Neuer starker Mann im Fußball-Stadtkreis: Dennis Meinders.
Neuer starker Mann im Fußball-Stadtkreis: Dennis Meinders. – Foto: Nico Andreas Paetzel

Osnabrücks Schiri-Chef: Verbale Abrüstung erleichtert Neustart

Der neue Stadt-Schiedsrichter-Obmann Dennis Meinders im Interview - über Gewaltvorfälle und Werte im Netzwerk Fußball

Osnabrück. Er ist neuer Stellvertreter von Frank Schmidt als Vorsitzender des Fußball-Stadtkreises Osnabrück – nach der Fusion mit dem Landkreis soll er zudem die Stadt-Interessen im neuen Fußball-Großkreis vertreten: Dennis Meinders, der auch die Führung der Stadtschiedsrichter übernommen hat, spricht im Interview über Werte, Ziele und befriedete Konflikte.

Herr Meinders, ein Polizeihauptkommissar führt die Fußball-Schiedsrichter in Osnabrück – herrscht ab sofort Law and Order?

Na ja, meine neuen Ausschuss-Kollegen und ich wollen nicht das Rad neu erfinden, sondern die gute Arbeit der alten Führung unter Obmann Torsten Aderhold fortsetzen. Schon bevor wir antraten, herrschte, wenn man so will, Law and Order – Auftrag der Fußball-Schiedsrichter ist eben, darauf zu achten, dass sich alle an Regeln halten. Auch in Zeiten schwindenden ehrenamtlichen Engagements wollen wir weiter zu jedem Pflichtspiel in der Stadt einen unserer fachlich wie menschlich starken Unparteiischen schicken. Wir haben zum Glück eine gute Gemeinschaft, in der motivierte Kollegen etwa bei Ausfällen kurzfristig einspringen und auch abseits des Platzes zusammenhalten.

Diese Gemeinschaft wurde Anfang des Jahres aufgewühlt durch offene Anklagen aus Kreisen der alten Schiedsrichter-Führung. Dort wurden wiederholte Gewaltvorfälle gegen Referees zu Recht moniert, aber auch Vereine als Ganzes pauschal an den Pranger gestellt. Dann kam Corona, der Spielbetrieb ruhte. War die Pandemie im Rückblick darauf fast ein Geschenk?

Corona hat schwerwiegende Folgen für uns – das war sicher alles andere als ein Geschenk. Mit Blick auf den Konflikt und im Sinne der Gewaltbefriedung hat uns die Pandemie aber schon in die Karten gespielt. Stress im Fußball geriet aus dem Fokus, mit ihm die Schiedsrichter, die Menschen hatten andere, grundlegende Sorgen. So trat auf allen Seiten eine verbale wie emotionale Abrüstung ein, die den Neuanfang nun erleichtert. Wichtig ist mir aber, dass alle wissen: Das Gewaltproblem hat sich keinesfalls erledigt. Wir hatten nun im Herbst schon wieder eine körperliche Attacke auf einen unserer Referees, in deren Zuge ein Jugendspieler für vier Monate gesperrt worden ist. Dazu weiß ich von verbalen Attacken auf Referees, die jenseits jeder Toleranzgrenze sind.

Also keine Chance, das Gewaltproblem auf Dauer in den Griff zu kriegen?

Doch, ich hoffe schon. Wir wollen dazu von unserer Seite einen Beitrag leisten. Fußballer und Vereinsvertreter müssen verstehen: Wir sind nicht eure Feinde, sondern wir wollen als neutrale Spielleiter eure Partner sein. In diesem Sinne haben wir uns als Referees neu aufgestellt und die Verantwortung auf viele Schultern verteilt. Wir haben eine AG Gewalt gegen Schiedsrichter gegründet, in der auch Menschen, die nicht mehr an der Pfeife aktiv sind, Erfahrungen und Empathie einbringen. Wir haben den Runden Tisch als Vereinsdialog mit ins Leben gerufen: Dort etablierten Stadtvereine einen Kodex, darauf zu achten, latente Gewalttäter vom Fußball fernzuhalten. Ich weiß, dass ein Verein einen Spieler ausgeschlossen hat, weil er sich weigerte, ein Anti-Aggressions-Training zu absolvieren, welches ihm der Verein im Zuge einer heftigeren Tätlichkeit auferlegt hatte. So soll es laufen: Wir müssen im Netzwerk Fußball für die richtigen Werte einstehen. Für ein für alle offenes Spiel, für fairen Sport, aber klar gegen Gewalt.

Die Schiedsrichter beklagen ein Nachwuchsproblem. In der Stadt haben sich nun mit der alten Führung einige aktive Schiedsrichter zurückgezogen.

Wobei die alten Kollegen nach wie vor Ansprechpartner sind für uns, was wir gern wahrnehmen bei Problemen. Sicher ist, dass wir es in dieser verkürzten Saison schaffen, jedes Pflichtspiel mit einem Unparteiischen zu besetzen – und auch für die neue, hoffentlich komplette Saison bin ich optimistisch mit Blick auf Unterstützung aus dem Landkreis im Zuge der Fusion. Aber klar hat die Nachwuchsgewinnung weiter hohe Priorität. Wir freuen uns über Luise Menke vom SC Schölerberg und Jacob Demmler vom SSC Dodesheide, die uns ab sofort als erste Online-Absolventen der Schiedsrichter-Ausbildung samt Prüfung unterstützen. Bald gibt es wieder einen regulären Anwärterlehrgang. Ich werbe gerne für das Schiedsrichteramt, weil es jeden voranbringt in puncto Lebenserfahrung und Persönlichkeitsentwicklung.

Nun sind Sie auch stellvertretender Stadtkreis-Vorsitzender – und im geplanten Fusions-Spielkreis als wichtiger Stadtvertreter eingeplant, weil sich der Stadtkreis-Vorsitzende Frank Schmidt nach der Fusion auf seine Aufgaben beim DFB und im NFV konzentrieren will.

Ich gebe zu, dass ich am Anfang die Fusion eher skeptisch gesehen habe – ich habe befürchtet, dass es eher eine Art Schlucken des Stadtkreises durch den größeren Landkreis wird. Im Austausch mit den Verantwortlichen dort ist aber deutlich geworden, dass wir dieselben Ziele verfolgen: Vor allem die langfristige Sicherung eines attraktiven Spielbetriebes. Hier will ich mich als Stimme der Stadt einbringen – aber mit dem Ziel, dass wir schnell zusammenwachsen und bald mit einer Stimme sprechen.

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Zur Person Dennis Meinders: Der gebürtige Nordhorner hat in der Jugend selbst Fußball gespielt: Als Torwart beim VfL Weiße Elf Nordhorn. Seit 27 Jahren ist der 41-Jährige aktiver Schiedsrichter, dazu engagierte er sich als Staffelleiter und Mitglied des Jugendausschusses in den Spielkreisen der Grafschaft Bentheim und im Raum Oldenburg. Seit seiner beruflichen Versetzung nach Osnabrück im Jahr 2013 pfeift der Polizeihauptkommissar in Osnabrück – aktuell für den VfR Voxtrup.

Podcast hören: Osnabrücker Schiedsrichter über Gewalt und Respektlosigkeit

Aufrufe: 05.11.2020, 15:30 Uhr
Neue Osnabrücker Zeitung / Benjamin KrausAutor

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