
Am Ende einer langen Saison war es zunächst nur ein Heimspiel ohne große tabellarische Folgen. Die SG Oppenweiler/Strümpfelbach empfing den SV Breuningsweiler, spielte 2:2 und beendete die Bezirksliga Rems/Murr/Hall als Dritter. Doch der 30. Spieltag bekam eine Bedeutung, die über Ergebnis, Tabelle und Abschiedsstimmung hinausreichte. Michelle Lastavec stand im Tor der Männer – als erste Spielerin. Für die 21-Jährige wurde aus einer ungewöhnlichen Idee ein sportlicher Moment mit Signalwirkung.
Ein Satz, der nur Ja heißen konnte
Die Entstehung dieses Nachmittags beschreibt Michelle Lastavec ohne Pathos, aber mit spürbarer Freude. Sie hatte in den Wochen zuvor mehrfach bei den Herren mittrainiert, dann kam Trainer Erkut Polat mit der Idee, sie auch in einem Punktspiel einzusetzen. Als geklärt war, dass laut Regelwerk nichts dagegen sprach, blieb für Lastavec, wie sie sagt, „auf die Anfrage nur eine Antwort: Ja“. Es war nicht der Versuch einer bloßen Geste, sondern die logische Fortsetzung gemeinsamer Trainingsarbeit. Die Torhüterin, die sonst für die SGM Oppenweiler/Sulzbach in der Frauen-Verbandsliga spielt, sprach später davon, dass sie sich „sehr darüber gefreut“ habe und es für sie „eine große Ehre“ gewesen sei, „diese Möglichkeit zu bekommen“. Der Begriff passte, weil er nicht überhöhte, sondern einordnete: Lastavec trat nicht als Symbolfigur auf, sondern als Spielerin, die gebraucht wurde.
Ein besonderer Tag mit nüchterner Konzentration
Wer erwartete, dass die Aufregung diesen Auftritt bestimmen würde, sah nur einen Teil der Wahrheit. Lastavec gab später offen zu, vor dem Anpfiff „etwas angespannt“ gewesen zu sein. Doch nach Spielbeginn tat sie, was Torhüterinnen und Torhüter tun müssen: Sie ordnete sich dem Spiel unter. Auf dem Platz habe sie sich „voll auf meine Aufgaben konzentriert“, sagte sie. Die SG ging durch Louis Piscopo in der 18. Minute in Führung, ehe Mario Mutic nach 35 Minuten ausglich. Lastavec musste bei diesem Gegentreffer hinter sich greifen, wertete die Szene nach einem Freistoß aus kurzer Distanz aber als schwer haltbar. Entscheidend war für sie nicht die makellose Statistik, sondern die Ruhe im eigenen Handeln. Sie habe sich „jederzeit sehr gut von der Mannschaft unterstützt gefühlt“, sagte sie. Besonders die Abwehr habe ihr „viel Sicherheit gegeben“.

Zwei Spiele, zwei Welten, ein Arbeitstag
Bemerkenswert war nicht allein, dass Lastavec bei den Männern spielte. Bemerkenswert war auch, was ihrem Einsatz vorausging. Am Vormittag hatte sie bereits 90 Minuten für die Frauen der SGM Oppenweiler/Sulzbach in der Verbandsliga Württemberg absolviert. Beim 1:0-Auswärtssieg beim TSV Frommern hielt sie die Null, danach folgte der zweite Einsatz des Tages, nun vor 200 Zuschauern in der Bezirksliga Rems/Murr/Hall. Dass Lastavec nach 60 Minuten ausgewechselt wurde, war deshalb vorher abgesprochen. Sie selbst erklärte, dieser Wechsel sei vereinbart gewesen, „da ich am selben Tag schon 90 Minuten für unsere Frauenmannschaft in der Verbandsliga gespielt hatte“. Für sie kam Janis Seefeldt, ihr früherer Torwarttrainer, der inzwischen auch im Trainerteam des Frauen-Bundesligisten Eintracht Frankfurt arbeitet. Beide Torhüter kassierten je ein Gegentor. Oguz Dogan traf in der Nachspielzeit zum 2:2.
Ein Verein, der diesen Moment tragen konnte
Solche Geschichten entstehen selten im luftleeren Raum. Lastavec beschreibt Oppenweiler nicht als Durchgangsstation, sondern als Umfeld, das Vertrauen ermöglicht. Sie fühle sich bei der SG Oppenweiler/Strümpfelbach „sehr wohl“ und schätze den Verein sehr, sagt sie. Man werde dort „von Anfang an herzlich aufgenommen und jederzeit unterstützt“. Genau dieser Rahmen war an jenem Nachmittag sichtbar. Die Männer der SG, am Saisonende mit 54 Punkten und 86 erzielten Toren Dritter hinter Meister TSV Gaildorf und dem SV Allmersbach, trugen diesen Einsatz nicht wie eine Ausnahme vor sich her. Sie integrierten ihn. Lastavec wiederum spielte nicht gegen Widerstände, sondern mit Rückhalt. In einer Liga, in der Körperlichkeit und Intensität zur Grundsprache gehören, war das nicht nebensächlich. Besonders schätze sie „den starken Zusammenhalt innerhalb der Mannschaften und im gesamten Verein“. Genau dieses Miteinander habe die SG für sie so besonders gemacht.
Eine Saison, die mehr war als Klassenerhalt
Auch sportlich kam Lastavec nicht aus dem Schatten einer unauffälligen Runde. Mit der SGM Oppenweiler/Sulzbach beendete sie die Frauen-Verbandsliga Württemberg als Aufsteiger auf Platz fünf, punktgleich mit dem 1. FC Donzdorf. Der Klassenerhalt war das Ziel, früh und souverän wurde er erreicht. Danach, sagt Lastavec, habe die Mannschaft gezeigt, „dass wir mehr als nur mithalten können“, und sich „den nötigen Respekt in der Liga erarbeitet“. Zwischenzeitlich ging der Blick sogar in Richtung der Plätze zwei und drei. 39 Punkte, 46 Tore und 35 Gegentreffer stehen für Stabilität. Lastavec sagt, man könne „sehr stolz auf diese Saison sein“. Auch persönlich sei sie stolz darauf, „was wir gemeinsam als Mannschaft erreicht haben“.
Der nächste Schritt führt nach Stuttgart
Nun folgt der Wechsel, der diese Geschichte weiter öffnet. Lastavec verlässt Oppenweiler und schließt sich dem VfB Stuttgart II an, dem Meister der Verbandsliga und künftigen Oberligisten. Für die 21-Jährige, die im Juli 22 Jahre alt wird, ist das kein Bruch, sondern der nächste Prüfstein. Ihr Fokus liege darauf, sich beim VfB Stuttgart II „in der Oberliga schnell einzufinden und weiterzuentwickeln“. Sie wolle „konstant gute Leistungen zeigen“ und ihren Teil dazu beitragen, „dass wir als Mannschaft erfolgreich sind“. Langfristig, sagt sie, wolle sie sich „auf möglichst hohem Niveau im Frauenfußball etablieren“. Dabei sei ihr wichtig, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und zu wachsen, „ohne den Spaß am Fußball zu verlieren“. Ihre ersten Schritte machte die Lehramtsstudentin aus Maubach beim FC Viktoria Backnang. An diesem Wochenende aber stand sie dort, wo sie Geschichte schrieb: im Tor.