
Der Landesliga-Schiedsrichter musste ein Spiel abbrechen und in die Kabine flüchten. Er dachte danach ans Aufhören mit der Schiedsrichterei.
Im Amateurfußball hat der Rückgang an Schiedsrichtern dazu geführt, dass Landesverbände priorisieren müssen, welche Ligen überhaupt noch mit neutralen Unparteiischen besetzt werden. Meist fallen dabei Spiele der B- und C-Klassen, AH-Begegnungen sowie Jugendspiele unterhalb der Bezirksliga durchs Raster. Dann pfeifen Freiwillige des Heimvereins. Heile Welt dagegen im Oberland: Die Gruppe Bad Tölz verfügt aktuell über 193 Schiedsrichter, davon 155 Aktive, die im Jahr 2025 sage und schreibe 4370 Spiele geleitet haben. Damit auch künftig alle Spiele besetzt werden können, ist die Tölzer Gruppe stets auf Nachwuchssuche. Wir haben mit Landesliga-Schiedsrichter Felix Wolf (29), dem neuen Lehrwart der Gruppe, gesprochen.
Protestierende Trainer und Spieler, gelegentlich sogar körperliche Attacken. Und bei etlichen Vereinen nach Niederlagen der Hauptschuldige: Was ist attraktiv daran, in seiner Freizeit Fußballspiele zu leiten?
In keinem anderen Umfeld gibt es eine derart reizvolle Aufgabe. Es fordert die Persönlichkeit und bringt dich menschlich weiter. Da hast du etwa 25 Akteure auf dem Fußballplatz: die Lauten, die Leisen, die Netten, die Bösen, da musst du alle Töne der Notenskala spielen, um sie alle einzufangen. Das ist gar nicht so leicht, besonders am Anfang. Aber man lernt es. Heute weiß ich – auch in der Arbeit – meist schon beim ersten Satz, wohin die Reise geht. Das hat mir in jeder Lebenslage weitergeholfen. Man bleibt fit und lernt viele Menschen kennen. Unsere Schiedsrichtergruppe ist ein Verein fürs Leben. Wir unternehmen viel gemeinsam. Lasertag spielen, Go-Kart-Arena, Eisstockschießen, Schafkopfrennen.
Was für eine Rolle spielt das Geld?
Das ist gerade für die Jungen attraktiv. Du pfeifst ein U15-, B- oder A-Jugend-Spiel und kriegst 36 Euro plus 30 Cent für den Kilometer. Das ist eine solide Nummer.
Sind Sie auf dem Platz eher autoritär oder mehr der kameradschaftliche Typ?
Als junger Schiedsrichter bin ich ganz autoritär aufgetreten und habe jede Menge Karten verteilt. Dann bin ich bei einem Spiel von Christoph Kern, dem damaligen Bezirksobmann und späteren Verbandspräsidenten, beobachtet worden. „Bist Du bei der Bundeswehr?“, hat er mich gefragt und mir geraten: „Probier’s mal leise und auf die nette Tour.“ Ich habe mich an diesen Rat gehalten. Mit einem kleinen Witz kann man die Situation entspannen. Ich habe überhaupt kein Problem, mich bei einem Spieler zu entschuldigen, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Fehlerlos pfeifen, das ist nicht möglich. Einen Fehler zuzugeben, ist ein Zeichen von Stärke. Alles andere ist arrogant.
Wie sorgfältig bereiten Sie sich auf Ihre Einsätze vor?
Für mich ist jedes Spiel wichtig. Wenn ich die Einteilung, meist ein, zwei Wochen vorher, bekomme, schaue ich mir die Tabelle und die Fairnesstabelle an, lese die Vorberichte der Zeitung, schaue mir die Spielstatistik an. Das mache ich bei jedem Spiel, egal ob das Kreisklasse oder Landesliga ist. Bei der Anreise plane ich meist einen Puffer von etwa zwei Stunden ein, auch wenn meine Assistenten davon nicht begeistert sind. Da wird sich warmgelaufen, genau wie die Spieler. Die bereiten sich seriös vor, wir auch.
Gibt es in Ihrer langen Laufbahn Spiele, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Als ich noch mit meinem Gespann in der Junioren-Bundesliga unterwegs war, in Karlsruhe, in Dortmund oder Stuttgart – das waren schon unvergessliche Erlebnisse. Oder: Vor kurzem habe ich ein Kreisklassenspiel in Weyarn geleitet und mich nach dem Spiel mit den Leuten im Vereinsheim zu einem Bierchen zusammengesetzt, das war supernett.
Mussten Sie schon mal ein Spiel abbrechen?
Leider ja. Es war während der Corona-Zeit, Grünwald gegen Geretsried. Da kam es zu einem Foul mit Verletzungsfolge. Der Spieler musste mit dem Sanka geholt werden. Dann sind die Mannschaften aufeinander losgegangen, und plötzlich waren Leute auf dem Platz, die da wegen Corona eigentlich nicht sein durften. Plötzlich hat sich der Hass gegen uns Schiedsrichter gerichtet. Wir mussten flüchten, haben uns in der Kabine eingesperrt und die Polizei verständigt. Da standen vor der Tür Leute, die gebrüllt haben: Komm’ raus, wir bringen dich um! Die Polizisten haben uns dann unter den Schmährufen dieser Zuschauer zum Auto begleitet. Ich habe hinterher überlegt, was passiert wäre, wenn wir die Tür geöffnet hätten. Das ist mir lange nachgegangen. Ich habe sogar überlegt, mit der Schiedsrichterei aufzuhören. Einen der Täter, den ich identifizieren konnte, habe ich angezeigt. Er ist dann auch verurteilt worden. Das Sportgericht Bayern hat dann auch ein Urteil gesprochen.
Es ist der erste Neulingskurs, den Sie als Lehrwart verantwortlich vorbereiten. Wen wollen Sie vorrangig dabei haben, den Spieler, der nach seiner aktiven Laufbahn dem Fußball verbunden bleiben will, oder den Jugendlichen, der vielleicht als Schiedsrichter Karriere machen will?
Ich will sie alle. Gerne die Jungen, auch die, die noch nie etwas mit dem Fußball zu tun hatten. Denen bringen wir es bei, das geht. Wir haben da etliche Beispiele. Mit jugendlichen Fußballern, die schon Verständnis fürs Spiel haben, geht das natürlich leichter. Die, die wissen, wann ein Foul ein Foul ist. Und man kann natürlich auch Spiele pfeifen und nebenbei weiterspielen. Ich brauche aber auch die 20-, 30-, 40- und 50-Jährigen, die Lust haben, sich am Wochenende zu bewegen, und die über eine natürliche Autorität verfügen.
Welche Voraussetzungen müssen die Neulinge denn mitbringen?
Auf jeden Fall die Mitgliedschaft in einem bayerischen Verein. Sie müssen im Jahr des Kurses das 14. Lebensjahr vollenden oder vollendet haben. Eine gewisse Fitness zum Bestehen der Laufprüfung wird natürlich auch erwartet.
Welches sind die Schwerpunkte bei der Ausbildung?
Natürlich geht es vor allem um Foulspiel, unsportliches Betragen. Darauf liegt der Fokus. Aber wir wollen breit streuen. Wenn jemand in der Theorie ein Verständnisproblem hat, dann gehe ich mit ihm hinaus auf den Kunstrasen und zeige es in der Praxis.
Im Zusammenhang mit der Schiedsrichterei wird bisweilen davon gesprochen, Neulinge würden einen „Praxisschock“ erleiden. Gibt es den und wenn ja: Was tun Sie dagegen?
Den gibt es. Mir ist es beispielsweise in meinem allerersten Spiel passiert, dass ich komplett vergessen habe, Ein- und Auswechslungen mitzuschreiben. Man ist zunächst überfordert. Deswegen haben wir auf Initiative unseres Obmanns Thomas Sonnleitner mindestens beim ersten Spiel das Tandem-System eingeführt. Das bedeutet: In der ersten Halbzeit pfeift ein erfahrener Schiedsrichter, der Neuling läuft neben ihm her. Der Erfahrene erläutert, was er macht, und zeigt ihm das Stellungsspiel. In der zweiten Halbzeit pfeift dann der Neuling, und der Erfahrene läuft nebenher. Das funktioniert so gut, dass dieses System inzwischen fast in ganz Deutschland angewendet wird. In weiteren Spielen wird der Neuling dann von einem Paten betreut.
Wie groß ist denn die Fluktuation in der Tölzer Schiedsrichtergruppe?
Jedenfalls geringer als anderswo. Wir bieten ganz viele helfende Hände. Wer sie ergreift, wird ganz gut durchgeleitet. Aber man muss sich nichts vormachen: Das erste Jahr ist nicht so einfach, bis man hineinkommt, bis man Erfahrung gesammelt hat. Wir schauen natürlich ganz genau drauf, dass Neulinge mutmaßlich einfache Spiele zugeteilt bekommen. Erst wenn der Pate grünes Licht gibt, geht es ein Stück hinauf, etwa von der C- zur B-Jugend.
Und wie steht es mit den Aufstiegsmöglichkeiten?
Die sind heute so gut wie nie zuvor. Früher musste man sich Jahr für Jahr eine Liga nach oben arbeiten. Ich bin damals jedes Jahr aufgestiegen und war im siebten Jahr in der Landesliga angekommen. Wenn einer heute erkennbar über großes Talent verfügt, geht das viel, viel schneller. Solche Chancen wie heute gab es noch nie. Die Neuen fahren an den normalen Schiedsrichtern vorbei. Es gibt eine Sonderliste, das nennt sich Nachwuchs-Leistungszentrum. Wenn der Beobachter sagt, der pfeift morgen Bayernliga, dann pfeift der Bayernliga. Und wenn er’s gut macht, pfeift er übermorgen Regionalliga.
Es gibt Trainer, die der Meinung sind, man solle den VAR, den Video Assistent Referee abschaffen. Ist der VAR eher hilfreich oder wird der Schiedsrichter auf dem Platz entmündigt?
Der VAR kann nicht zu 100 Prozent die richtige Entscheidung treffen. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch einen Graubereich. Wenn man nach einem Tor ungehemmt jubeln kann, das macht den Fußball aus. Minutenlang im Stadion warten, ob ich jubeln darf, das will keiner. Es will auch keiner sehen, dass wegen einer Haarspitze im Abseits ein Tor nicht gilt. Man müsste das modifizieren. Mein Vorschlag: Jeder Trainer sollte, wie in anderen Sportarten, eine Challenge-Karte haben, mit der er eine Entscheidung überprüfen lassen kann. Hat er recht, darf er die Karte erneut einsetzen. Lag er falsch, ist die Challenge verwirkt. Ich könnte aber ohne VAR auch sehr gut leben.
Um allgemeine Fragen, die den Einsatz als Schiedsrichter betreffen, geht es bei einer Info-Veranstaltung für alle Interessenten (bei Minderjährigen auch deren Eltern) am Montag, 9. Februar, von 19 bis 21 Uhr im Vereinsheim der DJK Waldram (Kardinal-Wendel-Straße 100). Etwa: Anreise zum Spiel, Platzbesichtigung, Spielbericht, Spesen, Fahrtkosten und nicht zuletzt: Aufstiegsmöglichkeiten.
Am Dienstag, 10. Februar, von 19 bis 21 Uhr besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Online-Infoveranstaltung. Die Kurstage finden ebenfalls in Waldram statt, am 23., 25. und 26. Februar sowie am 3. und 5. März, jeweils von 19 bis 21 Uhr. Am Sonntag, 8. März, von 11 bis 17 Uhr findet ein Praxistag statt. Die Theorie-Prüfung wird am Montag, 9. März, im Gasthof Post in Warngau abgehalten. Anschließend, ab 19 Uhr, können die Neulinge gleich am turnusmäßigen Lehrabend der Schiedsrichtergruppe teilnehmen. Die Laufprüfung wird im Sommer abgehalten. (Anmeldungen bei: Felix Wolf, E-Mail: lehrwart@srgbt.de)