
Schluss mit 63. Klingt – auf den Fußball bezogen – nach Vorruhestand, ist aber in Wirklichkeit ein wohlverdienter Übergang aus der Coachingzone in die Rolle des Zuschauers. Denn Karl Stern hat nicht nur als Fußballspieler unendlich viel erlebt, sondern mit der ihm eigenen besonderen Herangehensweise als Coach unglaublich viel bewegt. Und das schwerpunktmäßig bei Vereinen im Untertaunus. Das Wort „Aufstiegsexperte“ findet er zu Beginn des Gesprächs übertrieben. Doch als Karl Stern anfängt, von seinen Erlebnissen rund um Deutschlands beliebtesten Teamsport zu erzählen, wird schnell klar: Aufstiegsexperte trifft haargenau zu. Was einige Vereine ihm zu verdanken haben und was er in einer ganz schwierigen persönlichen Phase dem Fußball zu verdanken hat, darüber erzählt der 63-jährige in einer Direktheit, die erahnen lässt, warum er mit einigen Teams aufgestiegen ist.
Klare Philosophie: Einstellung, Zweikampfstärke, Herzblut
„Zweikampfstärke, Herzblut und sein letztes Hemd für den Verein und die Mannschaft geben. Darauf kam es für mich immer an. Man musste nach dem Spiel am Sonntag montags noch in den Spiegel schauen können“, fasst er die Philosophie, auf die er immer gesetzt hat, kompakt zusammen. Und wundert sich fast schon: „Damit bin ich erstaunlicherweise immer am besten gefahren.“
Ein, zwei besonders gute Fußballer, Führungsspieler, die brauche es aber immer in jeder Mannschaft, fügt er noch hinzu. Doch das Entscheidende bleibt für ihn: Einstellung und Eigenmotivation müssen top sein.
Als er in seiner Zeit bei der SG Laufenselden eine dritte Trainingseinheit in der Woche angesetzt habe, sei er damit auf Zustimmung gestoßen, erinnert sich Karl Stern. Überhaupt sei die SGL um Holger Litzius und Markus Dick eine prägende Station gewesen. Garniert natürlich auch mit einem Aufstieg.
Beim SV Erbenheim fing alles an
Die Leidenschaft für den Fußball entwickelte Karl Stern beim SV Erbenheim. 1968 ging es auf dem alten Hartplatz am Oberfeld für ihn los. Statt eines Clubheims gab es lediglich ein Hüttchen, aber eben ganz viel Begeisterung. Nach der Jugend und dem ersten Aktivenjahr beim SVE folgte der Wechsel zur Spvgg. Igstadt.
Von dort durch Paul Schwed, seinen Vorgesetzten im Berufsleben beim Schiersteiner Unternehmen Glyco, zum FSV Oberwalluf, Schweds Herzensverein. Im Team um Mittelfeldregisseur Willi Wenzl („Der beste Fußballer, den ich je erlebt habe.“) und Reinhold Maurer fühlte sich Karl Stern wohl. Während seiner Laufbahn inspirierten ihn Franz Haßler (in Oberwalluf), Achim Euler (in Erbenheim) und vor allem auch Abo Rößler für den Trainerpart. Mit Rößler ging es zum SV Wallrabenstein und damit war die Bande zum Untertaunus geknüpft.
Weitere glückliche Fügungen sollten folgen. Durch Werner Hengstler gelangte Karl Stern zum GSV Born, wurde dort Spielertrainer. „Werner Hengstler war wie ein Vater für mich“, denkt der Wiesbadener gerne an seine erste Trainerstation zurück. Genauso wie an den folgenden Höhenflug mit Rot-Weiß Kettenbach.
Nach zwei Aufstiegen in Folge kam das Team in der Bezirksliga, der heutigen Kreisoberliga, an. „Das war mega. Mir hat bei den Untertaunus-Vereinen einfach auch das Vereinsleben gefallen. Da saßen alle immer noch lange zusammen. In Wiesbaden habe ich das in dieser Zeit nicht mehr so erlebt.“ Die Serie der Aufstiege setzte sich beim SV Langenseifen, bei der SG Laufenselden, beim TuS Huppert und beim TuS Kemel fort.
Zu Bundesliga-Zeiten mit Held, Ritschel und Kostedde zum OFC-Fan geworden
Und 2008 mit einem prägenden Ausnahme-Heimspiel in Wiesbaden beim VfB Westend. Die Mannschaft um Marco Mucko in Hochform, den er später mit nach Huppert nahm, wurde zum Aufsteiger, „mit dem niemand gerechnet hatte“, blickt Karl Stern zurück. Ihn verbindet mit dem stellvertretenden Westend-Vorsitzenden Michael Fritzsche eine lange Freundschaft.
Zunächst war sein älterer Bruder Peter sein fußballerischer Wegbegleiter. Das fing in den 1970ern an, als beide beim damaligen Bundesligisten Kickers Offenbach auf dem Bieberer Berg mitfieberten und Peter seinen Bruder für Gegner Schalke 04 begeistern wollten. Doch es kam ganz anders. Karl wurde OFC-Fan und ist es bis heute geblieben, obwohl angesichts des Beinahe-Anstiegs aus der Regionalliga in der vergangenen Runde das Herz blutet. 1974 war das komplett anders.
Da verzückte die Mannschaft um die Nationalspieler Siggi Held, Manni Ritschel und Erwin Kostedde die Massen. Kostedde war der erste dunkelhäutige Spieler im DFB-Dress. Und so bleibt für Karl Stern mit einem Augenzwinkern eine klitzekleine Einschränkung beim nun verkündeten Ende seiner Trainerlaufbahn. „Es sei denn, der OFC kommt.“
Nach Schicksalsschlag wird TuS Kemel zum Anker
Abseits aller Aufstiege - sein jüngerer Bruder Kurt, selbst ein guter Torhüter und Innenverteidiger, war im Trainerteam sein steter Wegbegleiter - und positiven Erlebnisse ist der Fußball für ihn zum Rettungsanker in schweren Stunden geworden. 2019 wurde er durch den Tod seiner Frau vor eine innere Bewährungsprobe gestellt, die ihm alles abverlangte.
Drei Jahre war Karl Stern als Coach außen vor. „Bis der TuS Kemel sich traute“, schildert Karl Stern in Erinnerung an den Anruf von TuS-Vize Patrick Mergner. Schnell wurde man sich einig. Der Wiesbadener war zurück in einer Vereinsgemeinschaft, die ihm entscheidend mithalf, seinen persönlichen Schicksalsschlag zu verarbeiten. „Wofür ich unendlich dankbar bin. Es war letztlich für beide Seiten eine Win-win-Situation“, blickt er voller Freude auf die 2025 errungene B-Liga Meisterschaft im Team um Galionsfigur Robin Römer zurück. Eine Saison, die Körner gekostet hatte. „Ich bin fix und fertig“, räumte Karl Stern nach dem Titelgewinn ein.
Finaler Abstecher in die B-Liga Rhein-Lahn
Er verließ Kemel, wo Andreas Peiter übernahm, und heuerte aufgrund einer freundschaftlichen Verbindung zu Daniel Pereira Vieira, den er seit der Zeit in Huppert kennt, überraschend beim FSV Welterod in der B-Liga Rhein-Lahn an. „Es war kein Fehler, aber ein schwieriges Jahr, das wir letztlich als Achter beendeten. Es war ein Manko, die Klasse nicht zu kennen.
Im Untertaunus kenne ich fast von jedem die Schuhgröße“, schaut der Wiesbadener, der mit Max Merken (künftiger Spielertrainer der SG Walluf II) eine freundschaftliche Bande pflegt, auf diesen finalen Ausflug zurück. Mit seinem früheren Hupperter Weggefährten Waldemar Hass konnte er in Welterod immerhin noch seinen Nachfolger vermitteln.
Sportplatz-Besuche in heimischen Gefilden und der Blick auf den OFC – nach den vielen Sternstunden im Untertaunus und einmal auch in Wiesbaden wird der passionierte Fußballer nun sein Pensum merklich drosseln. Aber Karl Stern weiß auch um den Satz „Sag niemals nie“. Fürs Erste hat er jedenfalls als Coach nach einer bemerkenswerten Laufbahn abgenabelt.