Homöopathisches Ende eines Fanclubs?

Happy Birthday Berliner BäHren 2002

Hertha BSC – FC Bayern München 0:4

18. Spieltag 1. Bundesliga Saison 2019/2020

Sonntag, 19.01.2020 15:30 Uhr

Olympiastadion Berlin

74.667 Zuschauer

Die Handgriffe sitzen noch: Ohne große Kommunikation weiß jeder, was er zu tun hat.

Der Deckel des Teleskopstabs wird vom Klebeband befreit und nach dem Entfernen sofort in die Jackentasche gesteckt. Sonst ist der am Ende dieser Aktion wieder unauffindbar. Ach ja, wie oft haben wir gefühlte Stunden den Boden der Ostkurve nach diesem Mistding abgesucht, weil er einfach verschwunden war.

Heute sind wir jedoch nicht in der Ostkurve. Dort hatten wir uns vor zwei Jahren verabschiedet, weil wir das Feuer, welche man in einer Fankurve braucht, nicht mehr abrufen konnten.

Trotzdem sind die Abläufe, wie gesagt, noch wie aus dem FF. Nachdem der Deckel sicher verstaut ist, ziehen zwei Jungs den mächtigen Fahnenstab auseinander. Auch das ist wichtig, damit die einzelnen Elemente des Teleskopstabs bei der ganzen Aktion nicht wieder ineinander rutschen. Denn das, was sie gleich stemmen müssen, ist enorm. Blitzschnell greifen mehrere Hände in die große Tasche, ziehen den Rot-Weiß-Roten Stoff hinaus und beginnen damit, ihn an der entsprechenden Öse über den Fahnenstab zu ziehen. Dass keiner von uns auch nur einen Tag erwachsener geworden ist, merkt man an den Kommentaren und dem sinnlichen Stöhnen, als der Stab in der für ihn vorgesehenen Öffnung verschwindet.

Schnell wird das untere Ende der Fahne noch am Mast festgeklebt (sonst kann es passieren, dass sie sich beim Schwenken nach oben aus dem Staub macht) und schon wird die Fahne aufgerichtet.

Ein paar Hertha-Fans um uns herum rufen: „Verbrennt den Bayerndreck!“ Sie wissen nicht, dass es sich im die 30 m2 große Berlinfahne und nicht um einen Bayernschwenker handelt. Woher sollten sie das auch wissen? Die Berlinfahne kennen sie ja nur aus der Ostkurve. Was sollte sie, zwei Jahre nach ihrer Pensionierung plötzlich im P-Block?

Die Kurve hat sich eingehakt und schunkelt hin und her. Dabei gibt sei ein immer lauter werdendes Geräusch von sich, das einem eine Gänsehaut beschert. Plötzlich gibt der Vorsänger ein Zeichen und das Schunkeln geht in ein Hüpfen über. “Lalalalalalala Hertha BSC” dröhnt es nun durch das Stadion. Die Trommler der Kurven hauen auf ihren Instrumenten den Takt dazu und wir reißen die Berlinfahne nach oben. Es fühlt sich an wie früher, als dieses Ritual fast 10 Jahre lang unseren Samstag bestimmte. Schwer ist die Fahne geworden oder vielleicht bin ich einfach aus der Übung. Die Kurve beendet das Hüpfen und der Gesang wird nun mit kollektivem Klatschen fortgeführt. Das klare Zeichen für mich, dass der Einsatz der Fahne beendet ist. Im Gegensatz zu früher bauen wir aber noch nicht ab, sondern tauschen die Berlinfahne gegen unseren Gruppenschwenker. Der ist natürlich viel zu klein für diesen gewaltigen Fahnenstab, aber das stört uns gerade nicht. Denn während der Schwenker das tut, wofür er geschaffen wurde, gehen drei Spruchbänder nach oben, mit denen wir uns selbst zum 18. Geburtstag gratulieren.

Dann ist die Show vorbei. Die Leute im P-Block sind fasziniert und froh darüber, mitgemacht zu haben. So etwas erlebt man in einem Sitzplatzblock schließlich nicht alle Tage.

Die Fahnen verschwinden in der Tasche, der Stab wird wieder abgebaut. Der Deckel aus der Jackentasche wird wieder fachmännisch verklebt. Das ist wichtig, weil er sonst abgeht und sich die Teile des über 7 Meter langen Teleskopstabes selbständig machen. Das untere Ende ist aus demselben Grund mit ungefähr einem Kilogramm Tape versiegelt.

Das war so ziemlich der letzte “große” Auftritt. Dann kam Corona und jeder von uns überbrückte die Zeit auf seine Weise. Kinder kamen auf die Welt, Häuser wurden gekauft oder gebaut und, ohne dass wir es merkten, waren wir auseinandergebrochen.

Drei Jahre später:

Heimlich, still und leise sind wir 21 Jahre alt geworden.

Noch im Frühjahr 2021 hatten wir überlegt, im Januar 2022 eine große Sause zu machen. Gut, dass wir nicht weiter in die Planung gegangen sind, denn Corona hätte uns alle Ideen vereitelt. Es wäre eh erst einmal die Frage zu klären, welcher Rahmen denn für eine 20-Jahr-Feier angemessen wäre. Im kleinen Kreis, auf den sich die Gruppe in den letzten Jahren zurückgezogen hat? Oder ganz nach dem Motto „Scheiß drauf: wir schütteln den Freak-Baum und laden alles ein, was runterfällt?“

Oder ziehen wir mit einer Party vielleicht direkt einen Schlussstrich? Immerhin traten wir schon vor Corona kaum noch als Gruppe in Erscheinung. Natürlich müssen wir uns generell hinterfragen, warum das so ist. Wir haben nicht intensiv genug dafür gesorgt, dass junge Herthaner die Lücken schließen, die entstanden waren. Wir haben uns schleichend von Jobs und Familie “einlullen lassen” und dabei vergessen, der Gruppe einen Weg zu geben. Die Einführung des Videobeweises und der Einstieg des Investors sorgten zusätzlich für Meinungsverschiedenheiten. Diese auszuräumen und zu klären, was mit dem BBH passiert, war eigentlich Ziel eines Treffens im Sommer 2020. Die Pandemie verhinderte eine solche Zusammenkunft und so ein bisschen konnten wir uns auch hinter den Corona-Maßnahmen verstecken, um keine unangenehmen Entscheidungen treffen zu müssen. Nun wird der BBH 21 und die Zukunft ist offen. Wird die Gruppe sich bei den Ama Zwee wiederfinden? Kehrt vielleicht ein Teil zurück in die Ostkurve? Fragen über Fragen.

Aber nun erst Mal: Happy Birthday, Berliner BäHren!

Aufrufe: 023.1.2023, 18:14 Uhr
Jörn KutschmannAutor

Verlinkte Inhalte