2026-03-25T14:09:28.761Z

Interview

Haase-Plan: »Etwas konsolidieren und Tempo rausnehmen«

Der wiedergewählte niederbayerische Bezirksvorsitzende steht im großen Interview Rede und Antwort

von Thomas Seidl · Heute, 12:00 Uhr · 0 Leser
Seit 2018 steht Haase an der Spitze des Fußballbezirk Niederbayern
Seit 2018 steht Haase an der Spitze des Fußballbezirk Niederbayern – Foto: Fabian Frühwirth

Seit 2018 ist Harald Haase Vorsitzender des Fußballbezirk Niederbayern. Der ehemalige Klubchef des SC Zwiesel hat mit seinen Mitstreitern kurz- und mittelfristig einige Herausforderungen zu meistern. Wir haben uns mit dem 53-Jährigen unterhalten und ein paar brisante Themen angeschnitten, die der Funktionär sehr diplomatisch beantwortete.

Harry, du bist einstimmig zum Bezirksvorsitzenden wiedergewählt worden und gehst somit in deine dritte Amtsperiode. Wie blickst du auf die vergangenen acht Jahre zurück? Was waren die Höhepunkte deiner Amtszeit?
Harald Haase (53): Die vergangenen acht Jahre waren eine äußerst intensive und arbeitsreiche, zugleich aber auch spannende, herausfordernde Phase. Gerade Corona 2020 und 2021 hat uns im Verbandsvorstand alles abverlangt. Gefühlt hatten wir täglich Videokonferenzen, um sicherzustellen, dass der Amateurfußball nicht komplett zum Stillstand kommt. Mit dem Bezirkstag 2018 wurde zudem die Strukturreform in Niederbayern abgeschlossen – mit der Neugliederung der beiden Fußball-Kreise Niederbayern Ost und West. Beide zählen heute zu den größten in ganz Bayern. Das hat zu Beginn meiner Amtszeit naturgemäß zu Diskussionen geführt. Mittlerweile sind wir personell wie strukturell hervorragend aufgestellt und organisieren den Spielbetrieb in Niederbayern auf einem sehr hohen Niveau. Höhepunkte herauszugreifen ist immer schwierig, weil wir schnell Gefahr laufen, etwas zu vergessen. Wir durften gemeinsam viele tolle sportliche Momente unserer niederbayerischen Vereine erleben. Einen einzelnen herauszuheben, wäre nicht fair. Dennoch gibt es einen Moment, der für mich persönlich über allem steht – auch wenn er nur am Rande mit Fußball zu tun hat: Die schwere Erkrankung unseres ehemaligen Bezirksschiedsrichter-Obmanns Robert Fischer im Jahr 2019 war für mich ein emotionaler Tiefschlag. Robert und ich sind seit vielen Jahren eng verbunden. Umso schöner war die Nachricht, dass er wieder vollständig genesen ist. Das war für mich der größte persönliche Höhepunkt meiner bisherigen Amtszeit. Es gibt eben Dinge im Leben, die sind wichtiger als unser geliebter Fußball.

Es gibt allerdings auch viele Herausforderungen. Im Bayerischen Wald gibt es beispielsweise immer weniger B- und A-Jugendmannschaften. Das wird zur Folge haben, dass es die kommenden Jahre manche Klubs nicht mehr geben oder Spielgemeinschaften gebildet werden müssen. Wie kann man diesen Trend von Verbandsseite entgegensteuern?
Dieser Trend ist leider kein neues Phänomen, sondern ein schleichender Prozess, der uns seit Jahren begleitet. Grundsätzlich liegt die Verantwortung bei den Vereinen, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten – was zunehmend schwieriger wird. Ja, das wissen wir. Immer mehr Jugendliche wenden sich anderen Freizeitangeboten zu, dazu kommt die Schule – Generationen verändern sich, Gewohnheiten verändern sich. Wir als Bayerischer Fußball-Verband können die Rahmenbedingungen verbessern und die Vereine bestmöglich unterstützen. Unsere aktuellen Kampagnen im Frauen- und Mädchenbereich zeigen bereits Wirkung. Zudem kann jeder Verein in Bayern zwei kostenlose Kindertrainer-Zertifikate erwerben. Ein Angebot, das wirklich jeder Verein nutzen sollte. Gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer sind der Schlüssel, um Kinder und Jugendliche langfristig im Verein zu halten.


Über die Altersbegrenzung wurde zuletzt auch immer wieder diskutiert. Wie ist deine Meinung? Sollen 17-Jährige schon problemlos im Herrenbereich eingesetzt werden dürfen?
Hier gibt es klare Richtlinien, an die auch wir uns halten müssen. Persönlich halte ich wenig davon, 17-Jährige bereits im Herrenbereich einzusetzen. Einerseits beklagen wir den Rückgang an A-Jugendlichen, andererseits würden wir sie dann frühzeitig an die Herrenmannschaften abgeben. In meinen Augen müssen wir die Jugendlichen schützen – sonst können wir die A-Jugend bayernweit fast abschaffen. Der Vergleich mit dem Profifußball hinkt hier deutlich. Ein Hobbyfußballer ist nicht mit einem Profi zu vergleichen, dessen Beruf das Fußballspielen ist.

Bleiben wir beim Jugendbereich. Mit Thomas Karl wurde ein neuer Bezirks-Jugendleiter gewählt, der bislang noch nicht als Funktionär in Erscheinung getreten ist. Es gab auf dem Bezirkstag von Seiten der Mitarbeiter im Nachwuchsbereich einige Stimm-Enthaltungen für den neuen Mann. Wird es diesbezüglich im Nachgang noch Redebedarf geben? Ein Zeichen von Geschlossenheit und Harmonie war das nämlich sicherlich nicht….
Am Bezirkstag selbst habe ich persönlich nicht mitbekommen, woher die Enthaltungen kamen. Daher handelt es sich für mich zunächst um Spekulationen, die über die Presse an mich herangetragen wurden. Selbstverständlich werde ich das Thema – sollte es da Gründe geben – intern aufarbeiten. Grundsätzlich ist mir ein geschlossenes und harmonisches Auftreten im Nachwuchsbereich sehr wichtig, und wenn es tatsächlich Vorbehalte gibt, dann hätte ich mir die Diskussion im Vorfeld gewünscht.

Bezirksspielleiter Richard Sedlmaier hat bereits anklingen lassen, dass es auf Sicht zu einer kreisübergreifende Einteilung kommen kann, um vor allem eine Ausgewogenheit der A-Klassen hinzubekommen. Wei weit sind diese Pläne fortgeschritten und was verspricht man sich davon?
Der Hinweis von Bezirksspielleiter Richard Sedlmaier ist zutreffend. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, perspektivisch zu einer kreisübergreifenden Einteilung zu gelangen, um insbesondere in den A‑Klassen eine größere Ausgewogenheit zu erzielen. Aktuell fehlen jedoch noch die formalen Voraussetzungen, um eine solche Strukturveränderung umsetzen zu können. Voraussetzung hierfür ist eine Anpassung der Spielordnung. Über eine entsprechende Änderung des § 8 Absatz 3 der Spielordnung des BFV wurde im Verbandsvorstand bereits beraten. Nun liegt es am Verbandstag, im Mai über diese Änderung zu entscheiden. Erst wenn dort eine Zustimmung erfolgt, können wir uns zeitnah und vertieft mit der Thematik befassen. Sollte der Verbandstag die Änderung beschließen, werden wir unter anderem auch moderne technische Möglichkeiten – einschließlich KI‑gestützter Verfahren – nutzen, um eine optimierte Ligeneinteilung auf Kreisebene zu erarbeiten. Ziel muss es dabei sein, die Fahrtstrecken insbesondere in den Kreis‑ und A‑Klassen so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig sportlich ausgewogene Wettbewerbe zu gewährleisten. All dies kann jedoch nur umgesetzt werden, wenn die Vereine diesen Weg mittragen und die entsprechenden Veränderungen unterstützen.

Du bist in deiner Funktion auch sehr nahe an den großen Themen dran. Die Zukunft der Regionalliga Bayern ist in der Schwebe. Eine Spieklassenreform kann daher bald auf dem Tisch kommen. Wäre es unabhängig davon ohnehin nicht besser, wenn Niederbayern wieder eine eigene Eliteliga - wie es früher die Bezirksoberliga war- hätte? Aktuell spielen alle Niederbayern zumindest in einer Landesliga, aber das wird sich kommenden Saison vermutlich schon wieder ändern....
Die Reform der Regionalliga ist derzeit in aller Munde. In Frankfurt wird intensiv an einem neuen Modell gearbeitet. Und da wird viel - in meinen Augen zu viel und zu wild - spekuliert. Wir sind gut beraten, diese Spekulationen nicht auch noch zu kommentieren. Wir haben zuletzt ja auch einiges klargestellt – und wir sind gut beraten, das einzuhalten, was eigentlich für alle Teilnehmer der AG gilt: Sich erst dann zu äußern, wenn es faktisch belastbare Ergebnisse gibt. Soweit sind wir noch nicht. Mit Wasserstandsmeldungen tragen wir nicht zu einer Lösung bei, wir würden den Prozess gefährden. Aus niederbayerischer Sicht habe ich natürlich die kleineren Klubs wie die SpVgg Hankofen-Hailing oder den SV Schalding-Heining im Blick. In meinen Augen müssen auch solche Klubs weiterhin die Möglichkeit haben, in dieser Klasse zu spielen. Und: Ja, es geht auch um die Auswirkungen einer Reform auf die Spielklassen darunter. Das spielt in der medialen Diskussion keine Rolle, ist aber von immenser Bedeutung.


Die Meldezahlen für die Hallenmeisterschaft und für den Totopokal sind zwar bayernweit noch deutlich über den Durchschnitt, aber gehen Jahr für Jahr nach unten. Kann man diesen Trend nochmal brechen? Und warum wird das Interesse immer weniger?
Eine Grundsatzdiskussion über Futsal bringt uns nicht weiter – diese Spielform ist gesetzt. Der BFV macht den Vereinen ein Angebot, sowohl bei der Hallenmeisterschaft als auch beim Totopokal. Ob es angenommen wird, entscheiden die Vereine selbst. Ich würde mir mehr Zuspruch wünschen, bin aber realistisch genug, um zu erkennen, dass der Trend aktuell eher nach unten zeigt. Das gilt im Übrigen auch für den normalen Hallenfußball.


Das niederbayerische Steckenpferd bleibt die Relegation. Die Zuschauerzahlen sind top. Stimmt es, dass es künftig im Kreisbereich keine Verdachtsspiele mehr geben wird?
Die Relegation ist und bleibt das niederbayerische Steckenpferd. Die Zuschauerzahlen sind hervorragend. Unser engagierter Bezirks-Spielleiter Richard Sedlmaier arbeitet zusammen mit den beiden Kreis-Spielleitern kontinuierlich daran, Verbesserungen einzuführen und Verdachtsspiele zu verhindern. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg und entwickeln entsprechende Konzepte. Die Leute quittieren das mit ihren unfassbar vielen Besuchen auf unseren Sportplätzen.


Abschließende Frage: Gibt es etwas, was dir ganz besonders am Herzen liegt? Was ist deine Vision bis 2030?
Was liegt mir besonders am Herzen? Ich bin ein großer Freund von Fairness und Gerechtigkeit. Ich wünsche mir, dass es auf unseren Fußballplätzen in Niederbayern – auf und neben dem Platz – fair, respektvoll und harmonisch zugeht. Übergriffe auf Schiedsrichter dürfen keinen Platz haben. Der Umgang miteinander muss so sein, wie man ihn von jedem erwarten darf. Sportlich träume ich davon, künftig zwei Regionalligisten bei den Herren zu stellen und bei den Frauen wieder einen Vertreter in der Regionalliga zu haben. Mit dem FC Ruderting könnte dieses Ziel bereits zur neuen Saison Realität werden. Meine Vision bis 2030: Wir sollten im Spielbetrieb der Herren, Frauen, Mädchen und Junioren etwas konsolidieren und das Tempo herausnehmen. Gleichzeitig müssen wir Angebote wie den Seniorenfußball und Walking Football ausbauen, um ältere Mitglieder im Verein zu halten. Wünschenswert wäre, keine Mannschaften mehr zu verlieren – im Idealfall sogar wieder welche hinzubekommen. Die ab 2026 gesetzlich vorgeschriebene Ganztagsbetreuung bietet hier eine große Chance für die Vereine. Und am wichtigsten: Ich wünsche mir, dass wir den bisherigen Weg – Verband und Vereine gemeinsam, auf Augenhöhe – bis 2030 fortsetzen können.