2026-03-13T07:45:35.464Z

Allgemeines

Gewalt im Fussball – Verband zeigt Vereinen „gelbe Karte“

Tätlichkeiten, Massenschlägereien und Angriffe auf Schiedsrichter dokumentiert

von Vincenzo Togni · Heute, 09:00 Uhr · 0 Leser
Ein Schiedsrichter zeigt die gelbe Karte. Die Unparteiischen waren in der Hinrunde stark gefordert. (Symbolbild)
Ein Schiedsrichter zeigt die gelbe Karte. Die Unparteiischen waren in der Hinrunde stark gefordert. (Symbolbild) – Foto: Frozen in Motion

In einem kürzlich an die Vereine verschickten Schreiben nimmt der Zürcher Fussballverband (FVRZ) die Klubs in die Pflicht und zeigt sich besorgt über zunehmende disziplinarische Vorfälle. Betroffene Schiedsrichter relativieren jedoch die suggerierte „Gewaltwelle“.

50% mehr disziplinarische Verfehlungen

„Leider mussten wir in der Hinrunde 2025/26 feststellen, dass es auf und neben dem Feld vermehrt zu Rudelbildungen und Massenschlägereien kam, oft auch unter Beteiligung von Trainern, anderen Staffmitgliedern oder Zuschauern.“ Mit diesen deutlichen Worten wendet sich der Zürcher Fussballverband (FVRZ) in einem der Redaktion vorliegenden Schreiben an die Vereine und erhebt schwere Vorwürfe gegen Spieler, Funktionäre und Fans im regionalen Fussball. Das von der Abteilung Spielbetrieb unterzeichnete Dokument listet die Sanktionen aus Aktiv- und Juniorenspielen auf: 8955 gelbe und 627 rote Karten gegen Spieler und Trainer führten zu 212 Ordnungsbussen sowie 54 von der Rechtsabteilung des FVRZ eröffneten Strafverfahren. Doch wie sind diese Zahlen einzuordnen?

Auswertungen des Verbands zeigen, dass die Anzahl Strafpunkte im FVRZ-Gebiet seit der Corona-Pause 2020 pro Saison im Durchschnitt um rund 50 Prozent gestiegen ist. Dennoch relativiert Cristiano Rossini, Leiter der Abteilung Spielbetrieb, den Ton des Schreibens: „Die Vereine sollen es als eine gelbe Karte aufnehmen.“ Die Zunahme an Gewalt sei noch kein akutes Problem, erfordere jedoch eine kontinuierliche Sensibilisierung. Mit dem Schreiben habe der Verband bewusst ein Warnsignal gesetzt. „Wenn es zu einer weiteren Verschärfung kommt, können wir konsequentere Massnahmen ergreifen“, sagt Rossini und verweist etwa auf mögliche Ausschlüsse einzelner Mannschaften.

Solche Schritte wären eine Reaktion auf die 54 schweren disziplinarischen Verfehlungen. Darunter fallen unter anderem neun Spielabbrüche sowie vier Tätlichkeiten gegenüber Schiedsrichtern. Letztere wiegen besonders schwer und werden gesondert behandelt: „Anders als bei schweren Verfehlungen von Funktionären und Spielern werden diese Fälle direkt vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) in Bern bearbeitet“, so Rossini. Für den Verband sind solche Vorfälle inakzeptabel.

Angespuckt und bedroht

Sven Ziegler ist Schiedsrichter und hat bereits Gewalt erlebt. Ein Vorfall ist ihm besonders präsent. Der damals 18-Jährige leitete ein Spiel in der 5. Liga und stellte kurz vor Schluss einen deutlich älteren Spieler mit Gelb-Rot vom Feld. Dieser blieb zunächst ruhig vor ihm stehen. „Ich dachte, er wollte mir noch etwas sagen, doch plötzlich spuckte er mir ins Gesicht“, erzählt Ziegler.

Die Mitspieler des Täters zogen ihn daraufhin vom Feld, da er weiterhin ausfällig und aggressiv gegenüber Ziegler war und ihm sogar gedroht hatte. Als Wiederholungstäter wurde der Spieler anschliessend für mehrere Jahre gesperrt.

Der Vorfall liegt inzwischen fast zehn Jahre zurück. „Dennoch ist es bemerkenswert, wie prägend dieser Moment für mich als Schiedsrichter war.“ Heute leitet Ziegler als gestandener Schiedsrichter in der 2. Liga Spiele, weiss aber noch genau, wo er damals auf dem Platz stand und wo sich die Szene abspielte. „Solche Situationen bleiben hängen, auch wenn es keine schwere körperliche Gewalt war.“ Zwar habe sich die anfängliche Angst nach dem Vorfall gelegt, doch sein Bewusstsein während der Spielleitung habe sich nachhaltig verändert. „Solche Situationen lassen sich im Fussball leider nie ganz ausschliessen.“

Gewalt gezielter als früher

Zieglers Fall aus der 5. Liga ist ein Beispiel für jene Fälle, die vom SFV direkt juristisch bearbeitet werden. Patrick Rogalla, Leiter der FVRZ-Schiedsrichter und selbst als Schiedsrichter in der Promotion League aktiv, ordnet ein: „Disziplinarische Verfehlungen gegenüber Unparteiischen gibt es nicht nur im Aktivfussball.“ So komme es auch bei Spielen der C-Junioren teils zu heiklen Situationen, etwa durch emotionale Eltern.

Gleichzeitig lasse sich im Aktivfussball beobachten: Je höher die Liga, desto seltener sind schwere disziplinarische Vorfälle. „Zum einen ist es sicherlich so, dass Spieler in höheren Ligen Sperren vermeiden wollen, da die sportlichen und teils auch finanziellen Konsequenzen grösser sind.“ Zum anderen seien Spieler beispielsweise in der 2. Liga exponierter als etwa Akteure einer zweiten Mannschaft in der 5. Liga.

Sven Ziegler (links) leitet Spiele in der 2. Liga regional. Patrick Rogalla, Leiter der Abteilung Schiedsrichter des FVRZ, pfeift Spiele in der Promotion League.
Sven Ziegler (links) leitet Spiele in der 2. Liga regional. Patrick Rogalla, Leiter der Abteilung Schiedsrichter des FVRZ, pfeift Spiele in der Promotion League. – Foto: FVRZ

„Jeder solche Fall ist einer zu viel“, sagt Rogalla. Gleichzeitig müsse man berücksichtigen, dass Angriffe auf Spieloffizielle – gemessen an allen kompetitiven Spielen – im Promillebereich liegen. Durch die zunehmende Verbreitung von Handykameras seien einzelne Vorfälle jedoch medial sichtbarer geworden. Eine klare Zunahme nehme er als Schiedsrichter hingegen nicht wahr.

Die meisten schweren disziplinarischen Verfehlungen finden laut Rogalla ohnehin unter Spielern statt, etwa Tätlichkeiten oder Schlägereien. Dabei beobachten die Schiedsrichter eine Intensivierung der Gewalt: Während früher eher mal nachgetreten wurde, kommt es heute häufiger zu Ohrfeigen oder Faustschlägen ins Gesicht. Wenn es unter Spielern eskaliert, geschieht dies oft gezielter und mit grösserer Härte.

Schiedsrichtern wird geholfen

Bei solchen Vorfällen stellt der FVRZ, ohne konkrete Zahlen zu nennen, eine steigende Tendenz fest. „Fälle wie Schlägereien zwischen Mannschaften, bei denen Schiedsrichter unbeteiligt sind, werden von der FVRZ-Disziplinarkommission bearbeitet“, sagt Rossini. Solche Szenen ärgern ihn: Mit dem Schreiben wolle der Verband deshalb die Vereine stärker in die Pflicht nehmen. „Schaut auch selber, dass mit auffälligen Fans, Eltern, Funktionären oder Spielern gesprochen wird“, appelliert er.

Der Leiter der Abteilung Spielbetrieb ist überzeugt, dass steigende Gewalt kein rein fussballspezifisches Problem ist. Dennoch müsse sich der Breiten- und Regionalsport damit auseinandersetzen, gegebenenfalls Massnahmen ergreifen und eine Vorbildrolle übernehmen.

Auch die Schiedsrichter Sven Ziegler und Patrick Rogalla verstehen das Schreiben in erster Linie als Sensibilisierung der Vereine. Sie verweisen zugleich auf positive Beobachtungen auf den Fussballplätzen: „Eigentlich immer, wenn sich jemand gegen einen Schiedsrichter wendet, intervenieren Mitspieler und andere Anwesende, um die Offiziellen zu schützen.“ Möglicherweise trägt dies dazu bei, dass die Zahl der Schiedsrichter zuletzt wieder gestiegen ist. Für Rogalla ist das wenig überraschend: „Schliesslich ist es immer noch ein cooles Hobby.“

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