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Der frühere deutsche und internationale Schiedsrichter Lutz Michael Fröhlich war im Rahmen des Barrage-Spiels am 1.Juni zwischen Canach und Walferdingen in Luxemburg zu Gast. Der heute 68-Jährige war als Schiedsrichtermentor für die UEFA unterwegs und beobachtete in dieser Funktion das luxemburgische Schiedsrichter-Talent Loïc Thomas bei dem Spiel in Beggen. FuPa hatte die Gelegenheit, im Rahmen eines kurzen Exklusivinterviews mit Herrn Fröhlich zu sprechen.
Herr Fröhlich, welche Kriterien gibt es bei der Beobachtung von jungen Unparteiischen und was ist wichtig für einen Schiedsrichter bei internationalen Begegnungen?
Es geht um die Entwicklung von Nachwuchsschiedsrichtern für den internationalen Bereich, zu denen auch Loïc Thomas gehört. Da ist es wichtig, dass man Schiedsrichter nicht nur in einem Spiel anschaut, sondern dass man das auch über einen längeren Zeitraum laufen lässt, um Potenziale zu erkennen und einen Gesamteindruck zu bekommen.
Es gibt meines Erachtens zwei Elemente, die bei der Entwicklung zu einem Top-Schiedsrichter von großer Bedeutung sind: erstens ist es die Fähigkeit sich selbst zu managen, bei sich zu bleiben und auf dieser Basis dann auch ein Spiel zu leiten, zu managen. Das schließt den Umgang mit den Spielern ein, ebenso wie Resistenz und Resilienz, um Druck aushalten zu können und im Spiel auch gute, akzeptierte Entscheidungen zu finden. Zweitens geht es auch um Regelsicherheit, dass man sich an die Regeln hält und dass man die bestehenden Guidelines - zum Beispiel der UEFA - beachtet.
Das sind die beiden wichtigsten Elemente, die sich dann noch jeweils in viele Feinheiten aufgliedern lassen, wie zum Beispiel Kommunikation, Körpersprache oder Positionierung im Spiel. Daher ist es auch wichtig, dass die Schiedsrichter viele Spiele leiten und sich in dem aufgezeigten Rahmen weiterentwickeln. Dadurch wächst die Erfahrung, man wird zunehmend sicherer, Fähigkeiten werden etabliert und die natürliche Autorität auf dem Platz gestärkt.
Sie meinen damit eine nicht gespielte Autorität oder eine, die schnell zu einer falschen Autorität wird.
Ja, natürliche Autorität ist eminent wichtig. Nicht aufgesetzt wirken, sondern von seiner eigenen, inneren Persönlichkeit heraus ausstrahlen, bei sich selbst sein und den Leuten nicht irgendetwas vorspielen, was man eigentlich gar nicht ist, darum geht es. Nur so erwirbt man sich dauerhaft auch fachliche Anerkennung und Akzeptanz.
Es ist wichtig für die Schiedsrichter, dass sie sich permanent weiterentwickeln. Ein Baustein für internationale Schiedsrichter ist dabei auch das Mentoring-Programm der UEFA, in dem jetzt Loïc Thomas seinen Platz hat. Im nächsten Jahr wird er vielleicht einen anderen Mentor bekommen, sodass er auch Impulse über eine andere Sprache oder Sichtweise mit auf seinen Weg bekommt.
Wie schwierig ist es, Schiedsrichter aus kleinen Ländern wie Luxemburg, die ja in der Regel nur vor ein paar hundert Leuten pfeifen, auf ein Niveau zu bringen, auf dem sie dann irgendwann Conference League oder Europa League vor 10.000 oder 20.000 Zuschauern leiten? Das ist dann eine andere Welt.
Jeder Schiedsrichter sollte sich erst einmal unabhängig von der Anzahl der Zuschauer und unabhängig von der Spielqualität weiterentwickeln. Es ist schwierig zu beurteilen, ob ein Schiedsrichter, der in der Regel nur vor 300 oder 400 Zuschauern pfeift, auch mal Spiele in einem größeren Rahmen, etwa vor 30.000 Zuschauern, leiten kann. Es ist sicherlich ein Handicap, aber das schließt keine Türen zu.
Die Programme der UEFA sind geeignet, Potenziale der Schiedsrichter zu erkennen, deren Entwicklung zu monitoren und auf dieser Basis ggf. auch Wege für sie auf internationaler Ebene zu öffnen. In diesem Zusammenhang finde ich auch den Schiedsrichteraustausch zumindest mit den benachbarten Fußballverbänden hilfreich, so zum Beispiel jetzt zwischen Luxemburg und Deutschland, mit der dortigen Regionalliga, wo dann auch Spiele dabei sind, die deutlich mehr als tausend Zuschauer haben.
Wie wird so etwas von Ländern wie England wahrgenommen, wo es nur noch professionelle Schiedsrichter im Profifußball gibt? Das ist bei denen wahrscheinlich eine völlig andere Herangehensweise.
Natürlich sind Ligen wie in England, Italien, Spanien, Frankreich oder auch in Deutschland auf einem anderen Level, strukturell, organisatorisch und letztendlich auch finanziell. In Deutschland existiert über die DFB-Schiri GmbH praktisch ein eigenständiges Unternehmen.
Die Engländer sind mit der PGMO ebenfalls sehr professionell aufgestellt. Aber dennoch ist der Weg grundsätzlich für jeden Schiedsrichter offen und es ist durchaus auch möglich für einen Schiedsrichter aus einem kleinen Nationalverband auch im internationalen Bereich sehr erfolgreich zu sein.
Das hat früher ja auch Alain Hamer bewiesen.
Ja, Alain ist aus luxemburgischer Sicht ein sehr gutes Beispiel.
Jetzt steht eine Weltmeisterschaft vor der Tür. Im Rahmen einer solchen werden gerne neue Regeln eingeführt, die die ganze Welt dann durch die damit verbundene Propaganda wahrnimmt. Welche sind das? Was kommt dann auf die Vereine in der nächsten Saison zu?
Da gibt es Anpassungen im VAR-Bereich, zum Beispiel Korrekturen im Falle eines Eckstoßes, der hundertprozentig klar ist und der Schiedsrichter gibt ihn nicht oder umgekehrt; oder bei einem klaren Fehler bei einer gezeigten oder nicht gezeigten gelb-roten Karte, da kann der Videoassistent jetzt dem Schiedsrichter helfen, einen klaren Fehler zu vermeiden.
Das sind im VAR-Bereich Erweiterungen, die zeigen, dass der VAR eigentlich, auch wenn er immer wieder kritisiert wird, doch hilfreich und auf einem guten Weg ist. Darüber hinaus gibt es einige Regelanpassungen, die gegen Zeitverzögerungen gerichtet sind, zum Beispiel beim Abstoß oder Einwurf, oder auch bei Auswechselungen.
Ein Kollege von Loïc Thomas hat letztens in einem Interview gemeint, dass die Fehlerquote seit Einführung des VAR deutlich gesunken sei. Können Sie das bestätigen?
Ja, tatsächlich ist es so. Mit der Technik und dem Bildmaterial können die Vorgänge fast immer sehr gut aufgelöst und zu angemessenen Entscheidungen geführt werden. Das Zusammenspiel von Mensch und Technik sehe ich hier als effizient an. Das schließt Fehler aber nicht aus. Wir leben nicht in einer perfekten Welt, der Fehler gehört zum Leben dazu, auch im Fußball, beim Trainer, beim Torwart, beim Spieler, beim Schiedsrichterteam. Wichtig ist es, aus Fehlern zu lernen und sich oder die Dinge weiterzuentwickeln.
Luxemburg ist eines der wenigen Länder, das in der ersten Liga noch keinen VAR hat, auch wohl aus Kostengründen. Kennen Sie sich mit dem VAR Light aus? Das wäre wohl angeblich eine denkbare Lösung für die luxemburgische Liga.
Ich weiß nur, dass es eine Variante ist, die mit deutlich weniger Aufwand betrieben werden kann. Um ins Detail zu gehen, dazu kenne ich die Einzelheiten und Bedingungen allerdings zu wenig. Aber es könnte eine Option für einen kleineren Nationalverband sein, sich darüber mit dem Thema VAR vertraut zu machen.
Das wäre Ihrer Meinung nach aber eine finanziell tragbare Lösung, weil die Profisysteme wie in der Bundesliga, die kosten ja für Luxemburg nicht bezahlbare Summen?
In der Bundesliga sind es um die 20 Kameras, teilweise mehr. In der 2. Bundesliga sind es um die 10 Kameras. Wenn beim VAR Light eine, zwei oder drei Kameras zum Einsatz kämen, dann wäre das sicherlich eine erhebliche Kostenreduzierung. Und weniger Kameras bedeutet auch weniger Perspektiven, weniger Analyseaufwand und weniger Diskussionen. Das könnte sogar auch ein Vorteil sein, um dem Anspruch „nur bei glasklaren Fehlentscheidungen zu intervenieren“ gerecht zu werden. Wenn mit einer, zwei oder drei Perspektiven keine klare Auflösung der Situation möglich ist, dann bleibt es eben bei der auf dem Feld getroffenen Entscheidung.
Im Moment gehen die luxemburgischen Schiedsrichter ins Ausland, damit sie die Zertifikate für einen möglichen VAR-Einsatz bekommen. Was dann auch gut und wichtig ist.
Ja, ich weiß, dass Alex Krueger hier auf einem guten Weg ist, luxemburgischen Schiedsrichtern für den internationalen Einsatz die VAR-Zertifizierung zu ermöglichen.
Lutz Michael Fröhlich wurde Anfang Oktober 1957 in Berlin geboren und wurde 1985 DFB--Schiedsrichter. 1988 leitete er sein erstes Spiel in der zweiten deutschen Bundesiga, ab 1991 in der ersten Bundesliga. Von 1994 bis 2002 war Fröhlich FIFA-Schiedsrichter. 2005 erhielt er den Fairplay-Preis des Verbandes Deutscher Sportjournalisten, weil er in einem Spiel zwischen Bayern München und Hannover im Jahr zuvor Michael Ballack eine Gelb-Rote Karte zeigte, die er gleich darauf zurücknahm und sich entschuldigte. Zudem trugen von ihm getätigte Aussagen zur Aufklärung des Skandals um Robert Hoyzer bei. (Quelle: Wikipedia)