Löwe in Schieflage? Das Herbsttief ging nahtlos in die Winterpause über, aus der 1860 nicht gut rauskam – seit dem 3:1 gegen Zwickau ist die Hoffnung aber zurück.
Löwe in Schieflage? Das Herbsttief ging nahtlos in die Winterpause über, aus der 1860 nicht gut rauskam – seit dem 3:1 gegen Zwickau ist die Hoffnung aber zurück. – Foto: Stefan Matzke

Historischer Start, Herbstkrise, neue Hoffnung: Rückblick auf die Hinrunde der Löwen

Achterbahnfahrt für Köllners Aufstiegsexpress

Am Dienstag noch das Nachholspiel zwischen Dortmunds Talentriege und dem VfL Osnabrück – dann ist die Hinrunde der Saison 2022/23 Geschichte.

München – Eine Halbserie mit drei Phasen: neun Spiele vor der Länderspielpause, acht bis zur WM – zwei Spiele als Warm-up für die Rückrunde, die aus 1860-Sicht mit dem Montagabend-Heimspiel gegen Dresden beginnt. Vorher ist Zeit, die bisherige Achterbahnfahrt der Löwen unter die Lupe zu nehmen.

Wo lief es glatt für Michael Köllners Aufstiegsexpress, wo holperte es, wo wäre er fast entgleist? Unser Rückblick.

Die nackten Zahlen

Seit viereinhalb Jahren sind die Löwen ein Drittligist – und nur in der Saison 2020/21 war die Halbzeitausbeute ähnlich gut. Der Unterschied: Damals reichten 33 Punkte für Platz drei (Torverhältnis 38:19), heuer nur für Platz fünf (34:24). Am Samstag sagte Martin Kobylanski: „Wenn wir in der Rückrunde wieder 33 Punkte holen, schaut’s für uns ganz gut aus, glaube ich.“ Möglicherweise ein Irrglaube. Vor zwei Jahren gelang den Löwen genau das: Sie holten auch in der Rückrunde 33 Punkte. Reichte am Ende aber nur für den undankbaren 4. Platz – fünf Punkte hinter dem Dritten Ingolstadt, der schon nach 19 Spielen knapp die Nase vorn hatte.

Das beste Spiel

Spielerisches Highlight war ohne Zweifel der 3:1-Heimsieg gegen Wiesbaden, der sogar die Vereinslegenden auf der Tribüne überzeugte. Europameister Gerald Vanenburg schwärmte: „Der Trainer hat einen sehr guten Job gemacht. Die Mannschaft ist spritzig. Man sieht, dass sie versuchen, Fußball zu spielen.“ Sogar von Kulttrainer Werner Lorant, dem Chefgrantler, gab’s ein Lob: „1860 hat sehr gut gespielt. Ein verdienter Sieg. Der Gegner hatte ja fast keine Torchance.“

Das Highlight

An den Dauerrausch vom Sommer werden sich die Fans noch lange erinnern. Beginnend mit dem spektakulären 4:3 in Dresden reihten die Löwen fünf Siege aneinander, stellten am Ende sogar mehrere Startrekorde auf. Nach sieben Spielen standen stolze 19 Punkte zu Buche. Dass in den zwölf Partien danach nur vier Siege hinzukommen würden, konnte ja damals keiner ahnen.

Der Warnschuss

Ein Vorbote der Herbstkrise war das 1:4 in Elversberg, das trotz einer merkwürdigen Schiedsrichterleistung auch noch völlig verdient war. Köllners Startrekordlöwen – vorgeführt von einem Aufsteiger, den lange keiner ernst nahm. Und die spielerischen Mängel seines Teams bei einer leicht auszuhebelnden Abwehr? Diese Probleme hat offenbar auch (zu) lange keiner ernst genommen.

Hören sie weiter auf ihn? Trainer Michael Köllner.
Hören sie weiter auf ihn? Trainer Michael Köllner. – Foto: Stefan Matzke

Das Sorgenkind

Nur zwei Tore konnte Marcel Bär zum Rekordstart beitragen – danach fiel der Torschützenkönig lange aus und hat sich bis heute nicht von seiner Mittelfußverletzung erholt. Selbst Köllners Plan, den schwächelnden Stürmer mit der Kapitänsbinde zu stärken, ging nicht auf. Bei der Jahresauftaktpleite in Mannheim blieb Bär unsichtbar – ebenso gegen Zwickau, als das Sorgenkind nur in der Schlussphase ran durfte.

Die Entdeckung

Dass die Löwen weiterhin in der Torjägerliste vertreten sind, liegt an einem Umschüler: Fynn Lakenmacher, 22, bis vor zwei Jahren Defensivspieler, hat sich mit sieben Toren und vier Assists einen Namen in der Liga gemacht. Dass es im Krisenherbst auch für ihn nicht lief, kommt vor bei einem jungen Spieler in neuer Umgebung. Umso furioser am Samstag seine Reaktion auf den Durchhänger. Das 1:0 gegen Zwickau vorbereitet, das 2:0 selbst gemacht – so kann’s weitergehen.

Hinrunden-Entdeckung: Fynn Lakenmacher löste Marcel Bär als Torjäger ab – sieben Treffer durfte er bejubeln.
Hinrunden-Entdeckung: Fynn Lakenmacher löste Marcel Bär als Torjäger ab – sieben Treffer durfte er bejubeln. – Foto: Ulrich Wagner

Die Neuzugänge

Neun neue Spieler kamen im Sommer, einer im Winter – ein richtiger Transferflop war nicht dabei. Innenverteidiger Jesper Verlaat, vom SV Waldhof losgeeist, belegt auch als Löwe den Spitzenplatz in der kicker-Rangliste (obwohl er zuletzt abbaute). Tim Rieder und Albion Vrenezi sind Stammspieler, Lakenmacher, Christopher Lannert und Meris Skenderovic nah an der ersten Mannschaft dran. Durchwachsen lief es im alten Jahr für Kobylanski und Joseph Boyamba, die aktuell einen Neuanfang starten. Julius Schmidt, der das Sommertransferpaket komplettierte, ist als Torhüter Nummer drei schwer zu bewerten.

Der Hoffnungsträger

Er kommt, er kommt nicht – so ging das täglich im Belek-Trainingslager der Löwen. Am Ende kam Raphael Holzhauser, 29, mit Verspätung, aber gerade noch rechtzeitig vor dem Neustart der Liga in Mannheim, wo die Leihgabe von OH Leuven auf Anhieb in die Chefrolle schlüpfte. Perfekt war Holzhausers Blitzstart, als er gegen Zwickau nach 28 Sekunden zum 1:0 einköpfte. Der knappe Kommentar des Österreichers: „Volles Haus. Es hat Spaß gemacht. Das Wetter hätte besser sein dürfen, aber egal: Hauptsache drei Punkte.“

Blitzstarter: Der Transfer von Raphael Holzhauser zog sich hin, dafür ist der Leihlöwe direkt voll da.
Blitzstarter: Der Transfer von Raphael Holzhauser zog sich hin, dafür ist der Leihlöwe direkt voll da. – Foto: Stefan Matzke

Die Trainerdebatte(n)

Die Geister, die die Löwen und ihr aufstiegswilliger Trainer riefen . . . Mehrmals stand Michael Köllner intern auf der Kippe – jedes Mal ging es am Ende für ihn weiter. Die erste Diskussion um seine Person ließ er mit Siegen in Osnabrück und gegen Wiesbaden verstummen, die zweite saß der Verein während der Winterpause aus, die dritte beendete am Samstag die Mannschaft: Blitzstart und 3:0-Pausenführung gegen Zwickau. Wenn’s drauf ankommt, so scheint es, halten Mannschaft und Trainer immer noch zusammen.

Die Ausgangslage

Klammert man Überflieger Elversberg aus, kämpfen acht Teams um den zweiten Direktaufstiegsplatz. Die Löwen (33) müssen vier Punkte auf Wiesbaden (37) aufholen, aber das Feld reicht runter bis zu Dresden/Köln (je 27), was ein Vorteil sein kann, wenn sich die Teams gegenseitig die Punkte klauen. Fest steht: Speziell ab Mitte März, wenn die dicken Brocken kommen (Aue, Elversberg, Ingolstadt, Wiesbaden, Saarbrücken . . .), braucht 1860 einen langen Atem. Immer vorausgesetzt, Köllners Team ist bis dahin noch im Rennen. (Uli Kellner)

Aufrufe: 024.1.2023, 08:19 Uhr
Uli KellnerAutor