
Für die Nullachter ist das vor dem Anpfiff das beherrschende Thema. Für Hildburghausen dagegen ist Kunstrasen ohnehin seit Jahren Alltag – auch, weil das Werner-Bergmann-Stadion seit langem nicht wettkampftauglich ist. Zwei Vereine also, die das Thema „fehlende städtische Unterstützung“ aus unterschiedlichen Perspektiven nur zu gut kennen.
Beim SV 08 Steinach ist der Frust über die erneute Ausweichlösung durchaus vorhanden. „Wenn ich für mich als Vereinsvertreter spreche, ist es unbefriedigend“, sagt Kevin Eichhorn-Jeremias-Sohn. „Die Atmosphäre am Fellberg ist immer besonders, gerade in solchen Spielen.“, weiß der 36-Jährige allerdings aus eigener Erfahrung. Dass im Stadion weiterhin nicht gespielt werden kann, liegt aus Steinacher Sicht nicht am Verein. Eichhorn-Jeremias-Sohn benennt die Zuständigkeit klar: „Die Stadt ist für die Herrichtung verantwortlich.“ Der Platz sei erst Ende der Woche vertikutiert und gesandet worden, brauche nun aber Erholungszeit. Auch die vorherige Brave-Heart-Battle-Veranstaltung habe ein früheres Bespielen in diesem Jahr verhindert. Dass das erste Heimspiel im Fellbergstadion nun erst am 2. Mai gegen Ohratal stattfinden soll, stößt ihm sauer auf: „Das ist zu spät. Andere Städte schaffen es auch, die Plätze früher bespielbar zu machen.“
„Sportlich nimmt uns es die Spielstätte den Heimvorteil aber nicht, emotional vielleicht ein bisschen“, sagt er. Denn im Stadion, da ist er sicher, kämen „aufgrund der Kulisse und des Stadions an sich doch der ein oder andere Fan mehr“. Was ihm persönlich am meisten fehlt? „Sicherlich ist es die Atmosphäre. Das Fellbergstadion ist immer besonders und es ist anders als in der Talstraße.“ Ganz ohne Unterstützung wird der SV 08 aber auch am Samstag nicht sein. Eichhorn-Jeremias-Sohn setzt auf die eigenen Fans – und besonders auf die „kleinen Fellbergsupporter“: „Dank an Max Hausdörfer – ich hoffe, dass auch sie das Heimspiel zu etwas Besonderem machen werden.“
Auf den ersten Blick spricht die Ausgangslage für die Gäste: Hildburghausen spielt seit Jahren auf Kunstrasen, das Werratalstadion ist seit langem kein Thema für den regulären Spielbetrieb. Doch Johannes Schelhorn will von einem klaren Vorteil nichts wissen. „Diesen Kunstrasenbonus hatten wir vielleicht vor einigen Jahren noch“, sagt der neue Sportliche Leiter der Eintracht. Er begründet das gleich doppelt: Zum einen habe sich die Mannschaft verändert, „ein Blick auf die Heim- und Auswärtstabelle bei uns bestätigt das“. Zum anderen sei Kunstrasen in der Landesklasse inzwischen längst kein Exot mehr: „Fast alle Mannschaften der Landesklasse trainieren/spielen zumindest im Winter auf Kunstrasen. Die ‚Kunstrasendichte‘ ist eine ganz andere als noch vor 20 Jahren.“ Sein Fazit fällt eindeutig aus: „Steinach ist den Kunstrasen ohnehin gewöhnt, weshalb es für keines der beiden Teams ein Vorteil sein dürfte.“ Mehr noch: „Ich würde fast behaupten, dass der Steinacher Spielansatz auf einem kleinen Platz besser funktioniert.“
Schelhorn geht sogar noch einen Schritt weiter – und dreht die Diskussion fast schon charmant um. Ob Steinach durch die Talstraße an Identität verliere? Nicht unbedingt, meint der Hildburghäuser: „Die Steinacher spielen schon seit Jahren je nach Witterung im Herbst, Winter und Frühjahr auf dem Kunstrasen, weshalb das dann scheinbar ja schon ein Teil ihrer Identität sein müsste.“ Und für die Eintracht? Ist das ohnehin kein neues Bild. „Über die Hälfte unserer Spiele in Steinach in den letzten beiden Jahrzehnten wurden auf dem Kunstrasen ausgetragen – also für uns nix Neues.“
Sportlich ist die Partie für beide Mannschaften interessant, weil sich sowohl Steinach als auch Hildburghausen das Jahr 2026 sicher anders vorgestellt hatten. Die Eintracht überwinterte mit berechtigten Meister- und Aufstiegshoffnungen, musste zuletzt aber Rückschläge hinnehmen – unter anderem mit Niederlagen gegen Walldorf, Schweina-Gumpelstadt und zuletzt Gospenroda. Auch deshalb will Schelhorn die Bedeutung des Spiels nicht künstlich aufblasen, weiß aber um die Würze der Begegnung: „Ich erwarte wie immer in Steinach ein umkämpftes Spiel. Zwischen den beiden Mannschaften besteht schon immer eine gewisse Rivalität, deswegen ist es schon eine besondere Partie. Aber zu hoch anhängen würde ich es nun wieder auch nicht.“
Beim SV 08 Steinach liest sich die Bilanz im neuen Jahr ebenfalls wechselhaft: zwei Siege, drei Unentschieden, zwei Niederlagen. Nach einer starken Hinrunde und der Winterpause „auf Tuchfühlung“ mit den Top-Plätzen scheint inzwischen eher ein guter Mittelfeldplatz realistisch – im Idealfall vor dem großen Rivalen 1. FC Sonneberg 2004, so das verkündete Saisonziel von Trainer Horst „Ede“ Grohmann.
Spannend ist die Partie auch aus Hildburghäuser Sicht, weil Johannes Schelhorn inzwischen die Rolle des Sportlichen Leiters von Jens Hirschfeld komplett übernommen hat. „So ganz neu ist mir die Aufgabe nicht. Habe in den letzten Jahren in Abstimmung mit Jens schon Teile der Aufgaben übernommen“, so der 37-Jährige. Seine Selbstbeschreibung passt gut zu einem Funktionär, der intern längst mehr als nur Mitläufer war: „Ich würde jetzt nicht behaupten, dass sich mein Blickwinkel verändert hat, der Horizont hat sich nur erweitert.“ Zu den neuen Aufgaben gehören für Schelhorn vor allem die regelmäßige Vorstandsarbeit, die „Akquise von neuen Spielern und Trainern“ – und mit einem Augenzwinkern auch das „Bei-Laune-Halten vom gesamten Team mit allen Beteiligten“. Vor dem Spiel selbst spüre er trotzdem keine grundsätzlich andere Verantwortung: „Mein Einfluss auf einzelne Spiele ist eher untergeordnet. Da liegt die Verantwortung doch viel mehr bei den Trainern und Spielern. Aber natürlich fiebert man von draußen ganz anders mit – und es ist tatsächlich meist viel aufregender als selbst zu spielen.“
Während Hildburghausen trotz der jüngsten Dämpfer als leichter Favorit anreisen dürfte, kämpft Steinach zusätzlich mit personellen Problemen. „Wir haben dieses Wochenende einen sehr kleinen Kader – müssen uns aus der Zweiten und den Alten Herren Verstärkung holen“, sagt Eichhorn-Jeremias-Sohn offen. „Deswegen kommt uns vielleicht der kleinere Platz zugute, man hat mehr Zweikämpfe, eine höhere Intensität“, so der Steinacher Vereinsfunktionär. Einen klaren Hildburghäuser Vorteil sieht er jedenfalls nicht: „Ich sehe keinen krassen Vorteil bei Hildburghausen oder einen Nachteil bei uns. Vielleicht ist es aus der Situation heraus sogar ein Vorteil für uns. Wir trainieren seit Mitte Oktober auf Kunstrasen – also auch eine halbe Saison.“ Trotz des personellen Engpasses ist die Marschroute klar. „Ich erwarte, dass wir trotz des dünnen Kaders kämpfen und fighten und alles rausholen.“ Und mit Blick auf die Vergangenheit – das deutliche 1:6 im Hinspiel ausgenommen – erinnert er daran: „Bis auf das Hinspiel diese Saison sind es immer enge Spiele. Für uns geht es darum, Einsatz, Leidenschaft und Kampf zu zeigen. Dann bin ich mir sicher, dass wir was mitnehmen – auch wenn Hildburghausen der Favorit ist.“
Auch Schelhorn weiß, worauf es in solchen Spielen ankommt – und formuliert es in gewohnt kerniger Manier: „Solche ‚Derbys‘ gewinnt man nur, wenn man die Grundtugenden des Fußballs auf den Platz bekommt: Laufbereitschaft, stabiles Zweikampfverhalten, sauberes und schnelles Passspiel – und nicht zu vergessen: Hirn.“
Genau das macht diese Partie am Samstag so reizvoll. Vieles spricht für ein enges, intensives Spiel auf engem Raum. Der Kunstrasen dürfte dabei eher kein echter Trumpf für Hildburghausen sein. Steinach kennt den Platz, lebt längst mit dem Provisorium und will gerade deshalb zeigen, dass auch die Talstraße Heimspiel kann. Oder, um es mit den Worten von Kevin Eichhorn-Jeremias-Sohn zu sagen: „Die Vorfreude auf das Spiel ist wie immer gegen Hildburghausen riesig.“ Und in Steinach weiß man: Wenn der Fellberg gerade nicht geht, muss eben der Kunstrasen brennen.