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Pädagogik: »Wird man zum besseren Menschen, wenn man Fußball spielt?«

HARTPLATZHELDEN-Kolumne #24: Fußball ist das ideale Medium, um Toleranz, Respekt und andere Werte zu vermitteln – heißt es immer. Doch stimmt das überhaupt? In meinem neuen Job will ich das nun in aller Gründlichkeit herausfinden. Von YOUNIS KAMIL

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 24. Ausgabe erläutert Younis Kamil, Diplom-Sportwissenschaftler und Fußballtrainer, warum es so wichtig ist zu erforschen, ob und wie der Fußball einen gesellschaftlichen Nutzen entfalten kann.

Der Ball ruht, wann wieder trainiert und gespielt werden darf, ist unklar. Also habe ich mir gedacht, ich berichte über das, was mich derzeit beruflich beschäftigt. Das hat nämlich auch mit Fußball zu tun. Als Jugendtrainer ist es immer mein Ziel gewesen, auch die Persönlichkeit meiner Spieler und Spielerinnen zu entwickeln. Ich habe dies immer aus der Überzeugung getan, dass der Fußball das ideale Medium ist, um Respekt, Toleranz und Teamwork zu vermitteln. Ich glaube, dass ich das in den fünfzehn Jahren meiner Trainertätigkeit nicht immer, aber doch meist geschafft habe.

Wenn man mich fragen würde, wie, würde ich sagen, dass ich das nicht mehr genau weiß. Erst in den letzten Jahren habe ich mich, bedingt durch meine berufliche Tätigkeit in der Jugendhilfe, systematischer damit auseinandergesetzt, wie ich den Fußball pädagogisch nutze. Und dennoch könnte ich auch heute nicht erklären, ob und warum mein Ansatz funktioniert.

Mein nächster beruflicher Schritt wird mir dabei eventuell helfen. Für die nächsten drei bis vier Jahre bin ich als Doktorand an der Vrije Universiteit Brüssel und darf mich wissenschaftlich mit der Frage auseinander setzen, ob (und wenn ja wie) der Fußball dazu beiträgt, dass junge Menschen zu gesellschaftlicher Teilhabe befähigt und vor dem Abdriften in kriminelle oder radikale Milieus bewahrt werden. Hat das Fußballspiel das Potenzial, diese großen gesellschaftlichen Aufgaben zu bewältigen, oder sind es die Faktoren um das eigentliche Spiel herum, die einen positiven Beitrag zum Zusammenhalt leisten?

Fußballverbände und soziale Organisationen schreiben dem Fußball oft per se ein integratives Potenzial zu. Aber ist das haltbar? Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es über die gesellschaftliche Wirkung des Fußballspiels? Wird man automatisch zum besseren Menschen, wenn man regelmäßig kickt?

Der Belgische Fußballverband (RBFA) möchte dem auf den Grund gehen und hat mit der Vrije Universität Brussel und dem Hannah-Arendt-Institut aus Belgien zwei akademische Einrichtungen damit beauftragt, dies zu erforschen. Mit dem Projekt „Belgian Red Courts” möchte der RBFA bis zu vierzig Minispielfelder in ganz Belgien renovieren und an diesen Spielfeldern sein Fußballprogramm ausrollen. Diese Minispielfelder sind nicht an Vereine gebunden, sondern öffentlich zugängliche kommunale Sportstätten. Der Belgische Fußballverband knüpft an das Programm zwei konkrete Ziele:

1. Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts
2. Kriminalitäts- und Radikalisierungsprävention

Das Programm sieht vor, für jedes Minispielfeld zwei jugendliche TrainerInnen als Red-Courts-Coaches auszuwählen und sie in der Umsetzung des Fußballprogramms zu schulen. Meine Aufgabe wird es sein, mit dem RBFA ein Programm zu entwickeln, das die Ziele des Verbandes anvisiert und Bedingungen schafft, damit sie erreicht werden können.

Wie muss das Programm aufgebaut sein? Reicht es nur, Fußball zu spielen, oder sollte nach einer Methode gespielt werden? Sollte es anschließend noch Gesprächsrunden geben, wie sollten diese gestaltet sein? Wie sollte die Beziehung zwischen TrainerInnen und Spielern gelebt werden? Worauf sollte man in der Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen achten? Welche sozialen und persönlichen Kompetenzen benötigen junge Menschen, um aktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden?

All diese Fragen werden mich in den ersten Monaten beschäftigen, immer wieder muss ich an die vielen kleinen Vereine an der Basis denken. Wie wunderbar wäre es, wenn ihnen dieses Wissen komprimiert und in praktischer Form zur Verfügung gestellt würde und unsere Trainerinnen und Trainer dieses Wissen in ihre tägliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen integrieren könnten? Vereine könnten ihre gesellschaftliche Relevanz auf ein neues Level heben und selbstbewusst sagen: „Wir tragen durch unsere Arbeit zu gesellschaftlichem Zusammenhalt bei.”

Voraussetzung ist natürlich, dass die Forschungsarbeit Ergebnisse liefert. Aber selbst wenn es nicht die gewünschten sind, werden wir viele Hinweise bekommen, wie wir den Fußball nutzen können, um bei unseren Schützlingen mehr als nur die fußballerischen Skills zu entwickeln. Gerne werden ich von Zeit zu Zeit in meiner Kolumne über den aktuellen Forschungsstand berichten. Dabei versuche ich, die Ergebnisse in die Praxis auf dem Platz zu übersetzen.

Wer mehr über das Projekt des belgischen Fußballverbandes erfahren möchte, kann sich hier informieren.

Protokoll: Oliver Fritsch


Zum Autor:
Younis Kamil, Jahrgang 1984, ist Diplom-Sportwissenschaftler und Fußballtrainer von Kinder- und Herrenteams. Er promoviert zum Thema Verhaltensentwicklung und Verhaltensänderung durch Sport, insbesondere Fußball. Seit über zehn Jahren ist er in der sportbasierten Kinder- und Jugendhilfe tätig, seit drei Jahren zudem Erster Vorsitzender des ISC AlHilal Bonn, eines Stützpunktvereins für Integration und Gewinner mehrerer Integrationspreise.

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Über die Hartplatzhelden-Kolumne:
In regelmäßigen Abständen lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen.

#22: Vereinsstruktur: »Wir wollen unseren Verein strategisch neu entwickeln« von Michael Franke
#21: »eSport? Wer Nachwuchs fördern will, sollte sich Teqball-Platte zulegen« von Tim Frohwein
#20: Fußball und Corona: »Was ich vermisse, ist das Einmischen des DFB« von Ute Groth
#19: Rassismus: »Sie riefen „Deck den Weißen“ – das tat mir weh!« von Younis Kamil
#18: Sportpolitik: »Neue Köpfe braucht der Fußball« von Gerd Thomas
#17: Kommunalpolitik: »Willkommen in der Sportstadt "Schilda" München« von Michael Franke
#16: Sportwissenschaft: »Wünsche mir Wissensspeicher für Amateurfußball« von Tim Frohwein
#15 »Die Politik muss das Fußballverbot für Kinder wieder aufheben!« von allen
#14 Sportpolitik: »Amateure, organisiert Euch!« von Gerd Thomas
#13 Sozialverhalten im Kinderfußball: »Mannschaft ist unser Spiegelbild« von Younis Kamil
#12 Gewalt im Fußball: »Wäre schön, wenn die Politik begreift« von Gerd Thomas
#11 »Wer das Hauptamt fördert, fördert auch das Ehrenamt« von Ute Groth
#10 Neue DFL-Taskforce: »Wir Amateure sind denen egal« von Michael Franke
#9 Kinderfußball: »Es sollen wirklich alle spielen!« von Younis Kamil
#8 »Duschen nach dem Spiel ist jetzt gefährlicher als nach dem Training« von Gerd Thomas
#7 Integration: »Flüchtlingsmannschaften machen mich skeptisch« von Michael Franke
#6 Pro Jugendarbeit: »Lieber kauft man ein neues Herrenteam zusammen« von Gerd Thomas
#5 Stellenwert des Amateurfußballs: »Großer Konkurrent ist die Kultur« von Michael Franke
#4 »Der Plan mit dem Neustart ist nicht durchdacht« von Ute Groth
#3 DFB: Gegen das System Pattex von Gerd Thomas
#2 Kindern die Angst nehmen: »Fehler sind etwas Tolles« von Younis Kamil
#1 »Corona hat die Leute vom Fußball entwöhnt« von Michael Franke

2067 Aufrufe24.2.2021, 10:00 Uhr
Younis KamilAutor

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