George Ford (links) und Saki Wolters (rechts) wollen mit ihrem Projekt "We4Y(ou)" Aggressionen im Sport entgegenwirken.
George Ford (links) und Saki Wolters (rechts) wollen mit ihrem Projekt "We4Y(ou)" Aggressionen im Sport entgegenwirken. – Foto: Jennifer Wolters / Art in Picture

Gewalt im Fußball: Workshops statt (zu) lange Sperren?

Wie das Projekt "We4Y(ou)" Ausschreitungen im Amateurfußball entgegenwirken will +++ Stigmatisierung der Sünder könnte Aggressionspotenzial steigern

Mainz/Wiesbaden. Als Fußballer war Athanasious Wolters selbst "kein Kind von Traurigkeit", wie er selbst zugibt. Zunehmende Gewaltausbrüche, Spielabbrüche oder Platzverweise beobachtet "Saki" mit Sorge. Und will dieser Tendenz gemeinsam mit seinem Partner George Ford mit einem neuen Projekt begegnen. "We4Y(ou) - stark durch Kompetenz". Was hat es damit auf sich? FuPa hat die beiden zum Gespräch getroffen.

Mit dem Projekt soll Gewalt im öffentlichen und privaten Raum entgegengewirkt werden. "Gleichzeitig wollen wir Menschen in Konfliktsituationen stärken", sagt Wolters. Das gelte für die verschiedenen Situationen im Alltag, für die Arbeit, aber auch für den Sport. Ganz speziell dem (Amateur-)Fußball, der nach der Pandemie immer wieder von Szenen der Gewalt und Spielabbrüchen überschattet wird.

Parallelen zwischen Pandemie und Fußball

Wolters und Ford war die Idee für dieses Projekt bei einem gemeinsamen Frühstück gekommen. Während der Pandemie und dem harten Lockdown fragten sie sich: "Was macht Corona mit uns?" Vom gesellschaftlichen Leben weitestgehend abgeschnitten zu sein, der Umgang mit dem Gefühl von Ohnmacht gegenüber dem Virus - darüber tauschten sich Ford und Wolters aus. Für den leidenschaftlichen Fußballer Wolters, der momentan als sportlicher Leiter beim SV Italia Wiesbaden wirkt, war es da nicht schwer, die Verbindung zu seinem Sport herzustellen.

Prävention: Wie kann man Ausraster vermeiden?

Einerseits im Hinblick darauf, Ausraster und Gewaltszenen auf dem Spielfeld zu vermeiden. "Wir wollen den Spielern bewusst machen, wie sie aus einer aggressiven Spirale während dem Spiel aussteigen können", erklärt George Ford. Konflikte auf dem Platz nicht verbal oder tätlich eskalieren zu lassen sei "kein Zeichen von Schwäche", sagt Ford. Wolters will den Spielern "Konsequenzen ihres Handelns bewusst machen".

Er selbst stehe manchmal am Spielfeldrand und sehe Spieler, die sich schon nach drei Minuten gegenseitig beleidigen, angestachelt vom Publikum. "Da denke ich mich mir nur: Guck mal, so dumm warst du auch mal", sagt Wolters in Bezug auf seine eigene Vergangenheit.

Nach Sperre: Spieler kehren mit Wut im Bauch zurück

Die aus den Fouls folgenden, langen Sperren gehen einher mit dem zweiten Punkt, an dem das Projekt We4Y(ou) ansetzt. Denn die Konsequenzen von Gewaltszenarien auf dem Platz ziehen für die Spieler nicht selten wochen- oder gar monatelange Sperren nach sich. "Das kostet den Verein Image und Geld. Und den Spieler Zeit, in der er nicht kicken kann und stigmatisiert wird - nicht selten auch innerhalb der eigenen Mannschaft", sagt Wolters. Daher sei es auch sinnvoll, dass eine ganze Mannschaft an einem solchen Workshop teilnehme.

– Foto: We4Y

Spieler würden dann in vielen Fällen "mit Wut im Bauch wieder auf den Platz" zurückkehren - das Potenzial, zum Wiederholungstäter zu werden, sei dadurch nur umso größer. Um die Gefahr eines Rückfalls zu minimieren, wollen Ford und Wolters Seminare für interessierte Spieler oder auch ganze Teams anbieten. Geht es nach Wolters, könnte der Verband in Zukunft die teilweise drastischen Sperren eher reduzieren - und sie dafür an eine Teilnahme im Seminar koppeln.

"Wollen ein Ventil bieten"

Ein festes Schema soll es in den Workshops nicht geben, dennoch haben die beiden verschiedene Instrumente für die Seminare im Kopf, damit bei den Teilnehmern ein Umdenken einsetzt: Rollenspiele, Coaching, persönliche Gespräche oder auch mal ein Jugendspiel zu pfeifen. "Wir hören den Leuten zu und helfen ihnen, an sich zu arbeiten", erklärt Ford die Strategie. Man wolle den Betroffenen dabei auch "ein Ventil bieten und über Dinge reden, die sie sehr belasten", sagt Wolters.

"Für den Fußball und fürs Leben lernen"

Eine Art Probe-Seminar haben Ford und Wolters bereits mit Fußballern in Mainz geleitet. Einige Spieler, die in der jüngeren Vergangenheit eine rote Karte erhalten hatten, waren zu Gast. Ein erzieherischer Ansatzpunkt: Die Sünder mussten unter anderem anonymisierte Sachverhalte und Tatbestände durchlesen - auch die der eigenen Delikte - und sich anschließend in die Position von Richtern versetzen, beratschlagen und Urteile fällen. Das Resultat des Seminars fällt bislang positiv aus: "Die Spieler sind seither nicht mehr auffällig geworden", sagt Wolters. Denn man lerne hier nicht nur für den Fußball - sondern auch fürs Leben.

Mehr Infos zum Projekt unter we4y.de. Kontakt ist auch telefonisch bei George Ford unter 0151-19359758 möglich.

Zur Person

Saki Wolters (44), geboren in Berlin-Neukölln, aufgewachsen in Biebrich und Gräselberg, spielt seit seiner Kindheit in Wiesbaden Fußball. Stationen als Spieler unter anderem beim SC Gräselberg, Schwarz-Weiß, Biebrich 02, Hajduk oder Hellas Schierstein. Trainer war er in Kohlheck, in der Jugend beim Türkischen SV und bei den Damen von Schwarz-Weiß. Beendete sein Engagement als Trainer im September 2018, als einer seiner Spieler bei der Spvgg. Igstadt im A-Liga-Spiel beim FC Bierstadt II einen gegnerischen Spieler bewusstlos schlug - und 36 Spiele Sperre erhielt. Seit 2019 sportlicher Leiter beim SV Italia Wiesbaden.

George Ford, leitet in Mainz die "George Ford Akademie" und lehrt dort Kampfkunst und Selbstverteidigung für Kinder und Erwachsene. Als Mentor und Coach schult er außerdem in den Themen Anti-Mobbing, Gewaltprävention und Resilienz.

Aufrufe: 010.11.2021, 06:00 Uhr
Philipp DurilloAutor

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