
Jens Stieghorst im Exklusiv-Gespräch: Der Präsident von Ratingen 04/19 über den Titelkampf der vergangenen Saison in der Oberliga, Aufbauarbeit, die Entwicklung bei Fans und Sponsoren sowie die anstehenden Duelle mit Traditionsklubs.
Herr Stieghorst – Sie sind beim VfB Hilden Sponsor auf dem Ärmel. Ein Teil von Ihnen ist also in die Regionalliga aufgestiegen. Glückwunsch!
Stieghorst (lacht) Na ja, ein Teil von mir ist das nicht. Das war eine spontane Geschichte: Ich habe schon einmal bei der Trikotverlosung des VfB Hilden mitgemacht, wurde vor der Saison wieder gefragt und habe da mit meiner Firma teilgenommen. Bei der finalen Auslosung anlässlich des Freundschaftsspiels gegen Fortuna Düsseldorf in Hilden habe ich quasi den „Trostpreis“ gewonnen – das war der Ärmel des Auswärtstrikots.
Sie haben dem VfB dann sicher auch zum Aufstieg gratuliert?
Stieghorst Unmittelbar am Sonntag nach unserem Spiel in Monheim per WhatsApp, unter anderem an Kapitän Fabian Zur Linden. Man kennt sich seit vielen Jahren, und ich war diese Saison oft in Hilden, weil der VfB ja fast immer den Gegner bespielt hat, den wir am Spieltag danach hatten. So habe ich Hilden bestimmt zehn Mal gesehen diese Saison. Und vor allem so eine Rückrunde muss man sportlich anerkennen – 14 Siege, ein Unentschieden, zwei Niederlagen. Wie die Mannschaft und der Trainer, die sehr lange zusammen waren, was sie getragen hat, das gemeistert haben – das nötigt mir Respekt ab. Es war ein herzlicher Glückwunsch, kein zwanghafter.
Wie war es für Sie, als Ratingen 04/19 den Aufstieg verpasst hatte?
Stieghorst Direkt nach dem Spiel war ich wirklich niedergeschlagen und am Montag auch noch. Wir waren 27 Spieltage Tabellenführer, und gehen dann mit so einem Spiel raus.
Was hat Sie daran geärgert?
Stieghorst Dass wir zwei vermeidbare Gegentore bekommen und vorher selber unsere großen Chancen nicht genutzt haben. Dass wir in der zweiten Halbzeit nicht durchschlagskräftig genug waren und uns der Gegner den Schneid abgekauft hat. Je länger das Halbzeit-Ergebnis stand, desto weniger habe ich geglaubt, dass wir es noch drehen.
Es gab viel Lob: 04/19 hätte den spielerisch besten Kader der Liga. Warum steigt der dann nicht auf?
Stieghorst Wir haben sicher individuell sehr gute Spieler, aber Hilden hatte eine bessere Struktur mit Führungsspielern von hinten bis vorne auf dem Platz, die schon viele Jahre zusammenspielen. Das hat das Team getragen. Und irgendetwas ist ja passiert – der VfB war nach der Hinrunde neun Punkte hinter uns. Und obwohl frühzeitig klarwar, dass der Vertrag mit Trainer Tim Schneider vereinsseitig nicht verlängert wird, hat Hilden die Rückrunde gerockt. Das konnte unsere vor der Saison runderneuerte Mannschaft mit dem neuen Trainerteam in der Kürze der Zeit nicht in der Form leisten, wie es der eingespielte VfB konnte – obwohl unser Trainer Damian Apfeld viel Wert auf die Kultur und Atmosphäre in der Mannschaft gelegt hat.
Wie bewerten Sie seine erste Saison in Ratingen?
Stieghorst Es war eine sehr gute Saison von Damian, er ist ein Glücksfall für den Verein. Er ist menschlich und fachlich top, ist immer da, zeigt Präsenz, kein Weg ist ihm zu weit – auch nicht in der Kader-Planung mit unseren Sportlichen Leiter Frank Zilles. Es war eine sehr gute Entscheidung vor einem Jahr, ihn zu verpflichten.
Er war an jenem Sonntag in Monheim untröstlich. Mussten Sie viel Aufbauarbeit leisten?
Stieghorst Ich habe mich Montag schon mit ihm und Frank Zilles zusammengesetzt, am Mittwoch habe ich beide noch zum Essen eingeladen und mich für das große Engagement bedankt. Damian hatte den Traum, in seiner ersten Saison mit Ratingen aufzusteigen mit einem Kader, den er federführend zusammengestellt hat. Ihn mussten wir am meisten aufbauen. Aber wir mussten uns auch gegenseitig aufbauen – wir waren bis Mitternacht beisammen, aber danach war es auch wieder gut.
Die Vizemeisterschaft bedeutet immerhin auch den größten Erfolg der Vereinsgeschichte.
Stieghorst Das stimmt.
Die nächste Saison wird sicher die namhafteste Oberliga aller Zeiten. Auf wen freuen Sie sich am meisten?
Stieghorst Mit Fortuna Düsseldorf II, der SSVg Velbert, dem Wuppertaler SV und dem KFC Uerdingen wird es sicher die namhafteste Liga – ob es auch die schwerste wird, wissen wir noch nicht. Bei unserem Heimspiel gegen den KFC, das auf dem Platz leider wenig erfolgreich war, haben wir schon gesehen, was hier möglich ist mit mehr als 2000 Zuschauern und davon wirklich vielen Fans aus Ratingen. Deswegen freuen wir uns insbesondere auf die Traditionsvereine wie den KFC und den WSV mit ihrer Sogwirkung. Und als gebürtiger Wuppertaler freue ich mich auf den WSV in Ratingen.
Ihre Fan-Unterstützung ist in dieser Saison sehr gewachsen...
Stieghorst Das haben wir in der Form noch nicht gesehen in Ratingen. Es gab ja in Uerdingen ein Plakat, das dazu aufgerufen hat, dass alle KFC-Fans nach Ratingen fahren sollen. Wir haben dann auch mit bis zu 1000 Uerdingern gerechnet, waren aber auch schon so lange Tabellenführer, dass wir gesagt haben: Wir machen auch alles mobil. Wir haben rund 600 Kinder und Jugendliche, die bei uns spielen, und die Jugendleitung hat uns super unterstützt, sodass an dem Sonntag dann die Tribüne voll war mit Ratinger Fans, mehr als 400 eigenen Jugendspielern und ihren Trainern. Und unser Marketing- und Eventmanager Mirco Köstring war vorher noch mit „Edelfan“ Torsten Kimura in der Stadt, hat dort Werbung gemacht, es gab einen Fan-Marsch. Das alles hat uns sehr viel Freude bereitet, und es hat klick gemacht: Gerade die Unterstützung von den Kindern und Jugendlichen wollen wir ausbauen.
Wie?
Stieghorst Wir haben in diesem Bereich ohnehin einen großen Zulauf, und durch die aktuelle WM kommt noch mehr Euphorie auf, dass Kinder Fußball spielen und vielleicht auch ihre „local heroes“ sehen wollen. Dieses „family and friends“ wollen wir deutlich ausbauen. Es bleibt dabei, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren freien Eintritt zu unseren Spielen haben, mit Ausnahme von Risikospielen. Das werden wir auch in Grundschulen und weiterführenden Schulen mehr promoten.
Wie war die Saison wirtschaftlich?
Stieghorst Wir sehen sowohl bei den Sponsoren als auch bei der Zuschauerzahl eine deutlich positive Entwicklung – wir haben etwa ein Drittel mehr Zuschauereinnahmen und einen spürbaren Zuwachs bei den Sponsoren über alle Segmente. Das ist sicherlich auch dem sportlichen Erfolg mitgeschuldet, aber auch der Atmosphäre, egal ob wir freitagsabends oder sonntags gespielt haben. Da hat sich etwas entwickelt. Was Mirco Köstring in dem Bereich Vermarktung und Event auf die Beine gestellt hat, ist aller Ehren wert. Und auch Torsten Kimura mit seinen helfenden Händen hat etwas mit Leben gefüllt, das wir vorher nicht hatten. Das hat uns allen imponiert. Nach dem letzten Heimspiel gegen Frintrop gab es ja einen „Platzsturm“ von Kindern und Jugendlichen, die Autogramme von den Spielern haben wollten – da waren auch die kleinen Kinder meines Stellvertreters Michael Schneider dabei. Der ist nicht nah am Wasser gebaut, aber das hat ihn besonders und uns beide schon sehr bewegt.
Wie geht es sportlich weiter?
Stieghorst Wir greifen voll an. Wir sind Zweiter geworden, da kann ich jetzt nicht sagen, wir werden nächstes Jahr Fünfter – nein. Wir greifen wieder voll die Spitze an. Was dann dabei rauskommt,müssen wir sehen. Wir können auf eine eingespielte Mannschaft setzen, weil fast alle unserer Stammspieler bleiben, wir brauchen für dieses Ziel aber auch noch ein paar Zugänge. Da stehen wir jetzt aber in voller Konkurrenz zu den Traditionsvereinen, die eine große Sogwirkung haben.
Was für ein Profil müssen die Zugänge mitbringen?
Stieghorst Sie müssen das Ziel Regionalliga vor Augen haben, ambitioniert und in einem guten Fußballer-Alter sein sowie eine starke Mentalität mitbringen. Damian Apfeld und Frank Zilles arbeiten an der finalen Kaderzusammenstellung, dass wir die Spitze auch wirklich wieder angreifen können mit den Neuverpflichtungen, die wir hoffentlich zeitnah vorstellen können. Das war jetzt besonders schwierig, weil unsere Ligen-Zugehörigkeit bis zum letzten Spieltag nicht klar war. Es gibt viele Spieler auf dem Markt, die Bock auf Regionalliga mit uns hatten, in der Oberliga haben wir aber sehr viel Konkurrenz von den Absteigern, die neue Spieler holen müssen. Da hat Hilden jetzt den Vorteil der Liga-Zugehörigkeit. Klar ist: In der spielfreien Zeit wird uns nicht langweilig – wir bereiten im Verein auch noch die traditionelle Trikotverlosung vor und arbeiten an einem Freundschaftsspiel gegen einen attraktiven Gegner aus dem Profi-Bereich.
Georg Amend führte das Gespräch.