Immer mehr Gewalt im Amateurfußball: Oberbayern-Obmann fordert Reaktion – Änderung für Vereine?
Immer mehr Gewalt im Amateurfußball: Oberbayern-Obmann fordert Reaktion – Änderung für Vereine? – Foto: Imago/fkn

Immer mehr Attacken auf Schiedsrichter: Oberbayern-Obmann fordert Reaktion – Änderung für Vereine?

„Sollten es auch als ihr Anliegen auffassen“

Spielabbrüche und Attacken auf Schiedsrichter haben zugenommen. Eine Fehlentwicklung, die die ganze Gesellschaft spiegelt, sagt Obmann Walther Michl.

München – Attacken auf Schiedsrichter, Gewalt auf dem Platz, schwere Beleidigungen: Kaum eine Woche verging am Jahresende 2022 ohne unschöne Meldung aus dem Amateurfußball. Eine gefühlte Wahrheit? Nein. „Das ist durchaus aufgefallen“, sagt Walther Michl, Bezirks-Schiedsrichter-Obmann in Oberbayern.

Negativbeispiele aus dem Herbst gibt es genug: In Burggen wurde ein Schiedsrichter derart beleidigt, dass er mit dem Pfeifen aufhören wollte. In Kempten wurde ein Schiedsrichter von hinten niedergeschlagen. Beim FC Hellas beleidigte und attackierte der Torhüter den Schiedsrichter, sogar die Teamkollegen fassungslos waren.

Die höchsten Wellen schlug der Fall aus der U17-Bezirksoberliga. Schiedsrichter Dominik Otte hatte das Spiel zwischen dem TSV Murnau und dem Kirchheimer SC abgebrochen, danach gingen die KSC-Spieler auf ihn los. Ein Akteur soll ihn gewürgt haben. Diesen Vorwurf bestreitet der verantwortliche Trainer. Der Fall liegt mittlerweile in zweiter Instanz beim Sportgericht. Er war auch ein Thema bei der Mitarbeitertagung des BFV in Oberbayern.

Was tun gegen Gewalt im Amateurfußball? „Letztlich muss sich die Kultur in den Vereinen ändern“

„Letztlich muss sich die Kultur in den Vereinen ändern“, sagt Michl, „es interessiert oft niemanden, wenn während des Spiels auf unterster Schiene gepöbelt wird. Da geht es dann auch um die Vorbildfunktion des Trainers. Wir müssen ansetzen, bevor sich die Stimmung auf dem Platz bis zu Gewalthandlungen aufheizt.“

„Es kann nicht überall ein Polizist am Platz stehen.“

Bezirks-Schiedsrichter-Obmann Walther Michl fordert Selbstkontrolle von Fußballvereinen.

Der Verband plant eine Kampagne für Respekt – wieder einmal. Leider haben die Appelle in der Vergangenheit oft nur kurz für Besserung gesorgt. Was kann der BFV jetzt machen? „Wir wollen die Vereine einbinden“, erklärt Michl, „es kann nicht überall ein Polizist am Platz stehen oder jedes Spiel unter Verbandsaufsicht gestellt werden.“

Schrecken Gewalt-Vorfälle den Nachwuchs ab? „Es geht dabei auch um das Image des Fußballs überhaupt“

Er betont: „Es geht dabei ja auch um das Image des Fußballs überhaupt. Den Vereinen sollte bewusst sein, dass sich die Eltern fragen: Will ich meine Kinder da hinschicken?“

Michl plädiert für Selbstkontrolle. „Ich hoffe, dass in Richtung Pflichten der Vereine etwas passiert. Das wird die Forderung der Schiedsrichter sein. Außen für Ordnung zu sorgen und gegebenenfalls Täter zu identifizieren, das kann ein Schiedsrichter nicht leisten, während er pfeift. Dafür muss eine Person außerhalb des Platzes zuständig sein.“

Schritte gegen Gewalt auf dem Fußballplatz: Mehr Rechte und Pflichten für die Ordner

Die Einführung des „Vereins-Schiedsrichter-Beauftragten“ ging in diese Richtung. Doch wird dieses Amt bei vielen Vereinen vergessen oder zumindest von niemandem wirklich ausgeführt. Michl merkt an: „Die Vereine haben auch zu wenige Ehrenamtler, sie können sich auch keine Leute schnitzen.“ Sein Lösungsvorschlag deshalb: Mehr Rechte, aber auch Pflichten für die Ordner.

„Mit einer Eintrittskarte erwirbt keiner das Recht, Straftaten zu begehen.“

Walther Michl fordert, dass Vereine ihr Hausrecht wahrnehmen.

„Vereine müssen konsequent von ihrem Hausrecht Gebrauch machen“, sagt Michl: „Viele argumentieren, sie könnten niemanden rausschmeißen, der Eintritt gezahlt hat, auch wenn er eine Stunde lang schimpft. Aber mit einer Eintrittskarte erwirbt keiner das Recht, Straftaten zu begehen.“

Regeländerung frühestens 2026: Michl hofft, vorher schon etwas passiert

„Vereine sollten es auch als ihr Anliegen auffassen, dass bei ihnen nichts passiert“, betont Michl nochmal. Schließlich wollen sie eigentlich doch ihren Sport ohne Probleme ausführen.

Bis sich an den Rechten und Pflichten der Vereine etwas ändert, wird es womöglich noch lange dauern. Der nächste Verbandstag findet erst 2026 statt. Vorher hat der BFV nur wenig Spielraum, etwas an den allgemein verbindlichen Regeln zu ändern. „Kleine Schritte wären jedoch schon vorher möglich“, merkt Michl aber an.

„Die Hemmungen sinken, das merkt man überall“: Michl sieht ein gesamtgesellschaftliches Problem

Woher kommen die vielen Entgleisungen auf den Fußballplätzen? Michl will das Problem nicht im Sport selbst verorten. Er sagt: „Die Hemmungen sinken, das merkt man überall. Es herrscht viel Frust. Der entlädt sich dann zum Beispiel in einer Berliner Silvesternacht. Das ist ein Symptom der ganzen Gesellschaft.“

Die Entwicklung geht in eine falsche Richtung, sagt Michl: „An fast allen Sportplätzen hängt ein Schild, das zum gegenseitigen Respekt aufruft. Das muss wieder deutlich stärker mit Leben gefüllt werden.“ (moe)

Aufrufe: 024.1.2023, 17:00 Uhr
Moritz BletzingerAutor