Nicht mehr Trainer bei Holstein Kiel: Karsten Neitzel wurde nach drei Jahren und zwei Monaten bei den „Störchen“ freigestellt. Foto: Hermann
Nicht mehr Trainer bei Holstein Kiel: Karsten Neitzel wurde nach drei Jahren und zwei Monaten bei den „Störchen“ freigestellt. Foto: Hermann

Neitzel: 3 Jahre Holstein Kiel mit einigen großen Momenten

Klar in seiner Meinung, das Herz auf der Zunge tragend, oft auch emotional.

118 Punktspiele, mehr als drei Jahre im Amt – im Profifußball können das nicht mehr allzu viele Trainer vorweisen. Mit dem Ende der Zeit von Karsten Neitzel endet bei Holstein Kiel eine Ära. Sein Rauswurf zu Wochenbeginn teilt die Kieler Fangemeinde in zwei Lager. Egal wo man hinsieht oder hinhört, ob auf der Straße, in den sozialen Netzwerken oder im Fan-Forum – eine Hälfte bedauert die Trennung vom Trainer, die andere Hälfte begrüßt sie. Dazwischen gibt es nur wenig.
Es ist ein wenig ein Spiegelbild dessen, was Karsten Neitzel in seinen Kieler Jahren auch selbst darstellte. Klar in seiner Meinung, das Herz auf der Zunge tragend, oft auch emotional. Diplomatisch und relativierend – das war und ist auch der 48-Jährige selbst selten. Ob positiv oder negativ: Wer mit Neitzel zu tun hatte, wusste woran er war. Die einen haben das als sympathisch empfunden, für die anderen war er damit eher ein Feindbild. Das galt für alle Bereiche, ob Spieler, Vereinsangestellter oder Fan.

Wer sich mit Fußball intensiv beschäftigte, wer sich für die von Neitzel vermittelten Inhalte interessierte, wer sein Vertrauen, das er vielen (manchmal vielleicht sogar zu vielen) entgegen brachte, nicht missbrauchte, wer die von ihm zusammen geschweißte Gruppe nicht zu gefährden drohte – alle diejenigen hatten in Neitzel einen interessanten Gesprächspartner, der auch Kritik ernst nahm und diskutierte, selbst wenn sie nicht aus dem inneren Zirkel heraus geäußert wurde. Spieler, Fans und Journalisten konnten das gleichermaßen erleben. In der Mannschaft hatte er dabei stets (und bis zuletzt) viele Fürsprecher, die wussten, dass er sich selbst nach deutlicher (interner) Kritik nahezu immer vor seine Akteure stellte. Fußball war ihm dabei auch nie zu viel – einen Trainer, der mehr arbeitet, wird Holstein vermutlich nicht finden.

Die gut drei Jahre mit Neitzel dürfen dabei – im Positiven wie im Negativen – nicht nur an den Tabellenplätzen gemessen werden. Unterm Strich ist die Bilanz in Ordnung: Einmal das Saisonziel erreicht (Klassenerhalt im ersten Jahr), einmal übertroffen (Platz drei im Jahr 2015), einmal verfehlt (Platz 14 in der Vorsaison). Unter seiner Regie wurde ein eigener Spielstil entwickelt, Holstein hatte eine klare fußballerische Identität. Ballbesitzfußball war dabei das Ziel, die Stilelemente Angriffspressing, Laufstärke und Manndeckung dafür prägend. Mit Ausnahme eines halben Jahres, als in der Vorsaison die Neuzugänge die durch Verletzungen und Abgänge zahlreich entstandenen Lücken nicht auf Anhieb stopfen konnten, stellte Holstein Kiel eine der besten Defensivreihen der Liga – niemals jedoch, weil sie die Mannschaft einfach nur hinten reinstellte. Im Gegenteil: Kaum ein Team spielte mit regelmäßiger Eins-gegen-eins-Verteidigung in der Defensive so mutig wie die „Störche“ unter Neitzel.

Ob dieser Fußball am Ende auch attraktiv war, daran schieden sich die Geister. Die Kritiker sahen letztlich vor allem, dass die Mannschaft nicht genug Tore erzielte. Die Chancenverwertung war oft schlecht, eine nachhaltige Lösung dieses Problems fand Neitzel in seiner Amtszeit nicht. Erspielte Möglichkeiten gab es durchaus genug. Dennoch waren immer wieder Spiele wie am Vorsonnabend in Köln dabei, in denen es die Mannschaft kaum schaffte, aus dem angestrebten Ballbesitz auch Torgefahr zu erzeugen. Will man den Neitzel'schen Spielstil sachlich kritisieren, kann man hier am ehesten ansetzen. Seine Prämisse, den Spielern bei Ballbesitz alle Freiheiten zu lassen, wurde von den Aktiven fast durchweg begrüßt. Durchaus möglich jedoch, dass ein paar Vorgaben mehr gerade in Zeiten schwindenden Selbstvertrauens hilfreich gewesen wären. Noch öfter nach den Ballgewinnen gegen einen noch unsortierten Gegner direkt die torgefährliche Zone anzuvisieren, wäre eine Möglichkeit gewesen.

Dass Neitzels Stil am Ende bei den Vereinsoberen und beim neuen Sportchef Ralf Becker nicht mehr ankam, war der wichtigste Grund für die Trennung. Dass man ihn dennoch weiterarbeiten ließ, ihm umgekehrt aber keine Zeit mehr ließ, die neue Mannschaft nach seinen Vorstellungen zu formen, ist das eigentliche Problem. Den Spielstil zu verändern, wäre nur mit einer klaren Ansage von Vorstandsseite vor Beginn der Vorbereitung sinnvoll gewesen. Dann hätte Neitzel selbst entscheiden können: Entweder Anpassung oder Trennung. So hatte der Trainer letztlich keine faire Chance mehr. Eine Phase wie die jetzige, in der nicht alles rund läuft, wäre früher oder später gekommen. Die Voraussetzungen, um die Liga unangefochten zu dominieren wie Dresden oder Bielefeld in den Vorjahren, hat Holstein Kiel auch mit dem verstärkten Kader nicht. Das ist keine Frage des Trainers oder des Spielstils.

Was am Ende stehen bleibt, sind eine Reihe großer Momente: Im ersten Jahr das 3:0 in Münster im Rahmen des großartigen Saisonstarts als Aufsteiger, das befreiende und dominant erspielte 2:1 in Saarbrücken, das die 13-Spiele-Durststrecke beendete, das endgültig rettende 3:1 in Darmstadt am letzten Spieltag. Im zweiten Jahr bleibt ein in dieser Form wohl kaum wiederholbarer Rausch haften, der mit einem unscheinbaren 0:0 gegen Wiesbaden begann und monatelang anhielt. Die Heimsiege gegen Bielefeld, Duisburg oder Erfurt bleiben ebenso unvergessen wie der Auswärtssieg in Dresden oder der späte Ausgleich auf der Bielefelder Alm. Dazu gehören aber auch der verlorene Kampf um den Direktaufstieg in Duisburg und das Drama der Relegation in der Münchener Arena. Auch dies sind große Momente der Holstein-Historie. Den Anteil Neitzels daran wird niemand schmälern können – egal ob er Befürworter oder Gegner seines Rauswurfs ist.

Karsten Neitzel war in Kiel der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ob es nun auch richtig war, diese Zeit zu beenden, werden nicht die Befürworter und Gegner entscheiden. Es wird am Ende ausschließlich am Erfolg seines Nachfolgers zu messen sein.
Aufrufe: 23.8.2016, 11:00 Uhr
SHZ/Christian JessenAutor

Verlinkte Inhalte