs Geld schaut, so wie das bei manch anderen Vereinen ist. Wir spielen alle aus reinem Spaß für Heimsheim, und es kommen menschlich auch immer nur coole Typen zu uns in die Mannschaft.“
Gefragt nach seinen Vorbildern, muss Widmaier nicht weit in die Ferne blicken, um Inspiration zu finden. „Wenn es um unsere Mannschaft geht, ist mein Lieblingsspieler auf jeden Fall mein Bruder Tim. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, mit ihm auf dem Platz zu stehen“, sagt er voller Stolz. Blickt er jedoch auf die Weltbühne, gibt es nur einen Namen für ihn: „Bei den Profis ist die Wahl für mich ganz klar: Lionel Messi. Er ist schon seit meiner Kindheit und eigentlich mein ganzes Leben lang mein absoluter Lieblingsspieler.“
Auf dem Feld ist Widmaier das sprichwörtliche Schweizer Taschenmesser für seinen Coach. Seine Flexibilität macht ihn für jede Abwehr unberechenbar. „Ich spiele grundsätzlich dort, wo der Trainer mich aufstellt und wo mich die Mannschaft gerade am dringendsten braucht“, gibt er sich mannschaftsdienlich. Seine persönlichen Vorlieben liegen jedoch in der vordersten Front: „Wenn ich es mir aber aussuchen darf, spiele ich am liebsten als Mittelstürmer oder als ‚falsche Neun‘. Ich fühle mich aber auch auf dem Flügel wohl – am Ende ist es mir zweitrangig, wo ich stehe, solange ich dem Team bestmöglich helfen kann.“
Aktuell rangiert der TSV auf dem dritten Platz in der Bezirksliga Enz/Murr. Trotz der theoretischen Chance auf den Aufstieg bewahrt Lino Widmaier kühlen Kopf. „Es ist natürlich richtig cool, dass wir aktuell auf dem dritten Platz stehen und die Relegation nach oben theoretisch noch möglich wäre. Wir denken aber gar nicht so weit, dass wir zwingend Relegation spielen wollen, weil wir dafür im Saisonverlauf einfach schon zu viele Punkte liegen gelassen haben“, ordnet er die Situation sachlich ein.
Die Ziele bleiben bodenständig: „Für uns geht es in erster Linie darum, diese Spielzeit als Aufsteiger einfach gut abzuschließen. Wenn es am Ende tatsächlich reicht, dann reicht's und wir nehmen es gerne mit. Aber unser Fokus liegt voll darauf, die Saison als Aufsteiger ordentlich zu Ende zu spielen, um dann im nächsten Jahr zu schauen, was für uns alles möglich ist.“
In die Zukunft blickt Widmaier mit einer gesunden Mischung aus Ehrgeiz und Lebensfreude. Er möchte den gemeinsamen Weg mit seinen Freunden weitergehen und dabei sportliche Meilensteine setzen. „Mir ist es einfach am wichtigsten, in einer coolen Mannschaft zu spielen, in der es Spaß macht und mit der man sich nach dem Spiel auch gerne noch zusammensetzt. Ein sportliches Ziel wäre es aber auf jeden Fall, irgendwann mal mit dem TSV Heimsheim in der Landesliga zu spielen – auch wenn das vielleicht erst in ein paar Jahren so weit ist“, verrät er seine Träume. Doch er weiß auch um die Prioritäten außerhalb des Stadions: „Ansonsten muss ich einfach schauen, was die Zukunft bringt. Ich bin zwar noch jung, aber am Ende gibt es eben auch noch wichtigere Dinge im Leben als nur Fußball.“
Wenn der Schiedsrichter ein Spiel abpfeift, genießt Widmaier die Zeit mit seinen Liebsten in vollen Zügen. Er ist ein Entdecker, der das Leben schätzt. „Fußball nimmt bei mir natürlich schon ziemlich viel Zeit ein, aber abseits vom Platz verbringe ich meine freie Zeit am liebsten mit meinen Freunden, meiner Familie und meinem Bruder“, erzählt er. Seine Interessen sind vielfältig: „Außerdem gehe ich richtig gerne gut essen, bin gerne unterwegs und mag es, einfach neue Dinge oder Orte zu erkunden.“
Auch beruflich stellt Widmaier die Weichen für die Zeit nach der aktiven Karriere. Mit Fleiß und Zielstrebigkeit verfolgt er seine akademischen Ziele. Aktuell studiert er Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Pforzheim. Parallel zu seinem Studium sammelt er bereits wertvolle Praxiserfahrungen und ist als Werkstudent im Bereich Controlling und Finanzen bei der Firma Fortuna Spezialmaschinen tätig. Ein junger Mann, der auf dem Rasen wie im Berufsleben genau weiß, wo das Ziel steht.