Tipps vom Experten: Seit kurzem ist Norbert Elgerts Autobiografie auch als Hörbuch erhältlich. Der Fußball-Talente-Entwickler ist seit 1996 beim FC Schalke 04 als U19-Trainer tätig.
Tipps vom Experten: Seit kurzem ist Norbert Elgerts Autobiografie auch als Hörbuch erhältlich. Der Fußball-Talente-Entwickler ist seit 1996 beim FC Schalke 04 als U19-Trainer tätig. – Foto: fkn

Talent-Entwickler verrät: So werden aus Nachwuchskickern echte Superstars

tz-Interview mit dem anerkannten Experten Norbert Elgert

Norbert Elgert (65) ist seit Jahrzehnten eine Institution im deutschen Nachwuchsfußball. Seine Autobiografie „Gib alles – nur nie auf!“ ist nun auch als Hörbuch erhältlich.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht Elgert (hier geht‘s zum Hörbuch-Download) über den Umgang mit Talenten wie Paul Wanner (16), die Arbeit von Julian Nagelsmann (34) und Probleme im Nachwuchsbereich.

Herr Elgert, derzeit sind junge Spieler wie Paul Wanner (16/FC Bayern) oder Sidney Raebiger (16/RB Leipzig) in aller Munde. Ein gutes Zeichen?
Die deutsche Mentalität neigt schon gerne dazu, in beide Richtungen zu übertreiben, himmelhoch jauchzend oder extrem negativ. Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Wichtig ist natürlich, dass man aus der Vergangenheit sowie eventuell gemachten Fehler lernt und die richtigen Schlüsse zieht.

Worauf kommt es denn an, damit sich Talente in einer Bundesliga-Mannschaft etablieren?
Bei allem Talent werden junge Spieler aktuell durch die vielen coronabedingten Ausfälle der Profis eher ins kalte Wasser geworfen als unter normalen Umständen. Wenn ein Spieler ganzheitlich so vorbereitet und belastbar ist, dass er einer Profimannschaft helfen kann, warum auch nicht. Aber Vorsicht: Zieht man junge Spieler unter normalen Umständen zu früh hoch, verringert und verkürzt sich dadurch ihre Ausbildungszeit.

Was sind die Konsequenzen?
Dadurch ist das Fundament häufig noch zu instabil, häufig mit der Folge einer erhöhten Verletzungsanfälligkeit. Die Jungs selber müssen geduldig sein. Sie brauchen, um es wirklich zu schaffen, ganz viel Durchhaltevermögen, Widerstandsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft und Biss über einen ganz langen Zeitraum. Das heißt, neben dem sportlichen Talent auch ein Talent dafür, Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden – ein Talent dafür, durchzuhalten.

Zu lange auf Matchpläne, Analysen, Statistiken und hochtaktische Dinge fokussiert

Ist bei der Nachwuchsarbeit in Deutschland wirklich so viel schief- gelaufen?
Viele Dinge sind sicherlich auch gut und richtig gemacht worden. Meiner Meinung lag der Hauptfokus aber viel zu lange auf Matchplänen, Analysen, Statistiken und hochtaktischen Dingen. Alles nicht unwichtig, aber dadurch wurden und werden teilweise immer noch die sogenannten Basics vernachlässigt, die vermeintlich einfachen Dinge. Am wichtigsten waren und sind aber immer noch das Spielverständnis und die Ballbeherrschung unter Gegner-Raum und Zeitdruck.

Welche Rolle spielen die Nachwuchsleistungszentren dabei?
Die jahrelangen Zertifizierungen der Leistungszentren waren gut gemeint und teilweise hilfreich. Sie haben aber vor allen Dingen zu einer extremen Vermassung und Vereinheitlichung geführt. Alle Nachwuchsleistungszentren wollten natürlich mit drei Sternen glänzen und bewertet werden. Es ging – ähnlich wie bei den Michelin-Inspektoren – in erster Linie darum, die Zertifizierer zu überzeugen. Vermassung und zu großes Streben nach Vereinheitlichung führen aber häufig eher zu Einheitsbrei und Kreativitätsverlust.

„Jugendliche werden mit ganz anderen Problemen und Dingen konfrontiert“

Inwiefern hat sich die Jugend in den letzten Jahren verändert?
Die heutigen Jugendlichen sind total in Ordnung. Sie werden aber mit ganz anderen Problemen und Dingen konfrontiert, als es früher der Fall war. Zum Beispiel mit dem Internet, Social Media oder ganz aktuell Corona. Auch wir Coaches und Ausbilder haben dadurch ein stark erweitertes Aufgabenfeld.

Inwiefern?
Wir müssen unseren Spielern zum Beispiel dabei helfen, intelligent und positiv mit Internet und Social Media umzugehen. Damit meine ich, das Internet zu nutzen, um zu lernen und sich Wissen anzueignen. Social Media sollte man dazu nutzen, ein positiver Influencer zu sein, aber man sollte auf keinen Fall darin versinken oder sich negativ und herablassend über andere Menschen äußern, die sich in dem Moment gar nicht dagegen wehren können. Aber eins ist klar: Bei aller Wichtigkeit des Internets wirst du im Internet oder an der Playstation kein besserer Fußballer.

„Viele junge Menschen sind nicht mehr so belastbar und kritikfähig“

Und wie sieht es mit der Belastbarkeit aus?
Viele junge Menschen, das trifft auch auf meine Jungs zu, sind nicht mehr so belastbar und kritikfähig. Aber das sind allgemeine gesellschaftliche Tendenzen, und der Sport ist dafür nur ein Vergrößerungsglas. Das fängt schon in der Schule an. Natürlich ist Wissensvermittlung von größer Bedeutung, aber ist es nicht mindestens genauso wichtig oder vielleicht sogar noch wichtiger, in der Schule zu lernen wie man Probleme löst, wie man durchhält und Hindernisse und Schwierigkeiten erfolgreich überwindet und meistert.

„Pandemie hat auch den Fußball und die Ausbildung gewaltig zurückgeworfen“

Zwingt die Pandemie die Profi-Clubs dazu, wieder mehr auf die eigene Jugend zu setzen?
Die Pandemie hat auch den Fußball und die Ausbildung gewaltig zurückgeworfen. Aber unsere Aufgabe als Club oder als Coach ist es, nicht zu jammern, sondern in Lösungen zu denken und das Beste daraus zu machen.

Mittlerweile wird auch vermehrt in anderen Nachwuchsligen gescoutet, um sich frühzeitig ausländische Top-Talente zu sichern.
Wir leben, und das ist auch gut so, in einer globalen Welt. Deswegen ergibt es selbstverständlich auch Sinn, verstärkt international zu sichten und zu scouten. Es ist aber meiner Meinung nach nicht der Fall, dass dadurch der Blick auf in Deutschland ausgebildete Spieler verloren geht. Letztlich geht es aber immer noch entscheidend um Talent, Charakter, Einstellung, Potenzial und Perspektive und nicht darum, aus welchem Land der Spieler kommt.

Geht es Jugend-Trainern wirklich um die Entwicklung einzelner Spieler – oder vielmehr um die eigene Karriere?
Bei jungen Trainern spricht doch gar nichts dagegen, einen Karriereplan zu haben. Was wir aber in der Ausbildung unbedingt vermehrt brauchen und teilweise auch haben, sind absolute Spezialisten für die einzelnen Ausbildungsstufen und Jahrgänge. Nicht nur in der Ausbildung sollten immer die Spieler im Vordergrund stehen. Es gibt viele Trainer, aber nur wenige Coaches. Ein richtiger Coach ist immer auch ein Mentor, jemand, der anderen dabei hilft und sie dabei unterstützt, ihre Ziele zu erreichen.

„Auf den Punkt gebracht muss es sich der Spieler verdient und erarbeitet haben“

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann überlegt sich sogar individuelle Entwicklungsschritte für Bayern-Talente.
Julian, den ich sportlich und menschlich sehr schätze, kommt ja bekanntermaßen aus der Ausbildung. Selbstverständlich sollte ein Cheftrainer sich für die Talente der eigenen Akademie interessieren, aber vor allen Dingen Vertrauen in die Verantwortlichen und Ausbilder der Akademie haben. Letztendlich wird der Cheftrainer in erster Linie dafür bezahlt, Spiele zu gewinnen und die Ausbilder dafür optimal auszubilden.

Wann sollte ein Talent bei den Profis mittrainieren dürfen?
Wenn drei Dinge gewährleistet sind. Erstens: eine herausragende Einstellung, Anstrengungsbereitschaft und gute Leistungen über einen langen Zeitraum im Training. Zweitens: eine herausragende Einstellung, Anstrengungsbereitschaft und gute Leistungen im Wettkampf über einen langen Zeitraum. Und drittens: die ausdrückliche Empfehlung des jeweiligen Ausbilders, in meinem Fall des U 19-Trainers. Auf den Punkt gebracht muss es sich der Spieler verdient und erarbeitet haben. Es muss einfach Sinn ergeben. Denn wenn es keinen Sinn ergibt, ist es Unsinn. Und Unsinn mache ich nicht mit. Interview: Manuel Bonke *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Aufrufe: 01.2.2022, 09:13 Uhr
Manuel BonkeAutor