
Wiesbaden. Die Sehnsucht in Wiesbaden ist groß. Seit der Saison 2015/16, als der SV Wiesbaden letztmals in der Hessenliga spielte, fehlt der Landeshauptstadt ein Aushängeschild in Hessens höchster Spielklasse. Nun könnten gleich zwei Vereine diese Lücke schließen: Der Türkische SV und der FV Biebrich 02 mischen in der Verbandsliga ganz oben mit und könnten womöglich Wiesbaden nach zehn Jahren wieder in der fünften Liga repräsentieren. Doch der sportliche Erfolg ist nur ein Teil der Wahrheit – was ein Aufstieg wirklich bedeutet, zeigt ein Blick nach Eddersheim.
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Der FC Eddersheim ist das beste Beispiel dafür, dass die Hessenliga für ambitionierte Amateurklubs dauerhaft tragbar ist. 2018 gelang dem Verein aus dem Hattersheimer Stadtteil der Aufstieg in Hessens Beletage, inzwischen ist der FCE fest etabliert und spielt sogar um den Aufstieg in die Regionalliga. Vereinsvorsitzender Erich Rodler erklärt sein Erfolgsrezept: „Hauptpunkt ist, dass die Mitglieder und ehrenamtlichen Helfer hinter dem Verein stehen. Man muss in die gleiche Richtung rudern.“ In der Hessenliga steige die Aufmerksamkeit, die Aufgaben würden mehr – darauf müsse man vorbereitet sein.
Diese Erkenntnis ist in Wiesbaden angekommen. Auch wenn die Hessenliga Zukunftsmusik ist – an 14 Spieltagen gibt es noch 42 Punkte zu vergeben. Der Türkische SV steht aktuell hinter Spitzenreiter TuS Hornau auf Rang zwei, Biebrich folgt mit drei Punkten Rückstand auf Platz fünf. Während die 02er bereits in der Vorsaison an der Hessenliga kratzten und erst im Relegationsrückspiel dramatisch am SC Dortelweil scheiterten, ist der TSV durchaus mit Aufstiegen vertraut, die Hessenliga wäre aber ein anderes Pflaster. „Wir haben nicht klar gesagt, dass wir aufsteigen wollen. Das hat sich alles so ergeben“, sagt TSV-Vorsitzender Ilkay Candogan. „Am Ende soll es auch keine Enttäuschung sein, wenn wir es nicht schaffen sollten.“
Unabhängig davon ist beiden Klubs bewusst, dass die Hessenliga sportlich und organisatorisch eine Herausforderung ist, auch wenn die offiziellen Regularien des Hessischen Fußball Verbands (HFV) keine infrastrukturellen Maßnahmen vorschreiben. Mit neuem Kunstrasen, geplantem Fitnessraum, und der anliegenden Sporthalle, deren Fertigstellung aussteht, sieht Biebrichs Sportlicher Leiter David Schug seinen Verein grundsätzlich bereit. „Es will aber keiner so sang- und klanglos absteigen, wie es Hornau und Steinbach Haiger II letztes Jahr gegangen ist“, sagt er. Ein Aufstieg müsse nachhaltig gedacht werden. Sponsoren spielen dabei für ihn eine zentrale Rolle: „Ohne Geld geht in der Hessenliga nichts. Nur mit Liebe kannst du niemanden anziehen.“ Die Sponsorensuche wolle man ohnehin mehr in den Fokus rücken. Auch wenn das ein „ligaunabhängiges Thema“ sei, betont er.
Beim Türkischen SV liegt der Fokus klar auf dem Sportplatz am Niederfeld, den man sich mit dem FC Freudenberg teilt. Bereits vor Weihnachten hatte sich Candogan mehr Unterstützung von der Stadt gewünscht – die Anlage sei schlichtweg nicht verbandsligatauglich. „Uns ist es peinlich, auf diesem Platz Gäste zu empfangen“, bekennt er offen und verweist auf erstaunte Testspiel-Gäste wie Türk Gücü Friedberg. Alle Vorbereitungsspiele trägt der TSV nun auswärts aus. Gespräche mit der Stadt sollen folgen, kündigt Candogan an. Ein Standortwechsel sei jedoch keine Wunschlösung. Die Stadt habe die Anlage im Schelmengraben zur Nutzung angeboten, der TSV lehnte ab. „Wir wollen in Freudenberg bleiben – aber irgendwas sollte man dort schon machen.“
Damit Trainer Gökhan Caliskan, der vor der Winterpause ligaunabhängig verlängert hatte, weiterhin an der Seitenlinie stehen kann, braucht er eine Trainer-B-Lizenz. Nun habe Caliskan einen Platz im Lehrgang des HFV sicher, berichtet Candogan, der seinerseits im Falle eines Aufstiegs die Zusage von „großen Sponsoren“ sicher habe. Dass es funktionieren kann, wenn Umfeld, Stadt und Sponsoren an einem Strang ziehen, zeigt der Blick nach Eddersheim. Dort hat sich der Sponsorenpool nach dem Aufstieg zwar nicht explosionsartig vergrößert, doch mit verlässlichen Partnern ist ein stabiles Fundament entstanden.
Ob Türkischer SV oder Biebrich 02 – oder vielleicht beide – am Ende tatsächlich den Sprung in die Hessenliga schaffen, ist offen. Klar ist jedoch: Der Reiz ist groß und das Beispiel Eddersheim zeigt, dass ein Aufstieg kein Abenteuer bleiben muss. Wiesbaden wäre bereit für die Rückkehr in die fünfte Liga, oder wie es David Schug sagen würde: „Warum nicht? Mal wieder ein Wiesbadener Verein in der Hessenliga – das wäre doch für alle nicht so schlecht.“