Trainer Steffen Schmitt hat beim Verbandsligisten FV 09 Breidenbach für die Wende zum Positiven gesorgt. 	Foto: Jens Schmidt
Trainer Steffen Schmitt hat beim Verbandsligisten FV 09 Breidenbach für die Wende zum Positiven gesorgt. Foto: Jens Schmidt

Mit Ehrlichkeit aus dem Keller

VL MITTE: +++ Verbandsligist FV Breidenbach im Wintercheck +++

Breidenbach. Steffen Schmitt wird diesen Text hassen. Er möchte nicht im Mittelpunkt stehen und nicht übermäßig gelobt werden. Angesichts seiner Bilanz mit dem Fußball-Verbandsligisten FV Breidenbach ist das nur schwer möglich. In der „Schmitt-Tabelle“, also vom Zeitpunkt der Amtsübernahme als Trainer bis heute, haben die Hinterländer gemeinsam mit dem FC Ederbergland und dem SV Zeilsheim den stärksten Punkteschnitt der Liga mit zwei Zählern pro Partie.

Die Kontaktaufnahme zu Steffen Schmitt sagt bereits etwas über ihn aus. Auf die Frage, wann er gut erreichbar ist, antwortet er umgehend, dass er zwar viele Termine habe, aber zwischendurch immer mal telefonieren kann und andernfalls zurückruft.

So ist es dann auch. Samstagvormittag, auf dem Weg von daheim zu einer Abnahme, meldet er sich. Zwischendrin noch geräuschlos einen Mitarbeiter eingeladen, kein Problem. Dass das Telefonat doppelt so lange dauert wie vereinbart, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Schmitt ist Geschäftsführer eines Betriebs für Forst- und Landschaftspflege, er ist Vater von Zwillingen und seit Ende September Trainer des Verbandsligisten FV Breidenbach. Landläufig würde man all das als stressig bezeichnen, doch der 37-Jährige ist immer freundlich, ausgeglichen und gibt einem das Gefühl, dass er sich gerne die Zeit nimmt.

„Ehrliche Kommunikation“, bezeichnet Steffen Schmitt als entscheidenden Faktor für ein gutes Miteinander, nicht nur bezogen auf den Fußball. Sein Engagement im Gunterstal, wo er bereits von Anfang 2014 bis Mitte 2015 Spielertrainer war, ergab sich durch den holprigen Saisonstart des FV Breidenbach.

Defensivprobleme waren das größte Manko

Schmitt’s Vorgänger Björn Breuer erreichte in seiner ersten Saison als Trainer des FV Breidenbach den Klassenerhalt mit fünf Punkten Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang. In der zweiten Saison war nach drei Monaten Schluss. Die 2:3-Niederlage gegen den SV Zeilsheim beendete das Kapitel. Die seit 2011 durchgängige Ligazugehörigkeit war in Gefahr. Breuer ist ein akribischer Trainer, der sich auf jeden Gegner bis ins Detail vorbereitet. In den Spielersitzungen präsentierte er nicht nur die mögliche taktische Ausrichtung der anderen Teams, sondern bereitete zu jedem einzelnen Spieler Auswertungen von Stärken und Schwächen vor. Dennoch: Es fruchtete nicht mehr. „Für viele überraschend, für andere jedoch ein notwendiger Schritt, um mehr Sicherheit und Stabilität zu bekommen“, ließ sich Frank Schmidt, damaliger Vorstandssprecher, zitieren.

Das Abwehrverhalten war bis dahin das große Manko. 31 Gegentore nach neun Spielen sprachen eine deutliche Sprache. Mit Steffen Schmitt zauberte der sportliche Leiter Philipp Bösser dann einen alten Bekannten aus dem Hut, der es verstand, der Mannschaft neues Leben einzuhauchen. In den folgenden drei Spielen feierte das Team die maximale Ausbeute: 3:0 in Eltville, 3:0 gegen Ederbergland und 2:1 beim VfB Marburg.

Insbesondere FCE-Trainer Stefan Trevisi tobte nach der Niederlage: „Breidenbach hat zu wenig für das Spiel getan.“ Die Gastgeber standen mit ihrer Viererkette plus den beiden Sechsern davor sehr tief und spielten nach Ballgewinn sofort mit Tempo nach vorne. „Das Spiel hat ganz gut gezeigt, wie wir Fußball spielen wollen“, sagt Schmitt, „mit hoher Bereitschaft gegen den Ball, mit Zweikampfhärte und schnell in der Umschaltbewegung“.

Die Probleme in der Defensive waren mit dem Trainerwechsel plötzlich verschwunden. „Ich fordere eine hohe Disziplin und erwarte, dass sich jeder in den Dienst der Mannschaft stellt“, formuliert Schmitt seine Erwartung. „Wichtig ist auch, dass die Spieler ihre Möglichkeiten bekommen, ich ihnen Vertrauen schenke.“

Angesprochen auf die Spieler, die einen Schritt nach vorne gemacht haben, will sich Steffen Schmitt zu keiner genauen Aussage hinreißen lassen: „Natürlich fallen mir da einige ein, aber das ganze Team hat sich entwickelt, ich möchte keinen hervorheben.“ Und der FVB-Trainer geht noch weiter. „Die Jungs, die gerade hinten dran sind, das sind die entscheidenden Spieler.“ Es seien Spieler, die Druck auf die erste Elf ausüben, ohne dass einer schlechte Stimmung verbreiten würde.

Statistisch gesehen muss man dennoch Innenverteidiger Julian Kapitza und Mittelfeldmotor Sebastian Wanke erwähnen, die kein einziges Spiel verpassten. Mit seinen sieben Treffern strahlte Wanke zudem große Torgefahr aus, die bloß noch von Sandro Noriega (acht Tore) und Felix Baum (16 Tore) überboten wird. Die Verwandlung von Tobias Ochs vom Torwart zum Feldspieler sucht sicher seinesgleichen. Spielstarke Torhüter sind im Trend. Aber dass ein Verbandsliga-Keeper in der derselben Spielklasse problemlos im Feld mitspielen kann (15 Einsätze, ein Tor), ist absolut außergewöhnlich.

In den verbleibenden Spielen muss der FV Breidenbach noch abgebrühter werden. In Phasen, wo es mal nicht nach Plan läuft, verliert das Team zu häufig den Faden. Aktuell sind es neun Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz und sieben Abstand bis zu den Aufstiegsrängen. Grundsätzlich eine komfortable Situation, doch es wäre ein großer Fehler, sich nun in Sicherheit zu wiegen. „Wir sind jedenfalls nicht so vermessen und schielen nach oben“, betont Steffen Schmitt, „die Punkte, die wir geholt haben, waren auch dringend nötig.“ Angst haben müsse aber niemand – wenn keiner nachlässt: „Mit Angst kommt man nicht weit. Aber mit Ehrlichkeit.“



Aufrufe: 024.2.2020, 08:00 Uhr
Christoph Heuser (Hinterländer Anzeiger)Autor