Leider viel zu oft ziehen sich Fußballer - wie hier im Bild - einen Kreuzbandriss zu. F: Meier
Leider viel zu oft ziehen sich Fußballer - wie hier im Bild - einen Kreuzbandriss zu. F: Meier

»Kreuzbandrisse können verhindert werden«

Dr. Werner Krutsch gibt Einblick in die neuesten Studien am FIFA Medical Centre Regensburg

Eine häufige aber vor allem schwere Verletzung bei Fußballern ist die Ruptur des vorderen Kreuzbandes im Knie. Untersuchungen am FIFA Medical Centre Regensburg zeigen, dass früher bei ca. 30 % aller Bundesligaprofis das Karriereende durch eine schwere Knieverletzung hervorgerufen wurde. Heutzutage spricht die Statistik eine ganz andere Sprache: Profi-Fußballer kehren nahezu zu 100% zum Fußball zurück und auch Amateure müssen wegen einer alleinigen Kreuzbandruptur die Fußballlaufbahn nicht beenden. Mit mehr als einem halben Jahr Sportpause muss in einem solchen Fall dennoch gerechnet werden. Besonders häufig treten diese Art von Verletzungen in der Saisonvorbereitungsphase auf. Dr. Werner Krutsch, der am Uniklinikum Regensburg als Sportmediziner in der Kniechirurgie tätig ist, beantwortet im FuPa-Interview wichtige Fragen zu diesem im Frühjahr brandaktuellen Thema.
FuPa: Warum passieren so viele Kreuzbandrisse gerade beim Fußball?
Dr. Werner Krutsch (32): Fußball ist in Deutschland die Sportart Nummer eins, deshalb entstehen auch die meisten Kreuzbandverletzungen beim Fußball. Kreuzbandverletzungen kommen jedoch auch sehr häufig bei anderen Stop-and-Go-Sportarten vor, die besonders in der Halle praktiziert werden, wie zum Beispiel Handball oder Basketball.

Was ist über die Entstehung von Kreuzbandrissen bekannt?
Man weiß, dass die meisten Verletzungen am Kreuzband dann entstehen, wenn die Sportler im Knie nach innen wegknicken oder sich das Knie verdrehen. Dies kommt insbesondere bei der Landung auf dem Boden nach einem Sprung (z.B. Kopfball) oder beim Bremsen nach einem Sprint vor. Gerade in der Saisonvorbereitungsphase im Sommer und Winter treten gehäuft Verletzungen der Kreuzbänder auf, deshalb sollte man in dieser Phase umso vorsichtiger sein.

»Sowohl Spieler als auch Trainer können Einfluss nehmen.«

Kann man etwas zur Verhinderung von Kreuzbandrupturen beitragen?
Ja, sowohl Spieler als auch Trainer können Einfluss nehmen. Gerade in Vorbereitungsphasen am Anfang von Hin- und Rückrunde, sowie vor den Spielen und Trainingseinheiten sollte auf eine gute Wettkampfvorbereitung geachtet werden. Jede Bewegung und Belastung im Wettkampf muss in der Trainings- und Vorbereitungsphase geübt und trainiert werden, damit der Körper weiß, was ihn erwartet und auf möglichst alles vorbereitet ist. Hierbei ist auch eine gute Kommunikation zwischen Spielern und Trainern notwendig.

Gibt es bestimmte Übungen als Vorbeugung gegen Kreuzbandrisse?
Ein allgemeingültiges Rezept zur Verhinderung von Verletzungen ist die Tatsache, dass man all die Belastungen und Bewegungen, die einem im Wettkampf begegnen können, auch in der Trainings- und Vorbereitungsphase häufig übt. Dazu gehören neben dem Laufen und den Ballübungen auch Richtungswechsel-Läufe und vor allem auch statische Balancierungsübungen, Sprungübungen und allgemeine Koordinationsübungen. Es gibt sehr erfolgreiche Aufwärmprogramme für den Fußball, bei denen wissenschaftlich belegt haben, dass sie bis zu 50 Prozent der schweren Verletzungen verhindern können, wenn sie regelmäßig durchgeführt werden. Eines dieser Programme ist zum Beispiel das Aufwärmprogramm "11+", das von der FIFA propagiert wird und unter www.fussballmedizin.de zu finden ist. Generell muss jedoch erwähnt werden, dass zwar einige Kreuzbandrisse damit verhindert werden können, aber leider nicht alle.

In höhere Ligen wechselnde Spieler sind besonders gefährdet.

Gibt es Spieler, die besonders gefährdet sind?
Ja, die gibt es. Kreuzbandrisse entstehen sehr häufig bei jungen Spielern, was bei allen Sportmedizinern die Alarmglocken läuten lassen sollte. Das ist auch der Grund, weshalb wir am FIFA Medical Centre Regensburg unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Angele einen Schwerpunkt beim Thema "Kreuzbandverletzungen im Fußball" gesetzt haben. Unsere neuesten Studien geben Hinweise darauf, dass drei Gruppen von Spieler besonders gefährdet sind, einen Kreuzbandriss zu erleiden und die besonders vorsichtig sein müssen: 1. Juniorenspieler, die den Sprung in den Herrenfußball machen. 2. Spieler, die durch Aufstieg der Mannschaft oder durch Vereinswechsel in eine höhere Liga aufsteigen. 3. Spieler, die unregelmäßig trainieren oder spielen. All diese Spielergruppen werden unvorhergesehenen Belastungen ausgesetzt, bei denen die Gelenke, speziell auch das Kniegelenk, nicht immer mithalten können und dadurch auch vermehrt Verletzungen auftreten können. Für Trainer ist es sicher auch empfehlenswert auf diese Spielergruppen insbesondere in der Saisonvorbereitungsphase ein besonderes Augenmerk zu haben.

Haben die Fußballschuhe Einfluss auf Kreuzbandrisse oder sind sie ein Auslöser für eine Verletzung?
Generell ist es vorstellbar, dass das Schuhprofil von Fußballschuhen einen Einfluss auf Verletzungen haben kann. Allerdings konnten keine wissenschaftlichen Studien nachweisen, dass dies auf einen bestimmten Schuh- oder Stollentyp fokussiert ist. Die Entwicklung bei den Sportartikelherstellern beim Schuhsohlenprofil ist ständig mit Verbesserungen versehen, so dass man sicher keine Angst haben muss, dass das Risiko eines Kreuzbandrisses durch bestimmte Fußballschuhe besonders erhöht wird.

Gibt es eine Faustregel? Wie lange fällt man nach einem Kreuzbandriss als Sportler aus?

Sollte eine OP notwendig werden, muss man nach der Kreuzbandersatz-OP mindestens 6 Monate mit dem Fußballspielen pausieren. Allein 3 Monate benötigt das "neue" vordere Kreuzband, um richtig einzuheilen. Dann muss man für das Muskelaufbautraining und das Koordinationstraining fürs Kniegelenk noch mal mindestens 3 Monate einplanen. Profisportler können wegen des mehrfachen täglichen Trainings bereits nach 6 Monaten wieder in vollem Umfang Fußball spielen. Amateurspieler, die neben ihrem normalen Job teilweise weniger als 3 Mal pro Woche Aufbautraining machen können, benötigen meist ein paar Monate länger bis zur Rückkehr in den Trainingsbetrieb.

Ginge es theoretisch auch ohne Operation?
Ja. Wenn das Kreuzband nicht komplett gerissen ist, teilweise seine Funktion noch hat und keine Instabilität vorhanden ist, geht es auch ohne OP. Diese Entscheidung sollte aber ein erfahrener Kniechirurg treffen und kann nicht allein durch eine Kernspinuntersuchung des Kniegelenks entschieden werden. Sollte eine Teilverletzung des vorderen Kreuzbandes vorliegen und eine Heilung ohne OP möglich sein, muss man jedoch auch eine mehrwöchige Sportpause einkalkulieren.

Kreuzband-OP: Oberschenkel-Sehne wird eingesetzt.

Was passiert bei einer Kreuzband-OP?
Ein komplett gerissenes Kreuzband kann nicht wieder genäht werden. Nur wenn es am Knochenansatz "abbricht", kann es eventuell wieder am Knochen verankert werden. Ansonsten muss das gerissene Kreuzband ersetzt werden, indem eine Sehne am selben Oberschenkel entnommen wird und über einen Knochenkanal genau an der Stelle des alten gerissenen Kreuzbandes wieder eingebracht wird.

Kann das neue Kreuzband wieder reißen?
Ja, allerdings! Eine typische Phase hierfür ist zwischen dem 6. bis 9. Monat nach der OP, wenn der Spieler wieder zum Sport zurückkehren will. Hier entsteht das häufige Problem, dass das neue Kreuzband schon gut eingeheilt ist, jedoch die Muskulatur, die das Kniegelenk bewegen und halten muss, bei weitem nicht so trainiert ist, wie es für das Fußballspielen notwendig wäre. Meinen Patienten rate ich deshalb immer vor Wiederaufnahme der sportlichen Aktivität nochmals zur Kontrolluntersuchung zu kommen, um zu entscheiden, ob Sport schon im vollen Umfang möglich ist oder eventuell noch Übungen zum Aufbautraining notwendig sind.

Ein Riss des hinteren Kreuzbandes wird nicht so häufig operiert wie ein vorderer Kreuzbandriss. Ist diese Verletzung weniger schlimm?
Nein, im Gegenteil. Das hintere Kreuzband ist ein noch viel wichtigerer Stabilisator als das vordere Kreuzband im Kniegelenk und ohne dieses Band ist das regelmäßige Sporttreiben nur sehr schwer möglich. Allerdings ist es so, dass dieses Band eher seltener verletzt ist und eine gute Tendenz hat, auch ohne OP selbstständig zu verheilen. Wichtig aber ist, dass Verletzungen des hinteren Kreuzbandes nicht übersehen werden dürfen und falls sie auftreten von absoluten Spezialisten versorgt werden müssen. Heutzutage ist bei spezialisierten Kniechirurgen auch eine OP des hinteren Kreuzbandes möglich, falls es nicht von alleine verheilt, ähnlich wie beim vorderen Kreuzband.

Im FIFA Medical Centre werden alle Problemthemen aufgegriffen.

Du selbst spielst beim Landesligisten Freier TuS Regensburg und bist als Sportarzt am FIFA Medical Centre Regensburg tätig. Wie kann man sich die Abläufe dort vorstellen?
Die Tatsache, dass ich früher auf professioneller Ebene Fußball gespielt habe (Anm. d. Red.: beim VfB Stuttgart II) und heute mit fast 33 Jahren immer noch neben meinem Job kicken kann und dadurch viel mit Fußball zu tun habe, vereinfacht natürlich vieles in meinem beruflichen Alltag. Im Laufe meiner Fußballkarriere hatte ich mit vielen Mit- und Gegenspielern mit Knieverletzungen zu tun. Deshalb ist es mir sehr wichtig, diesen Fußballern medizinisch zu helfen, damit sie wieder zur "schönsten Hauptsache der Welt" – dem Fußball zurückkehren können. Zusätzlich ist es mir ein großes Anliegen auch durch bestimmte wissenschaftliche Projekte und Studien dafür zu sorgen, dass solche Verletzungen in Zukunft erst gar nicht entstehen können. In dem neuartigen Konstrukt des FIFA Medical Centre Regensburg ist es unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Angele und Prof. Dr. Michael Nerlich seit dem Jahr 2009 in einmaliger Weise möglich alle medizinischen Problemthemen im Fußball aufzugreifen und durch bestimmte Studienprojekte mit Unterstützung von Verbänden und Vereinen zu untersuchen und eventuell auch Lösungen zu finden.

Aufrufe: 24.1.2013, 11:04 Uhr
Dirk MeierAutor

Verlinkte Inhalte