
Mönchengladbach hat einen deutschen Nationalspieler auf WM-Niveau. Und der spielt in der Kreisliga A beim Polizei SV. Klingt merkwürdig, entspricht aber der Wahrheit. Es handelt sich um eine Nationalmannschaft, die in der Art des Paralympischen Fußballs einzuordnen ist.
Justin Kuhlen, im Fußballkreis als Knipser des Gladbacher Vereins bekannt, erlitt im vergangenen Jahr überraschend einen Schlaganfall. Die schwere Erkrankung überstand er verhältnismäßig gut, kämpft sich auf den Fußballplatz zurück und feierte schon in der Wintervorbereitung des PSV sein Comeback.
Durch den Artikel über Kuhlen in der Rheinischen Post wurde Conny Fritsch im Internet auf den Mönchengladbacher Fußballer aufmerksam. Conny Fritsch ist der Bundestrainer der Nationalmannschaft im CP-Fußball. CP ist die Abkürzung für Cerebralparese und steht für eine breite Spanne neurologischer Erkrankungen. Schlaganfälle und Schädel-Hirn-Traumata gehören dazu. Spieler in aller Welt, die eine solche Erkrankung haben, gründen seit Jahrzehnten eigene Nationalmannschaften, so auch in Deutschland, wo das Team seit 2014 existiert.
Fritsch lud Kuhlen, der nun auch berechtigt ist, an diesem Sport teilzunehmen, in die Nationalmannschaft ein. Wie der Blindenfußball gehört auch der CP-Fußball zu den Parafußball-Arten. Nur: Nach 36 Jahren als Bestandteil der Paralympischen Spiele ist der CP-Fußball anders als der Blindenfußball mittlerweile keine paralympische Sportart mehr; zuletzt war er 2016 in Rio de Janeiro im Programm. Und auch zum DFB, dem Deutschen Fußball-Bund, gehört der CP-Fußball nicht. Beides ist problematisch für Fritsch und seine Mitstreiter, da seither die Fördergelder zurückgehen.
Der 43-jährige Fritsch kommt aus dem niederbayerischen Landshut. Mit Anfang 20 erlitt er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und hat seitdem eine cerebrale Bewegungsstörung, die schwere Belastungen etwa im Sport stark erschwert. Dennoch war er 2014 an der Gründung der Nationalmannschaft beteiligt, damals mithilfe der Hannelore-Kohl-Stiftung. Fritsch war zunächst Kapitän und ist seit 2017 Bundestrainer. „Bei uns spielen Menschen, die einen Unfall hatten oder eine Spastik haben. Wir haben einst mit 14 Spielern angefangen, heute sind wir insgesamt 200. Justin Kuhlen habe ich durch Zufall im Internet gefunden, habe ihn über den Polizei SV angefragt und ihn eingeladen“, erklärt Fritsch. Das war im Frühjahr. „Am Rande eines Testspiels gegen Lürrip nahmen mich Erhan Kuralay und Nino Curti (Trainer und Sportlicher Leiter des Polizei SV, Anm. d. Red.) zur Seite und haben mich darüber informiert. Das ist für mich richtig cool, für den Verein auch“, berichtet Kuhlen.
Der war direkt bereit und fuhr schon im April auf ein Trainingslager der Nationalmannschaft im sauerländischen Elspe mit. „Die Leute waren meganett, auch das Spielen hat mir Spaß gemacht. Man fragte mich schon nach meiner Erkrankung und wie ich damit umgehe“, so Kuhlen. Doch beim Kicken selbst waren alle Erkrankungen nebensächlich. Als einer von nur wenigen Probespielern wurde er für die Auswahl auserkoren und durfte bereits einen Monat später mit in die Niederlande fahren, wo zwei Spiele gegen die niederländische Mannschaft anstanden. Wie er spielen die meisten CP-Fußballer im regelmäßigen Amateurfußballbetrieb mit, haben teilweise sehr hoch gespielt, bevor sie die Erkrankung erlitten. „Das erste Spiel verloren wir mit 6:10 und das zweite mit 3:4. Ich habe im ersten Spiel ein Tor und im zweiten zwei Tore geschossen“, berichtet Kuhlen, der aber auch vom hohen Niveau der Niederländer, einer der weltweit besten Mannschaften, beeindruckt war.
Das Spielprinzip im CP-Fußball, der auf einem Platz in der Größe eines D-Jugend-Feldes, auf kleineren Toren und mit nur sieben Spielern ohne Abseits gespielt wird, komme ihm entgegen. Er könne geduldig auf Bälle warten und sie als Stürmer zu Toren verwerten. Gespielt werden zweimal 30 Minuten.
In den Niederlanden wurde Kuhlen von Ärzten vor den Spielen klassifiziert. Seine Beeinträchtigung ist gering. „Bei ihm ist es kaum sichtbar, er gehört zur Klasse drei. In Klasse zwei ist der Körper halbseitig beeinträchtigt, und in Klasse eins sind insbesondere die Beine stark beeinträchtigt“, erklärt Fritsch. In jeder CP-Mannschaft darf höchstens ein Spieler aus der Kategorie drei spielen, einer muss aus der ersten Kategorie kommen, den Rest machen Spieler der zweiten Kategorie aus. Somit darf Fritsch nur einen Akteur des Kalibers Kuhlen im Spiel einsetzen, den er adelt: „Er ist ein superguter Spieler.“
Die CP-Kicker gehören zum Deutschen Behindertensportverband, doch nur der Blindenfußball erhält die Förderung des Verbandes. Denn dieser strich in diesem Jahr das Budget für den CP-Fußball. „Es hieß, dass nicht-paralympische Sportarten kein Geld kriegen. Das ist eine Ungerechtigkeit, ein Skandal, da wir doch in Deutschland sagen: ‚Sport ist für alle da‘“, beklagt Fritsch. Zuvor gab es immerhin noch rund 18.000 Euro Jahresbudget, mittlerweile gebe es vom Verband nichts mehr, der DFB unterstütze ohnehin nicht. Fritsch hat als Bundestrainer noch einen Arzt und einen Physiotherapeuten im Team, ist aber dennoch Einzelkämpfer. Er organisiert alles selbst, kämpft da gegen Windmühlen, wie er betont. Er habe in letzter Zeit Hunderte von Firmen angeschrieben, auch Politiker, dazu viele Sportstiftungen. Ein Förderangebot habe er nicht bekommen.
In anderen Ländern wie den Niederlanden sei der Parafußball Teil des Fußballverbandes, und in Australien oder den USA etwa erhält der CP-Fußball ein Budget im Millionenbereich. Nur in Deutschland ist der Sport mittellos, mittlerweile sei laut Fritsch auch für Trainingslager kaum Geld mehr da. 2021 etwa musste neue Ausrüstung für die Nationalmannschaft her, die dann nur durch eine Crowdfunding-Aktion finanziert werden konnte. „Wir sind die Nummer vier in Europa, Nummer acht der Welt, und wir könnten in die USA nach Atlanta zur WM fahren, die im Herbst stattfindet. Die Spieler brennen dafür“, so Fritsch. Doch dafür bräuchte es pro Person rund 6000 Euro, für die Finanzierung der ganzen Mannschaft wäre ein Betrag zwischen 60.000 und 75.000 Euro nötig. Da diese Summe nicht in Aussicht ist, hofft die CP-Nationalmannschaft auf ein Wunder, andernfalls könnte sie nicht mitfahren. Bei der letzten WM 2024 in Spanien reichte es für das Team noch für Platz acht.
Auch Justin Kuhlen wäre Teil dieser WM-Mannschaft. „Wenn ich gesund bin und nicht verletzt, würde ich mitkommen“, betont er. Immerhin steht im Spätsommer ein weiteres Länderspiel an, das aber in Deutschland stattfindet. Fritsch will weiterkämpfen, um mehr Anerkennung für seinen Sport, in dem sich seit vielen Jahren nichts verbessert, zu erreichen. „Die Mannschaft ist mein Herzstück“, betont er. Doch bei so vielen nicht-paralympischen Sportarten für Sportler mit Behinderung mangelt es schlicht am Geld. „Unser einziger Strohhalm ist, dass wir wieder paralympisch werden“, hofft Fritsch.