Die Gesichter eines Ikarus-Flugs: Hasan Kivran (l.) und Max Kothny (r.).
Die Gesichter eines Ikarus-Flugs: Hasan Kivran (l.) und Max Kothny (r.). – Foto: kolbert-press/Ulrich Gamel via www.imago-images.de

Finanzchaos in der 3. Liga – so schlimm stand es um Türkgücü wirklich

Teure Spieler trotz roter Zahlen

Der Insolvenz-Bericht zum Fall Türkgücü ist aufgetaucht. Die Verluste waren offenbar schon vor der Anmeldung gigantisch. Hat der Klub zu spät reagiert?

München – Das Abenteuer Profifußball endete für Türkgücü München im Debakel. Eine Finanzpolitik fern der eigenen Möglichkeiten trieb die KGaA in den Ruin. Jetzt sind erstmals Zahlen aufgetaucht. War schon lange vor der Insolvenz klar, dass es so nicht funktionieren kann?

Mit aller Gewalt drängte Türkgücü während der Kivran-Ära in den Profifußball. Jeden Sommer kamen neue Trainer und namhafte Spieler. Klar, dass die nicht gratis arbeiten. Als das Ziel dann endlich erreicht war, wollte Kivran aber plötzlich raus. Ende 2020 sprach der Investor öffentlich von seinem Ausstieg.

5,3 Millionen Euro Verlust: Türkgücü KGaA lebte weit über den Möglichkeiten der 3. Liga

Im Nachgang hieß es: Das war ein Bluff. Türkgücü strich zahlreiche Namen von der aufgeblähten Gehaltsliste. Musste der Klub tatsächlich zu diesem Mittel greifen, um das kommende Jahr überhaupt zu ermöglichen? Damals hieß es, Türkgücü habe über das Spieljahr 2020/21 vier Millionen Euro Verlust gemacht.

Dem „kicker“ wurde jetzt der Report der Kanzlei „Raffé Rechtsanwälte“ zugespielt. Sie betreut das Insolvenzverfahren der Türkgücü KGaA. Der Bericht zeigt: Türkgücü war sogar noch tiefer in den roten Zahlen als bislang bekannt.

Über 5,3 Millionen Euro Verlust hat der damalige Drittligist demnach gemacht. So ein Haushalt ist in der 3. Liga kaum zu erklären, durchschnittlich setzen Vereine pro Spielzeit etwa elf Millionen Euro um. Wie konnte Türkgücü überhaupt so viel ausgeben?

Insolvenz von Türkgücü München: Transfer-Show trotz Verlust im Vorjahr – Kivran pumpte elf Millionen

Die Antwort führt natürlich zu Hasan Kivran. Laut Jaffé-Report hat er über elf Millionen Euro in die KGaA gesteckt, „alleine 6,7 Millionen davon in Form von Darlegen im Jahr 2021.“

Verluste in Millionenhöhe haben die damals Verantwortlichen aber nicht abgeschreckt, im nächsten Sommer ordentlich nachzulegen. „Weitere rund 3,0 Millionen Euro (Verlust, d.R.) werden in der Zeit ab Juli 2021 bis 31. Dezember 2021 verbucht“, schreibt die Kanzlei. Türkgücü hatte es im Sommer auf dem Transfermarkt krachen lassen. Es kamen 20 neue Spieler. Darunter Hochkaräter wie Tim Rieder, Albion Vrenezi, Mergim Mavraj, Moritz Kuhn Peterson Chato und Andy Irving.

Rätsel um drei Millionen: Türkgücü München plante mit Verlust

Teure Profis: Wie will Türkgücü diese Gehälter bezahlen? Das hat sich sicherlich auch der DFB gefragt, der im Rahmen der Lizensierung aber nur die angegebenen Planwerte der Vereine erhält. Die Verträge mit den Spielern handeln die Klubs schließlich selbst aus. Pikant: Türkgücü hat damals mit einem Halbjahresverlust von drei Millionen Euro geplant. Exakt die Summe, die der Klub beim DFB für Personalkosten im Spielbetrieb angeben hatte.

Für Türkgücü kam es damals zum Worst-Case, während der laufenden Saison musste der Klub den Spielbetrieb einstellen. Die KGaA hatte bis zuletzt am Profifußball festgehalten, ohne eine weitere Finanzspritze von Investor Hasan Kivran stürzte alles zusammen.

Türkgücü KGaA: Offene Schulden in Höhe von über 2,5 Millionen Euro – Gläubiger bekommen wohl nichts

Der Worst-Case droht nun auch den Gläubigern der Türkgücü KGaA. Forderungen in Höhe von über 2,5 Millionen Euro seien noch offen, schreibt die Kanzlei: „Die Gläubiger werden in Folger hoher Masseverbindlichkeiten aus Löhnen und Gehältern voraussichtlich mit keiner Quote rechen können.“ Auf deutsch: Die Gläubiger gehen leer aus. Sollte nicht doch noch jemand für das Drittliga-Debakel haften. (moe)

Aufrufe: 022.11.2022, 09:24 Uhr
Moritz BletzingerAutor