– Foto: Dennis Bellof

Behind the scenes: Das etwas andere Portrait über Yannick Weber Teil 2

+++ VL Mitte +++ Portrait mit Blick hinter die Kulissen +++ Yannick Weber vom FV Breidenbach +++

Von TSG Wieseck zu Mainz 05, dort vier Jahre lang gespielt, ehe der Wechsel zu Rot-Weiß Erfurt kam. Probetraining im Borussia-Park, Juniorenbundesliga oder mit 18-Jahren Debüt in der Oberliga. Dass die jetzigen Mitspieler der Abwehrkante Yannick Weber vom FV Breidenbach von all dem am Anfang gar nichts wussten, sagt einiges über den Charakter und die Bodenständigkeit des heute 25-Jährigen aus.

Groß, robust und eine gute Physis. Doch Yannick Weber fällt ganz besonders durch seine feuerroten Haare auf und bleibt auch deshalb sicherlich vielen seiner Weggefährten im Gedächtnis. Und auch sein bedingungsloser Einsatz und Kampf für seine Mannschaft, resolut getreu seinem Motto: „Entweder der Ball oder der Gegner, aber nicht beide“ tragen zum Wiedererkennungswert seiner Person bei. Das seine Haarfarbe schon in seiner Jugendzeit für den ein oder anderen Spruch gesorgt hat, ist gerade in der aktuellen Rassismus-Debatte gefundenes Fressen. Sprüche wie „Rothaarige haben keine Seele“ oder „Ginger“ und auch Ähnliches musste er sich zum Beispiel anhören lassen, stand aber stets über diesen Beleidigungen. „Auch damals gab es rassistische Äußerungen gegenüber Mitspielern, aber da hat sich das Team sofort hinter den Spieler gestellt“, berichtet Yannick Weber. Das das Thema heute allerdings eine andere Aufmerksamkeit als noch zu seiner Jugendzeit genießt, macht er gerade von den sozialen Medien abhängig. „Damals hat man so etwas wie beispielsweise das mit George Floyd aus den USA im TV mitbekommen, solche Kanäle wie Facebook oder WhatsApp waren da noch im Aufbau und von Instagram ganz zu schweigen.“ Gerade durch Instagram wird das Thema wieder neu aufgerollt, was Yannick Weber besonders freut, da Rassismus seiner Meinung nach heute nichts mehr in der Gesellschaft zu suchen hat. „Bei allen Vereinen, für die ich bisher spielte, wurde Rassismus nicht geduldet. Es gibt weder für Diskriminierung noch das Verurteilen einer Person einen Grund“, so Weber. „Da gibt es auch keine zwei Meinungen!“


Aufgefallen ist Yannick Weber auch den Verantwortlichen von Borussia Mönchengladbach nach seiner eher schlecht als recht laufenden U17 Saison bei den Mainzern. Bis dahin haben ihn keine schwerwiegenden Verletzungen heimgesucht, eher mal die ein oder andere Blessur. In seinem ersten Jahr im Nachwuchsleistungszentrum gleich dreimal. Diese Verletzungsmisere war dann auch schlussendlich dafür verantwortlich, dass Yannick Weber und Mainz 05 nach vier gemeinsamen Jahren getrennte Wege gegangen sind. Borussia Mönchengladbach wollte sich allerdings selbst ein Bild des damals 17-Jährigen machen, der den Verantwortlichen des Bundesligisten schon gleich mehrmals aufgefallen war. Es folgte ein Anruf, der ein zwei tägiges Probetraining im Borussia Park bedeutete. Und dann stand er neben Talenten wie Sinan Kurt (aktuell vereinslos, trug allerdings neben Borussia Mönchengladbach schon die Trikots des FC Bayern München oder der Hertha aus Berlin; d. Red.) und Mahmoud Dahoud (aktueller Spieler von Borussia Dortmund; d. Red.) auf dem grünen Rasen. Sein Verletzungspech konnte er im Training nicht völlig abschütteln, weshalb ihm die letzten Prozente auf dem sehr hohen Niveau fehlten und von einer Verpflichtung aus Borussen-Sicht Abstand genommen wurde. „Zu meiner Zeit war das Scouting noch nicht so ausgeprägt, wie es heute der Fall ist“, stellt Yannick Weber fest. „Damals haben die Spieler ein Angebot von einem Verein bekommen, nicht wie heute drei bis vier. Sich da richtig zu entscheiden ist natürlich auch für die Kids immer schwieriger.“ Laut Yannick Weber sind es vor allem die verbesserten technischen Möglichkeiten, die den Scouts zur Verfügung stehen wie zahlreiche Datenbanken etc., die das Höher, Schneller, Weiter vorantreiben. Hinzu kommt die enorme Finanzkraft zahlreicher Vereine, die gerade in den letzten Jahren stark zugenommen hat, weswegen auch in den entlegensten Ecken nach Talenten und zukünftigen Verstärkungen gesucht wird. Neben diesen zwei Hauptfaktoren macht Yannick Weber auch ein wenig den demographischen Wandel und die Tatsache, dass weniger Jugendliche Fußball spielen, für das sehr frühe Scouting im Kindesalter verantwortlich. Die Vereine möchten kein Talent mehr verpassen. Diese Entwicklung sieht der Spieler des FV Breidenbach kritisch, da damit ein noch größerer Druck auf den Schultern der Kids lastet, der bereits zu seiner Zeit schon verdammt hoch war.


Dass das Kapitel „Fußballspielen auf höchstem Jugendniveau“ trotz Gladbachs Nicht-Verpflichtung noch nicht enden sollte, hat er Rot-Weiß Erfurt zu verdanken, die ihn für seine U19 Mannschaft verpflichteten. Mit diesem Transfer ins knapp 300 Kilometer entfernte Erfurt, von Mainz betrachtet, änderte sich für Yannick Weber viel mehr, als ihm vielleicht auch zu dieser Zeit lieb war. Anderes Umfeld, andere Spieler und auch eine etwas andere Disziplin. Für den Abwehrspieler gab es dann nur noch Schule und Fußball. Morgens von 8:00 – 10:00 Uhr stand das Pauken in der Schule auf dem Programm, ehe es für zwei Stunden zum Vormittagstraining ging. Nach dem Mittag hieß es für Yannick Weber erneut die Schulbank drücken, bis um 16:00 Uhr der Schulgong ertönte. Eine halbe Stunde später stand der Defensivspieler mit geschnürten Fußballschuhen erneut auf dem Rasen, bereit für die zweite Trainingseinheit. Völlig erschöpft ging es dann nach den Schulaufgaben ins Bett, ehe am nächsten Tag der gleiche Rhythmus wartete. Bei Erfurt musste er sich erst einmal beweisen, ohne Vorschusslorbeeren, und im Training wurden untereinander die Ellenbogen ausgefahren. Yannick Weber haderte allerdings noch mit seiner Verletzung und musste einiges aufholen, was auch aufs Gemüt schlug. Alles in allem herrschte ein anderer Ton im Osten. Während in Mainz jeden Tag eine Putzfrau für die Ordnung in den Zimmern der Talente sorgte, mussten die Spieler von Rot-Weiß Erfurt einmal die Woche am Putztag selbst Hand anlegen. Hinzu kamen Versprechungen des damaligen Trainers der U19, die letztendlich gegenüber Yannick Weber nicht gehalten wurden. Das Kapitel A-Jugend endete bereits nach einem halben Jahr, da er als 18-Jähriger in die U23 hochgezogen wurde. In der Zweitvertretung des damaligen Drittligisten spürte er einfach von Beginn an das Vertrauen des Coaches, der auch der Beweggrund für das Hochziehen war. Sieben Mal, so viele Spiele wie mit der A-Jugend, bestritt er in seinem ersten halben Jahr im Männerbereich und das noch als U19 Spieler. Das Kapitel Erfurt endete trotzdem nach einem Jahr, als Yannick Weber zurück in die Heimat, zum FSV 1926 Fernwald, wechselte.


Heutzutage ist es kaum noch vorstellbar, dass ein Talent wie Yannick Weber es war, mit diesem Werdegang, vier Jahre lang Mainz 05 und ein Jahr lang Rot-Weiß Erfurt auf höchstem Jugendniveau, erst im Herrenbereich ernsthaft mit einem Berater in Kontakt kommt. Zwar wurde er das ein oder andere Mal auf Facebook von Beratern angeschrieben, doch wirklich gekümmert beziehungsweise interessiert hat es ihn nicht. Yannick Weber vertritt beim Thema Beratern und deren Nützlichkeit auch seine ganz eigene Meinung. „Ich finde, dass man als U16 Spieler noch keinen Berater braucht. Es sei denn, man ist ein top umworbenes Talent Europas, dann ist das noch mal etwas anderes. Wenn nicht, reichen bis zu diesem Alter auch locker die Eltern, die dich bestens kennen und auch in deinem Sinne entscheiden.“ Das nicht nur Berater, sondern auch Vereine mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um die besten Talente kämpfen, konnte Yannick Weber aus nächster Nähe beobachten. Dem heutigen Drittligaprofi des KFC Uerdingen, Patrick Pflücke, lag ein unterschriftsreifer Vertrag des Premierligisten und englischen Rekordmeisters, Manchester United, vor, ehe Mainz 05 dazwischenfunkte. Kurzerhand wurden beide Elternteile des gebürtigen Dresdeners nach Mainz geholt und mit einem Arbeitsplatz in der Geschäftsstelle ausgestattet. „Um die besten Talente zu bekommen, waren solche Anreize eben nötig“, begründet Yannick Weber das Handeln seines ehemaligen Vereins. Neben Beratern oder auch Vereinen bemühen sich auch schon Sportartikelausrüster um die besten Talente im Kindesalter, weshalb es die Meisten und auch Yannick Weber nicht wundert, dass einige seiner Teamkollegen in der U15 oder auch U16 Sponsorenverträge mit Nike oder auch Adidas hatten, sodass sie sich mit Artikeln dieser Hersteller eindecken konnten, wie sie wollten.


Yannick Webers Berater verfolgte zumindest auf den ersten Blick gesehen keine finanziellen Absichten, sodass er den Kontakt zwischen dem Spieler von Rot-Weiß Erfurt und der Mannschaft aus der Hessenliga unentgeltlich herstellte. „Er hat das als Gefallen getan, aber wenn dir jemand in schwierigen Situationen hilft, merkst du dir das auch für die Guten“, erklärt Yannick Weber. „Wenn es für mich vielleicht noch einmal höher gegangen wäre, sprich Regionalliga oder so, dann hätte er sicherlich noch mal angeklopft“, so der Abwehrspieler. Soweit kam es allerdings bisher noch nicht, wobei die Chancen des heute 25-Jährigen nicht mehr all zu hoch sind. Nach 27 Spielen in der Zweitvertretung von Fernwald und 7 Partien für die 1. Mannschaft, wechselte Yannick Weber für ein Jahr zum Gruppenligisten FSV Buchenau, ehe er sich das Trikot des VfB Marburg überstreifte. Nach zwei Saisons nahm er das Angebot des Verbandsligisten FV Breidenbach an, für die er in der kommenden Saison dann seine vierte Spielzeit bestreiten wird. Bisher hat Yannick Weber für keine andere Herrenmannschaft länger seine Schuhe geschnürt, als für den FV Breidenbach. Dabei wussten seine Teamkameraden zu Anfang gar nichts von Yannick Webers bewegten Jugendkarriere. Groll oder geringe Wertschätzung verspürt er deshalb nicht, ganz im Gegenteil. „Spieler sollte man nicht aufgrund der Vergangenheit werten, denn das Hier und Jetzt zählt“, sagt der Rotschopf bestimmend. Obwohl vielleicht einige Spieler des FV Breidenbach nicht viel höher oder im Nachwuchsleistungszentrum gespielt haben, konnte und kann ich noch einiges von ihnen lernen. Besonders imponieren ihn seine (Ex-)Mitspieler Johannes Damm, bis zur Saison 19/20 Breidenbachspieler, ehe er zum SG Laasphe/Niederlaasphe in die Kreisliga B wechselte, Verteidiger Julian Kapitza und Stürmer Felix Baum. Gerade für letzteren hat Yannick Weber nur lobende Worte übrig. „Felix ist der kompletteste Spieler, den ich je gesehen habe.“ Und das muss schon etwas heißen, denn Yannick Weber hat bereits schon gegen Spieler wie dem zukünftigen Chelsea-Spieler Timo Werner, das Bayern-Quartett bestehend aus Gnabry, Goretzka, Süle und Kimmich oder auch mit Patrick Pflücke vom KFC Uerdingen und David Kinsombi vom Hamburger SV gespielt. „Felix Baum kann einfach auf jeder Position, ob im Tor, der Abwehr, im Mittelfeld, zentral, rechts oder links, völlig egal, oder auch im Sturm spielen. Und er ist immer der beste Mann auf dem Platz, ein echter Leader.“ Mehr Lobeshymnen auf einen Spieler gehen schon kaum. Diese Qualitäten des Allrounders sind aber auch schon anderen Vereinen wie beispielsweise den Regionalligisten Eintracht Stadtallendorf und dem TSV Steinbach Haiger aufgefallen. Am Ende entschied sich Felix Baum, der in 234 Spielen für den aktuellen Verbandsligisten 203 Tore schoss, immer für den FV Breidenbach. Und ein Ende seiner unfassbaren Torquote scheint noch nicht absehbar zu sein.


Yannick Weber wünscht sich jedenfalls nicht nur für seinen Mitspieler und Goalgetter, sondern auch für alle seine Kontrahenten, dass die Corona-Pause für einen neuen Aufschwung in der Entwicklung des Breitensports sorgt. „Das Interesse in den Breitensport ebbt zunehmend ab, da die Leute lieber Bundesliga schauen, als am Wochenende am Zaun zu stehen, um ihrem Lokalverein die Daumen zu drücken.“ Dafür verantwortlich macht er vor allem die Finanzierung, die bereits in den niedrigsten Klassen angekommen ist, da Spieler schon aus der Kreisliga mit Fußball ihr Taschengeld aufwerten. „Die Situation ist leider etwas schwierig, doch vielleicht ändert sich ja etwas nach der Pandemie“, hofft Yannick Weber. Ein Hilfeschrei zur richtigen Zeit? Nicht nur für Felix Baum wünscht er sich wieder mehr Zuschauer auf den Sportplätzen der Breitensportvereine.


Yannick Weber lässt seine ganzen Geschichten noch einmal Revue passieren und durch die zahlreichen Erzählungen sind sie alle wieder ganz präsent, als ob es erst gestern gewesen wäre. Man merkt zu jeder Zeit, dass eben genau diese Erlebnisse den Charakter des 25-Jährigen sehr geprägt haben, sowohl sportlich als auch menschlich. Gerade deshalb rät er auch allen jungen Spielern eine solche Chance wahrzunehmen, wenn sie kommt. „Besonders mit einem Wechsel zu Mainz 05 kann man absolut nichts falsch machen“, lautet sein Schlussapell mit einem Augenzwinkern.

Aufrufe: 029.6.2020, 14:46 Uhr
Louis LambertAutor

Verlinkte Inhalte