Erst brav aufgestellt, später ausgelassen gejubelt: Der FC Rambach United (blaue Trikots) bestreitet sein erstes Freundschaftsspiel gegen die SG Rambach/Kloppenheim II. 	 Foto: SG Rambach/Kloppenheim
Erst brav aufgestellt, später ausgelassen gejubelt: Der FC Rambach United (blaue Trikots) bestreitet sein erstes Freundschaftsspiel gegen die SG Rambach/Kloppenheim II. Foto: SG Rambach/Kloppenheim

14 Tore und viele Glücksmomente

Erfahrungsbericht: FuPa-Redakteur trainiert den ,,FC Rambach United" +++ Erstes Spiel des Flüchtlingsteams endet 8:6 +++ Handschuhe gesucht

Rambach. Die Flüchtlinge wollen ein Heimspiel. ,,Coach, please. Let us play home", sagt Liban. Alle nicken aufgeregt, einige rufen wild durcheinander, einer auf Deutsch: ,,Ja Trainer, wir müssen zuhause spielen." Der Trainer ist irritiert. Zuhause? Nun gut, unser erstes richtiges Fußballspiel wird also ,,daheim" stattfinden, hier in Rambach. Fast 9000 Kilometer entfernt vom echten Zuhause der Jugendlichen. Das Gros der Mannschaft kommt aus Somalia, einige aus Afghanistan und Eritrea. Sie alle leben in einer Erstaufnahmeeinrichtung des Antoniusheims in Rambach.


Vorfreude bei allen Beteiligten. Foto. SG Rambach/Kloppenheim

Vor zwei Monaten standen die 14- bis 17-Jährigen plötzlich in Badeschlappen auf dem Sportplatz am Rambacher Wald und beobachteten das Training der Männermannschaften der SG Rambach/Kloppenheim. Schnell waren Fußballschuhe für alle Flüchtlinge organisiert, die Jungs trainierten begeistert mit, erzählten es weiter. Seit sechs Wochen bieten wir neben dem Training mit den Männern ein eigenes Jugendtraining an. Mit Startschwierigkeiten: Beim ersten Treffen stehe ich um 18 Uhr mit zwei Spielern auf dem Platz. Wo steckt der Rest? ,,Deutschkurs, Essen, Mittagsschlaf. Keine Sorge, die kommen noch." Nach und nach trudeln die Jungs ein, winken mir zu, schlurfen in die Kabine, ziehen sich in Zeitlupe um. Einem freundlichen ,,Wie geht's?" folgen ein Handschlag und eine kurze Umarmung - rechte Schulter an rechte Schulter, unser Gruß. ,,Noch fünf Minuten", sagen zwei Spieler und legen ihre Handtücher auf den Boden der Umkleide, um zu beten. Das Training beginnt mit zehn Mann und 45-minütiger Verspätung. Ich muss improvisieren, denn im Trainingsverlauf stehen plötzlich 19 Jungs auf dem Platz.

Pünktlichkeit? Fehlanzeige

Meine Bitte um Pünktlichkeit findet beim nächsten Training noch kein Gehör. Dafür helfen alle mit: Hütchen einsammeln, Bälle tragen, Tore verschieben. Das klappt und auch die Übungen funktionieren, nach Anleitung auf Deutsch, Englisch oder mit Händen und Füßen. Die Jugendlichen nennen mich am Anfang hartnäckig ,,Teacher", also Lehrer, mittlerweile sagen sie Trainer oder Olaf. Viele sind misstrauisch, Vertrauen wächst langsam. Hinter der Fassade der lachenden Kicker wohnen oft Ängste und Traumata. Jeder hat seine Geschichte, manche erfahre ich. Und kriege in meiner heilen Welt doch nur eine vage Ahnung von Krieg, Hunger und der Flucht. Über den Transport auf Lastwagen und in zugeschweißten Containern höre ich Schockierendes. Der Willen zu Überleben wirkt nach, die Jungs wollen sich auch auf anderen Ebenen behaupten, sich durchsetzen. Ein knallgelbes Dortmund-Trikot mit dem Namen von Marco Reus sorgt in der Kabine für eine handfeste Auseinandersetzung. Jeder will es haben, ich gebe es schließlich dem Trainingsfleißigsten und hoffe, dass es ihm keiner wegnimmt.

Feiern wie ein Weltmeister

Dank Spenden vom Igstadter Frauentreff, Karstadt Sports und der Verlagsgruppe Rhein Main tragen die Jungs mittlerweile lange Trainingshosen sowie FuPa-Hoodies und sind dafür sehr dankbar. Auch die Trikots sorgen beim ersten Spiel für Begeisterung, die Taktiktafel dagegen für Kopfschütteln. Ich betone, dass ich die Aufstellung nur mit dem Kapitän diskutiere. Doch die Viererkette schafft andere Fakten, denkt gar nicht daran, zu verteidigen und phasenweise spielen wir mit zehn Stürmern. 90 Minuten, 14 Tore und viele Glücksmomente später steht ein 8:6 gegen die Reserve der SG Rambach/Kloppenheim zu Buche. Wir feiern es wie den Weltmeistertitel, hüpfen im Kreis und singen ,,Heyah heyah heyyy", immer wieder. Und dann brüllen sie plötzlich ,,Rambach, Rambach, Rambach". Gänsehaut pur - nach dem ersten Heimspiel der Flüchtlinge.



Die strahlenden Gesichter nach dem Sieg von Rambach United sprechen für sich. Foto: SG Rambach/Kloppenheim.


- Der Autor des Textes ist Projektleiter von FuPa, Sportredakteur beim Wiesbadener Kurier, Fußballtrainer mit der B-Lizenz des DFB und Spieler der SG Rambach/Kloppenheim.

- Seit sechs Wochen trainieren die Jugendlichen zweimal pro Woche in Rambach und bestreiten ab sofort Freundschaftsspiele, das nächste am Sonntag (12.45 Uhr) bei Blau-Gelb Wiesbaden.

- Für die kalte Jahreszeit benötigen die Spieler Handschuhe, Mützen und Regenjacken. Zudem fehlen Schienbeinschoner. Wer helfen möchte, mailt bitte an fupa@vrm.de. Auch interessierte Gegner für ein Freunschaftsspiel können sich per Mail bei FuPa melden.

Aufrufe: 20.10.2015, 03:00 Uhr
Olaf StreubigAutor

Verlinkte Inhalte