Die Grotenburg gibt es jetzt auch im Theater.
Die Grotenburg gibt es jetzt auch im Theater. – Foto: Marcel Eichholz

Wie Uerdinger Fußball die DDR stürzte

Die Ur­auf­füh­rung von „Das Wun­der von der Gro­ten­burg“ geht nicht nur Fuß­ball­fans un­ter die Haut. Die deutsch-deut­sche Ge­schich­te er­zählt von mensch­li­chen Tra­gö­di­en. Im Pre­mie­ren­pu­bli­kum sa­ßen auch Spie­ler von da­mals.rnrn

Wie span­nend kann ein Thea­ter­stück über ein Fuß­ball­spiel sein, von dem es kei­ne ein­zi­ge Sze­ne zu se­hen gibt und bei dem je­der Zu­schau­er das Er­geb­nis kennt? Die Ant­wort lie­fert das Thea­ter, und sie lau­tet: Sehr! Das Stück „Das Wun­der von der Gro­ten­burg“ dreht sich vor­der­grün­dig um ein Fuß­ball­spiel – 90 Mi­nu­ten zwi­schen Bay­er 05 Uer­din­gen und Dy­na­mo Dres­den.

Doch schnell ist bei der Pre­mie­re in der Fa­brik Hee­der zu spü­ren: Es war viel mehr als das. Au­tor Rü­di­ger Höf­ken stellt in der sze­ni­schen Le­sung gar die The­se auf, dass die 90 Mi­nu­ten von Kre­feld, nebst dem Nach­spiel, dass Dy­na­mo-Ki­cker Frank Lipp­mann die Par­tie zur Flucht nutz­te, zu Ver­wer­fun­gen im Sys­tem DDR führ­ten, die so­gar ei­nen gu­ten Teil zu des­sen Zu­sam­men­bruch bei­tru­gen.

Auch weil die Staat­si­cher­heit (Sta­si) Dres­dens Er­satz­tor­wart Jörg Klim­pel auf­grund von West­kon­tak­ten aus dem Ver­kehr zog. So muss­te nach der Ver­let­zung von Stamm­tor­wart Bernd Ja­ku­bow­ski der jun­ge und un­er­fah­re­ne Jens Ram­me ins Tor. Si­cher auch ein Fak­tor, war­um den Kre­fel­dern in der zwei­ten Halb­zeit noch sechs Tref­fer ge­lan­gen. Die po­li­ti­schen Di­men­sio­nen sind der Fo­kus ei­nes Thea­ter­stücks, das sich nur schein­bar um Fuß­ball dreht.

Die Ge­schich­te: Uer­din­gen-Fan Alex­an­der Bur­bach (Rü­di­ger Höf­ken) ist ver­hei­ra­tet mit DDR-Flücht­ling Kath­rin Bur­bach (Bet­ti Ix­kes). Zu Be­such kommt de­ren Bru­der Gerd Mül­ler (Mi­cha­el Gros­se), sei­nes Zei­chens Au­tor und Dy­na­mo Dres­den-Fan. Die Flucht der Schwes­ter ge­schah am 16. März 1986 – drei Ta­ge vor dem Spiel.

Vor die­sem Hin­ter­grund er­zählt Höf­ken ge­konnt ei­ne Ge­schich­te um die Sta­si, ein deutsch-deut­sches Fa­mi­li­en­dra­ma und im­mer wie­der ei­nes des Fuß­ball­spiels, das auch 35 Jah­re spä­ter noch mit­rei­ßt.

Höf­kens Fi­gur ver­ließ kurz vor der Halb­zeit ent­täuscht das Sta­di­on und er­fuhr erst am fol­gen­den Tag vom „Wun­der“, wor­auf sie sich schwor, das Spiel zur Süh­ne nie­mals an­zu­se­hen – bis zu die­sem Tag. Ob­schon das Er­geb­nis, die Tor­schüt­zen und Er­eig­nis­se längst be­kannt sind: Alex Bur­bach geht mit, re­kla­miert, ju­belt und schreit, als wä­re es ei­ne Live-Über­tra­gung. Da­zu wird der Ori­gi­nal-Ton des Kom­men­ta­tors Rolf Kra­mer ein­ge­spielt.

"Schlechte Luft" im Besprechungsraum

Im Pu­bli­kum bei der Ur­auf­füh­rung fin­den sich auch zwei Uer­din­ger Spie­ler von da­mals: Tor­wart Wer­ner Vol­l­ack und DFB-Po­kal­held und Sieg­tor­schüt­ze Wolf­gang Schä­fer. Im­mer wie­der schmun­zeln sie, manch­mal tu­scheln sie an­ge­regt. Et­wa wenn im Stück da­von ge­spro­chen wird, dass Uer­din­gen-Trai­ner Kal­li Feld­kamp die Mann­schafts­be­spre­chung vor dem Hin­spiel nicht im vor­ge­se­he­nen Raum ab­hielt. „Ein sehr mu­ti­ger Ho­tel­an­ge­stell­ter hat­te ihm ge­steckt, dass dort die Luft sehr schlecht sei. Sprich: Es gab weit mehr Zu­hö­rer, als Feld­kamp das woll­te“, sagt Gerd Mül­ler im Stück. So ver­leg­te der Trai­ner­fuchs die Tak­ti­k­an­sa­gen auf ei­ne Wie­se an der El­be. „Die­se Si­tua­ti­on wer­de ich nie ver­ges­sen. Schon beim Spa­zier­gang vor­her war es ei­ne merk­wür­di­ge At­mo­sphä­re. Nor­mal ha­ben wir uns bei Spa­zier­gän­gen ver­streut. In Dres­den sind wir eng zu­sam­men­ge­blie­ben. Es gab uns ei­nen Ein­druck, was die Men­schen im Os­ten durch das Sys­tem täg­lich er­dul­den muss­ten“, er­zählt Schä­fer nach dem Stück. Wäh­rend der Auf­füh­rung sei­en ihm die Bil­der der Spie­le, auch des Po­kal­fi­na­les, durch den Kopf ge­gan­gen. „Es war wie ein Spiel­film. Al­les kam zu­rück. Ge­ra­de weil nichts ge­zeigt wur­de, weil al­les in der Fan­ta­sie statt­fand, wa­ren die Bil­der viel in­ten­si­ver“.

Das Spiel, so ist in der Auf­füh­rung im­mer zu spü­ren, war weit mehr als Sport. Für die Uer­din­ger ging es um ein Eu­ro­pa­po­kal-Vier­tel­fi­na­le. Für die Dresd­ner war es der Kampf ge­gen den Klas­sen­feind - und wirkt bis heu­te nach. „Die Men­schen in Dres­den ver­glei­chen noch heu­te die Vor­gän­ge rund um die Treu­hand in den 90ern mit die­ser Par­tie“, sagt Mül­ler im Stück. Be­son­ders ein Ab­seits­pfiff ge­gen Dy­na­mo beim Stand von 4:3 für Uer­din­gen er­regt die Ge­mü­ter im Os­ten bis heu­te. Es war ei­ne kla­re Fehl­ent­schei­dung – doch auch Raum für Ver­schwö­rungs­my­then? Das Schieds­rich­ter­ge­spann kam schlie­ß­lich aus dem so­zia­lis­ti­schen Un­garn.

Auch das kunst­voll ein­ge­wo­be­ne Fa­mi­li­en­dra­ma um Mül­ler und sei­ne Schwes­ter rei­ßt mit, sorgt für Nach­denk­lich­keit und Gän­se­haut beim Pu­bli­kum. Da näm­lich die Schwes­ter über Un­garn in den Wes­ten floh, ver­brach­te Mül­ler den Tag des Spiels nicht wie ge­wohnt vor dem Fern­seh­ap­pa­rat, son­dern in Ver­hör­kel­lern der Sta­si. Der Sta­chel über den Ver­rat und den Ego­is­mus der Schwes­ter we­gen ih­rer Flucht, un­ter der An­ge­hö­ri­ge zu lei­den hat­ten, sitzt auch 35 Jah­re spä­ter noch tief – be­son­ders im Rück­blick. „Hät­test Du doch noch die­se drei­ein­halb Jah­re ge­war­tet – aber Ge­duld war noch nie Dei­ne Stär­ke“, fasst der ver­las­se­ne Bru­der die Stim­mung bit­ter zu­sam­men.

„Das Wun­der von der Gro­ten­burg“ ist ein Stück, das si­cher je­den Fuß­ball­fan be­geis­tert, das aber so viel mehr ist. Ein Stück deutsch-deut­scher Ge­schich­te - und viel­leicht, die­se The­se ist zu­mindst schlüs­sig, der An­fang vom En­de des Un­rechts­re­gimes in der DDR. Das be­deu­tet aber auch: Bay­er 05 Uer­din­gen hät­te in die­ser Be­trach­tung den Lauf der Welt ver­än­dert.

In­fo: Noch zwei Vor­stel­lun­gen in die­ser Spiel­zeit

Das Stück „Das Wun­der von der Gro­ten­burg“ wird in der Fa­brik Hee­der auf­ge­führt.

Noch zwei Ter­mi­ne gibt es in die­ser Spiel­zeit: Am Sams­tag, 19. Ju­ni, 20 Uhr, und am Sams­tag, 3. Ju­li, 20 Uhr.

Ti­ckets sind er­hält­lich an der Thea­ter­kas­se un­ter Te­le­fon 02151 805125.

Aufrufe: 012.6.2021, 10:00 Uhr
RP / Sven SchalljoAutor

Verlinkte Inhalte