Stefan Erl im Jahre 1985 im Tor des TSV Baar bei Reichertshofen - damals war der Fußball noch nicht so kompliziert.
Stefan Erl im Jahre 1985 im Tor des TSV Baar bei Reichertshofen - damals war der Fußball noch nicht so kompliziert. – Foto: privat

„Altersabsenkung als Chance sehen“ - Stefan Erl fordert Zusammenarbeit 

Jugendleiter vom Kreis Donau / Isar im Interview

Stefan Erl erwartet mit der Altersabsenkung neben Chancen auch Herausforderungen für Vereine. Mit Kooperation und Flexibilität lassen sich diese lösen.

Erding – U 19-Kicker in der A-Jugend-Bezirksoberliga, aber U 18 in der Kreisliga; Großfeld erst ab der B-Jugend – das gilt künftig für den Fußball in Erding, Freising, Pfaffenhofen und Ingolstadt, die im Fußballkreis Donau/Isar zusammengefasst sind. Die Vereine dort haben sich generell für die Altersabsenkung um ein Jahr entschieden (wir berichteten). In München, aber auch im östlichen und südlichen Oberbayern bilden dagegen weiterhin zum Beispiel die U 14 und U 15 die C-Jugend (und nicht wie im KreisDonau/Isar die U 14 und U 13). Und bei den Juniorinnen bleibt überall alles gleich. Wie konnte es zu diesem Altersklassen-Fleckerlteppich kommen, und wie geht es jetzt weiter? Wir fragten nach bei Stefan Erl. Der 46-Jährige ist Kreisjugendleiter im Kreis Donau/Isar.

Herr Erl, die Altersklassen im Nachwuchsfußball verändern – warum wird so eine wichtige Entscheidung nicht mindestens für den gesamten Bezirk Oberbayern gefällt?

Solche Beschlüsse sollen in den Kreisen durch die Vereine in der Basis gefasst werden. Im Bezirk hätten wir die Altersabsenkung nur durchsetzen können, wenn sich alle Kreise dafür ausgesprochen hätten. Die Münchner Vereine haben sich zu Beginn der Workshops schon zuvor klar dagegen ausgesprochen.

Dann nimmt man lieber diesen Fleckerlteppich in Kauf?

Natürlich wäre es schöner, wenn so ein Projekt einheitlich läuft. Ich hoffe und denke, dass dies kein Dauerzustand ist.

Was heißt das?

Bei der Altersabsenkung handelt es sich um eines der Projekte des Fußballverbands, die ja immer zeitlich befristet sind. Genauer gesagt auf drei Jahre. Nach zwei Jahren wird man aber sicher schon eine Bewertung machen können. Ideal wäre es natürlich, wenn die anderen Kreise dann doch noch nachziehen würden und es einheitlicher wird. Die Befristung bedeutet nicht, dass es automatisch nach drei Jahren zurück zum Ursprung geht.

Was machen eigentlich Vereine, die in Spielgemeinschaften mit Clubs aus anderen Kreisen sind? Zum Beispiel die Kooperation zwischen dem TSV Grüntegernbach und dem TSV Buchbach.

Grenzüberschreitende Spielgemeinschaften können sich aussuchen, wo sie melden und wie sie spielen. Wir versuchen das möglichst flexibel für die Vereine zu gestalten.

Stefan Erl: „Wir sollten das gemeinsam als Chance sehen und die Herausforderungen bestmöglich zu lösen.“

Wie sehen Sie persönlich die Altersabsenkung?

Sie ist sinnvoll. Ich halte die U 16 und U 18 bei der B- und A-Jugend für die geeigneteren Abschlussjahrgänge. Sobald die Jungs älter sind, wollen viele lieber bei den Herren spielen oder sind wegen des Studiums in anderen Städten. Wir wissen doch aus Erfahrung: Die U 19-Spieler werden oft nur aus vereinsinternen Gründen in der A-Jugend gehalten. Vor allem in der Kreisklasse und Gruppe. Früher hatten wir auch die U 18 als Abschlussjahrgang. Da galt der 1. August als Stichtag. Das wurde allerdings 1997 deutschlandweit an die internationalen Gegebenheiten angepasst. Auch halte ich eine C-Jugend mit U 14 und U 13 von der körperlichen Entwicklung her für harmonischer als jetzt in der U 15 und U 14, wo die körperlichen Unterschiede meist größer sind. Wir sollten das gemeinsam, also Vereine und Verband, als Chance sehen, und die Herausforderungen bestmöglich zu lösen.

Erl erwartet Nachziehen in weiteren Kreisen - Vereine durch Meldeligen flexibler

Nochmal zurück zum oberbayerischen Fleckerlteppich: Das ist ja wohl in Bayern einzigartig, oder?

Keinesfalls. Es ist definitiv auch so in Oberfranken und wird sehr wahrscheinlich auch in Niederbayern so kommen.

Aber die Vereine, die auf Bezirksebene spielen, bekommen zwangsläufig Probleme.

Ja, das stimmt. Bezirksoberliga und Kreisliga passen nicht mehr zusammen. Wenn man aufsteigt, ist es eher noch ein Vorteil, weil man dann mit der Aufstiegsmannschaft weiterspielen kann. Vereine, die nur einen Teil der Mannschaften in der BOL oder höher haben, haben die größere Herausforderung bei der Meldung. Das bringt für die betroffenen Vereine Schwierigkeiten mit sich.

Welche Möglichkeiten sehen Sie da noch?

Mit diesen Vereinen werden wir vor der Meldung sprechen und die beste Lösung suchen, soweit das gewünscht ist. Insgesamt sind die Vereine inzwischen durch die Meldeligen flexibler. Bis zur Kreisliga können sie ja ihre Mannschaften aufgrund ihrer eigenen Einschätzung für die Spielklasse melden.

Nur zwei Drittel der Vereine haben abgestimmt - Erl sieht das gelassen

Kommen wir zur Abstimmung selbst. Nur 109 der aufgerufenen 158 Vereine haben sich daran beteiligt. Ist das nicht enttäuschend?

Das muss man differenziert betrachten. Von einigen Vereinen, die sich nicht gemeldet haben, bin ich schon etwas überrascht. Da will ich aber keine Namen nennen. Es gab aber auch 15 Vereine, die ihre Stimme deshalb nicht abgegeben haben, weil sie sich vereinsintern einfach nicht einig waren. Ich kenne Fälle, da waren Vorstand und Jugendleitung grundsätzlich dafür, aber die Trainer waren dagegen, weil sie gerade eine starke A- oder B-Jugend haben, die sie nicht auseinanderreißen wollen. Manchmal wird halt leider nur an den kurzfristigen Erfolg gedacht, allerdings auf beiden Seiten, Befürworter und Skeptiker. Die überwiegende Mehrheit macht sich aber schon viele Gedanken bezüglich der Zukunft. Dies hat man bei den Workshops und den Onlineversammlungen und Telefongesprächen dazu gesehen. Leicht hat sich das mit Sicherheit niemand gemacht.

Woraus schließen Sie das? Wie gesagt: Es haben nur gut zwei Drittel aller Vereine abgestimmt.

Allein an unseren Online-Meetings haben sich gut 120 Vereine beteiligt. Ich habe auch noch sehr viele Anrufe und Mails bekommen. Die Vereine schauen schon auf ihren Nachwuchs. Der Vorschlag, in der C-Jugend Neun gegen Neun spielen zu lassen, entsprang zum Beispiel aus einem unserer Workshops.

Erl rechnete mit einem eindeutigerem Ergebnis

Hat es Sie nicht trotzdem überrascht, dass sich die Mehrheit dafür entschieden hat?

Im Gegenteil. Ich war sogar überrascht, dass es am Ende mit 52,3 Prozent so knapp wurde. Ich hatte aufgrund der Rückmeldungen und Gespräche hier mit einer weit deutlicheren Mehrheit gerechnet.

Aber ist es nicht problematisch, dass künftig das Großfeld erst mit der B-Jugend beginnt? Es sind dann nur noch vier Jahre, bis es zu den Herren geht.

Ich weiß. Zu meiner Jugendzeit waren es dagegen noch acht Jahre. Da kam man von der E sofort in die D aufs große Feld. Ich will jetzt da noch nicht vorgreifen, aber vielleicht können wir ja doch parallel beides anbieten: Großfeld und 9:9. Das hängt natürlich auch davon ab, wie viel Mannschaften in der C-Jugend zur Verfügung stehen. Das werden wir im Februar mit den Vereinen diskutieren. Größere Vereine stellen ja auch öfter zwei Mannschaften in dieser Altersklasse. Da könnte dann eine auf Großfeld, die andere auf dem Kompaktfeld spielen. Aber wie gesagt: Da will ich noch nichts versprechen, und es hängt auch vom Wunsch der Vereine ab.

Kleine Vereine stimmten eher für die Verjüngung

Wie war das Abstimmungsverhalten insgesamt? Gab es Unterschiede zum Beispiel zwischen den Vereinen im Freisinger und Erdinger Raum?

Nein, es gab kein Nord-Süd-Gefälle oder Ähnliches. Was man sagen kann, ist, dass die eher kleineren Vereine noch mehr für die Altersabsenkung waren wie die Vereine mit mehr Mannschaften und der dadurch meist entsprechend größeren Anzahl an Jugendlichen. So kam dann auch die deutlichere Zwei-Drittel-Mehrheit zustande, die für die Änderung der Altersstruktur notwendig war. Bei den größeren Vereinen war das Verhältnis ziemlich genau 2:1.

Was ist eigentlich mit den Projekten fürs Kleinfeld, diese Spielformen mit drei oder vier Spielern?

Da bin ich zuversichtlich. Ich habe schon sehr viele Mails erhalten von Vereinen, die Funinho ausprobieren wollen. Jetzt müssen wir aber erst mal schauen, wann wir coronabedingt überhaupt wieder auf den Platz dürfen. Wenn das absehbar ist, dann werden wir die Vereine anschreiben und die ersten Turniertage vereinbaren. Ich sehe hier schon viel Potenzial und Interesse der Vereine, bei den bis zu Zwölfjährigen mit kleineren Spielfeldern und mehr Ballkontakten der Spieler dadurch neue und/oder zusätzliche Wege – sprich Angebote – zu gehen. In diesem Bereich kam ebenfalls sehr viel Rückmeldung bei den Onlineterminen und Workshops im vergangenen Jahr.

(Dieter Priglmeir)

951 Aufrufe5.2.2021, 10:36 Uhr
Erdinger Anzeiger / Dieter PriglmeirAutor

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