
Ein Kniespezialist erklärt die häufigsten Irrtümer zum Kreuzbandriss. Auch über angeborene Risikofaktoren und wirksame Präventionsprogramme spricht er.
Heimstetten – Kreuzbandriss – für viele Sportlerinnen und Sportler ist das die absolute Hiobsbotschaft. Wieso diese Verletzung selbst austrainierte Profis monatelang außer Gefecht setzt, weiß Mirco Herbort. Der Teamarzt des Fußball-Bayernligisten SV Heimstetten ist ein renommierter Kniespezialist und operiert jährlich 50 Profis aus dem In- und Ausland. Im Interview räumt Herbort mit gängigen Mythen rund um den Kreuzbandriss auf und erklärt, wie Hobbyathleten dieser tückischen Verletzung vorbeugen können.
Herr Herbort, schon früh in dieser Saison haben Sie Severin Müller vom SV Heimstetten operiert, nachdem er sich im Spiel gegen Ismaning das Kreuzband gerissen hatte. Was macht diese Verletzung für Sportler so schlimm?
Zwei Faktoren spielen hier eine Rolle. Zum einen muss das Kreuzband nach einem Riss wieder verheilen – das ist der biologische Aspekt, der leider nicht beschleunigt werden kann. Zum anderen kommt das Phänomen hinzu, dass nach einer solchen Verletzung die Muskulatur und ihre Ansteuerung verkümmert.
Auch bei Sportlern?
Ja, das betrifft auch austrainierte Profis. Wenn sie nach einer Kreuzband-OP einige Wochen lang ihr Knie gar nicht oder kaum belasten, dann muss die Muskulatur anschließend erst mühsam wieder aufgebaut werden.
Und deshalb braucht es nach einem Kreuzbandriss ein Dreivierteljahr Pause?
Ungefähr stimmt das schon. Allerdings kann die Dauer höchst unterschiedlich sein. Dennis Grote zum Beispiel, ein Profi von Preußen Münster, hat sich mit 37 Jahren das Kreuzband gerissen. Den habe ich operiert, und nach viereinhalb Monaten stand er wieder auf dem Platz. Es hat funktioniert, aber das sollte kein Vorbild sein.
Andere setzt ein Kreuzbandriss deutlich länger außer Gefecht…
Das stimmt, allerdings wird dabei oft die Begleitpathologie außer Acht gelassen – also die sonstigen Schäden im Knie. Wenn zum Kreuzbandriss ein schwerer Meniskusriss samt Knorpelschaden hinzukommen, dann ist das eine ganz andere Verletzung. Deshalb kann es auch bei Profispielern deutlich länger dauern, bis sie nach seinem Kreuzbandriss wieder spielen.
Gerade im Profibereich scheint die Zahl der Kreuzbandrisse in jüngster Zeit stetig zuzunehmen...
Die Zahlen bestätigen das nicht. Einen Anstieg gibt es nur bei den Frauen – ganz einfach, weil immer mehr von ihnen in Sportarten wie Fußball und Handball gehen, wo die Verletzungsgefahr größer ist. Generell haben Frauen im Vergleich zu Männern ein dreimal so hohes Risiko für einen Kreuzbandriss. Das liegt an ihrem Körperbau, da sie tendenziell zu einem X-beinigen Landemanöver neigen.
In welcher Situation reißt das Kreuzband besonders oft?
Die meisten Kreuzbandrisse geschehen ohne direkten Gegnerkontakt, also nicht unbedingt im Zweikampf. Die typische Situation ist vielmehr ein schneller Richtungswechsel, bei dem das Kniegelenk nach innen geht. Im Handball kommen solche Bewegungen häufiger vor als im Fußball, weshalb das Verletzungsrisiko hier noch höher ist.
Kann man dem als Sportlerin oder Sportler vorbeugen?
Ja, es gibt sehr gute Übungen, deren präventive Wirkung die Forschung bestätigt. Wir haben mit der Deutschen Kniegesellschaft das Programm „Stop-X“ entwickelt, das eine Reihe von Übungen umfasst, die gezielt die schützende und hüftstabilisierende Muskulatur trainieren. Das verringert das Risiko einer Knieverletzung.
Inwieweit sind solche Programme im Profisport verbreitet?
Als Jürgen Klinsmann das vor 20 Jahren beim FC Bayern eingeführt hat, ist er dafür von vielen kritisch beäugt worden. Heute ist das im Profisport gang und gäbe – anders als im Amateurbereich. Dabei ist es gut und sinnvoll, wenn solche präventiven Programme auch hier eingesetzt werden.
Weil weniger trainierte Hobbysportler anfälliger für Knieverletzungen sind?
Nein, das kann man so nicht sagen. Natürlich sind Amateure von ihrer Muskulatur und der Fitness her weniger gut auf Belastungen vorbereitet als Profisportler. Dafür ist bei ihnen der Impact viel größer, weil sie mit einem ganz anderen Einsatz ins Spiel und bis an die Belastungsgrenze gehen. Bei Arjen Robben, der ja extrem verletzungsanfällig war, hat man zum Beispiel immer gesagt: Er ist einfach zu schnell für seinen Körper.
Ist das Kreuzband einmal gerissen ist, steigt das Risiko für einen erneuten Kreuzbandriss. Stimmt das?
Nein, es gibt Studien, die zeigen, dass nach einem Kreuzbandriss die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Kreuzbandriss im gleichen Knie nicht unbedingt höher liegt als für einen Kreuzbandriss im anderen, nicht-operierten Knie. Was sich in den letzten Jahren jedoch gezeigt hat, ist, dass auch ein angeborenes erhöhtes Risiko für einen Kreuzbandriss vorliegen kann, etwa durch eine Veränderung an den Knochen.
Also ist es nicht nur Pech, wenn es einen erwischt?
Genau. Deshalb sollten insbesondere junge Menschen unter 18 Jahren, die sich das Kreuzband reißen, unbedingt einen Spezialisten aufsuchen. Er kann nicht nur feststellen, ob ein angeborenes erhöhtes Risiko für solche Verletzungen vorliegt. Sondern die Medizin ist inzwischen auch in der Lage, dieses zu adressieren und operativ zu beheben.