Der Ball ruht, die Saison ist vorüber. Wann es weitergeht, ist offen. 	Archivfotos: Jährling/Gutschalk
Der Ball ruht, die Saison ist vorüber. Wann es weitergeht, ist offen. Archivfotos: Jährling/Gutschalk

"Ich sitze oft zwischen den Stühlen"

Der Bergsträßer Kreisfußballwart Reiner Held über den Saisonabbruch, Hoffnungen und Befürchtungen

Lange haben die Verbandsfunktionäre abgewartet, ehe sie am Wochenende die Saison in Hessen abgebrochen haben. Wir sprechen mit dem Bergsträßer Kreisfußballwart Reiner Held über die Folgen, Hoffnungen und Befürchtungen.

Herr Held, der Saisonabbruch ist in trockenen Tüchern. Was überwiegt bei Ihnen, Erschöpfung nach aufreibenden Monaten oder Erleichterung?

Ganz klar die Erleichterung. Natürlich war es anstrengend, es haben immer mal wieder Vereine angerufen, die nachgefragt haben, wie es aussieht. Man hat jetzt aber auf jeden Fall einen Punkt, an dem man weiß, wie es weitergeht.

War der Schritt letztlich alternativlos?

Ja. Der Zeitpunkt des Abbruchs ist nun klar gekommen. Wir haben diesen Zeitpunkt lange hinausgezögert, mit Absicht. Jetzt, da auch keine Halbserie mehr möglich ist, ist der Abbruch richtig gewählt.

Welche Hürden galt es zuletzt noch zu überwinden?

Die Hürden hatten natürlich rechtliche Hintergründe, besonders an der Schnittstelle Regionalliga und Hessenliga. Wir haben uns eine Hintertür offengelassen: Wenn andere Landesverbände Aufsteiger melden, dann versuchen wir das auch.

Hat die Entscheidungsfindung pro Abbruch letztlich zu lange gedauert?

Wir alle haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wir haben die Zeit hingezogen, bis wir gedacht haben, jetzt geht’s nicht mehr. Wenn wir noch eine Halbserie hätten spielen können, hätten wir sie mitgenommen. Vor zwei Monaten hat man gesehen, dass Möglichkeiten da waren. Jetzt weiß man, sie sind nicht mehr da. Uns war auch wichtig, dass so wenig wie möglich rechtliche Schritte in Betracht kommen.

Wie nehmen Sie die Stimmung an der Basis, in den Vereinen wahr? Wie groß ist da der Frust über die ständige Warterei und Aufschieberei?

Klar ist es für jeden schwer, wenn es nicht möglich ist, das geliebte Hobby auszuüben. Die gesundheitlichen Gründe stehen da aber ganz klar im Vordergrund. Solange die Zahlen steigen, wäre es fatal, wieder zu trainieren und in Kontakt zu treten. Jeder würde gerne auf den Platz gehen. Ich zum Beispiel als Schiedsrichter, um ein Spiel zu pfeifen. Oder als Kreisfußballwart, um mich vor Ort um Dinge zu kümmern. Videokonferenzen sind schön und gut, aber Präsenz ist etwas anderes.

Hatten Sie Sympathien für andere Modelle, beispielsweise eine Rundenverlängerung auf zwei Jahre?

Die Sympathie gibt es bei mir nicht. Denn dann wären wir jetzt auch nicht weiter. Die Zahlen steigen. Und wir kommen vielleicht noch länger nicht auf die Sportplätze. Da läuft dir dann auch bei anderen Modellen die Zeit davon.

Blicken wir zurück: Wie haben Sie dieses Corona-Jahr mit den Rückschlägen und der oftmals aufkeimenden Hoffnung erlebt?

Es ist nicht so einfach, wenn man an einem Hobby hängt und dazu ein Amt hat. Da sitze ich oftmals zwischen den Stühlen. Es ist nicht so einfach, alle gleich zu bedienen. Wir haben den Vereinen eine Meisterschaftsrunde versprochen. Das wollten wir durchziehen. Ich kann die Vereine verstehen, dass sie wissen wollen: Wo geht es hin? Wir müssen aber auch aufs Rechtliche schauen. Für Vereine, die im Tabellenmittelfeld stehen, ist es einfacher zu sagen, wir brechen ab, zieht einen Schlussstrich. Das ist aber nicht immer der Fall.

Können Sie schon Langzeitauswirkungen der Pandemie auf den regionalen Fußball erkennen? Wird es vermehrt Abmeldungen oder Zusammenlegungen geben?

Aus meiner Sicht in die Vereine ist das nicht so – im Moment. Sicher, den ein oder anderen, der vorher schon nicht ganz so ernst bei der Sache war, werden wir verlieren. Im Großen und Ganzen glaube ich aber nicht, dass wir in diesem Punkt in die Bredouille kommen.

Wie schwierig gestalten sich jetzt die Planungen für eine neue Saison?

Solange die Corona-Zeit noch da ist, ist es schwierig, eine Aussage zu treffen. Anfang April haben wir mit dem Verbandsfußballwart wieder eine Video-Konferenz, in der wir das absprechen, wie wir die nächste Saison vorbereiten wollen. Wir werden uns auch mit den Vereinen in Verbindung setzen. Die große Frage wird natürlich sein, wann wir wieder anfangen können. Müssen wir später anfangen oder geht es früher? Da gilt es, Alternativen und eventuell auch Spielsysteme herbeizuführen, die dieser Problematik Rechnung tragen.

Glauben Sie fest an einen normalen Saisonstart im August oder September oder ist das eher nur ein Funken Hoffnung?

Die Hoffnung stirbt zum Schluss. Ich kann nicht in die Glaskugel schauen, was in zwei oder drei Monaten ist. Wir können nur hoffen, dass es sich vielleicht bessert durch das Impfen, damit wir endlich nach vorne schauen können.

Wie schätzen Sie die Lage im Jugendbereich ein?

Immens wichtig ist, dass die bis 14-Jährigen wieder auf den Platz dürfen, dass da die Gemeinschaft wieder da ist, wenn auch nur mit Training. Wir sind dem Land Hessen dankbar für diese Möglichkeit. Wir stehen aber auch in der Pflicht, die Hygieneregeln zu 110 Prozent umzusetzen. Wir haben einen Freifahrtschein bekommen. Den sollten wir nicht riskieren. Wir müssen diese Freiheit unbedingt pflegen.

Es gibt aber auch Jugendliche, die nicht zusammen trainieren dürfen.

Richtig. Und die bereiten mir Sorge, denn in diesem Bereich der C-Jugend bis A-Jugend verlieren wir ohnehin schon die meisten Mädchen und Buben. Ich kann das jetzt noch nicht prognostizieren. Ich hoffe auf die Trainer und Betreuer, dass sie Kontakt halten. Wenn die Jugendlichen irgendwann merken, ich werde nicht mehr angerufen, dann wird es brenzlig. Ob wir in diesem Altersbereich gut aus der Sache rauskommen, ist fraglich.

287 Aufrufe1.4.2021, 06:58 Uhr
Maik RichterAutor

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