Hadernde Spieler von Viktoria Kahl sind in der Bayernliga an der Tagesordnung. Nichtsdestotrotz ist das aufgestiegene Schlusslicht stolz darauf, Bayernliga spielen zu dürfen.
Hadernde Spieler von Viktoria Kahl sind in der Bayernliga an der Tagesordnung. Nichtsdestotrotz ist das aufgestiegene Schlusslicht stolz darauf, Bayernliga spielen zu dürfen. – Foto: Mario Wiedel

Obwohl sie der größte Verlierer wären: Kahl will Saisonabbruch

Andre Kasiow, Sportlicher Leiter von Bayernliga-Aufsteiger und -Schlusslicht Viktoria Kahl, spricht im Interview über die aktuelle Situation.

Es wäre eine schwierige Aufgabe, aber definitiv kein Ding der Unmöglichkeit, dass das Schlusslicht der Bayernliga Nord, der FC Viktoria Kahl, doch noch irgendwie den Klassenerhalt in der 5. Liga schafft - und sei "nur" über den Umweg Relegation. Deshalb möchte man meinen, die Unterfranken würden mit aller Macht auf eine Fortsetzung der ohnehin schon verlängerten Spielzeit 2019/21 drängen. Doch dem ist nicht so, wie Viktoria-Fußballchef Andre Kasiow im FuPa-Interview erstaunlicherweise betont. Der 50-Jährige mit sehr ehrlichen Antworten - auch zu den Themen Fluktuation, bayerische Grenzlage und derbe Pleiten...

André, wir geben die aktuelle Gretchen-Frage des bayerischen Fußballs ungefiltert an Dich weiter: Abbruch oder Fortsetzung?
Wir, die Verantwortlichen vom FC Viktoria Kahl sind ganz klar für einen Saisonabbruch. Wir sehen bei den steigenden Inzidenzwerten keine Möglichkeit, die Saison bis zum 30. Juni 2021 zu beenden.

Ein Abbruch würde bedeuten, dass er irgendwie in der Luft liegende Abstieg von Kahl endgültig besiegelt wäre. Hand aufs Herz: Wäre das angesichts der vielen derben Pleiten und der nur wenigen Punkte nicht sogar eine Erlösung?
Nein, von einer Erlösung kann man nicht reden. Wir hätten gerne die Saison fertig gespielt, zumal es eine lehrreiche Saison für viele junge Spieler von uns gewesen ist und auch weiter wäre. Wir wollen immer das Maximum herausholen, aber wir wussten was mit der Bayernliga auf uns zukommen würde. Es macht aber bei den Inzidenzwerten einfach keinen Sinn, die Saison erfolgreich weiter zu führen. Wenn die Regelung durch den Abbruch so wäre, dass der FC Viktoria Kahl absteigen würde, dann wäre es so. Man kann an der Corona-bedingten Situation nunmal nichts ändern.

Eine Fortsetzung würde bedeuten, dass Ihr weiterhin auf den Klassenerhalt hoffen könnt. Doch: Was macht angesichts der Tabellensituation denn überhaupt noch Hoffnung?
Weiter Hoffnung macht uns bei einer möglichen Fortführung der Saison, dass wir noch einige Nachholspiele haben und somit einen Relegationsplatz erreichen können. Solange es rechnerisch möglich ist, stecken wir den Kopf nicht in den Sand. Wie schon erwähnt, wir wussten von Beginn an, dass es diese Saison nur um den Klassenerhalt gehen konnte.

Zur Rolle des BFV: »Ein Konzept vorzuschlagen macht wenig Sinn«

Wie bewertest Du die Rolle des Bayerischen Fußballverbandes in der aktuellen Krise?
Was bitte schön soll der Fußballverband in dieser Situation machen? Es besteht einfach nur nur die Möglichkeit abzuwarten und zu hoffen, dass die Inzidenzwerte runter gehen, damit wir wieder grünes Licht von der Regierung bekommen. Nein, wir fühlen uns nicht alleine gelassen, zumal die Verantwortlichen des Fußballverbandes immer im Kontakt mit den Vereinen stehen. Ein Konzept vorzuschlagen macht wenig Sinn, da sich die Werte von Woche zu Woche verändern. Der Verband hängt genauso wie die Vereine in der Luft wie es weitergeht. Die einzigste Möglichkeit in die Normalität zurückzukommen ist nunmal die Geschwindigkeit der Impfung in Deutschland voranzutreiben.

Zuletzt hat sich Euer Kader praktisch komplett verändert. Viele Neuzugänge, viele Abgänge - zuletzt auch noch der Abgang von Kapitän Patrick Farbmacher. Was ist los bei Euch?
Das ist richtig, im Sommer haben uns einige Spieler verlassen und einige sind neu hinzubekommen. Es ist einfach schwierig durch die Unterbrechung und Verzerrungen durch Corona. Wir spielen ja momentan immer noch die Saison 2019/20 zu Ende. Es hätte bei regulärer Spielzeit sowieso im Sommer 2020 einen Umbruch gegeben - egal ob Bayernliga oder Landesliga. Zurzeit ist es nunmal sehr schwierig eine Kaderplanung aufzustellen, da niemand weiß, wie es weitergeht mit und durch Corona. Bei Patrick Farbmacher war es klar, dass er aus beruflichen Gründen und Zeitmangel von Bord geht. Das sollte eigentlich schon im Sommer 2020 passieren, aber aus Solidarität zum Verein und den Corona-Bedingungen haben wir das mit Patrick bis zur Winterpause hinausgeschoben.

Hatten es die Abgänge - gelinde gesagt - satt, Schlusslicht zu sein und haben deshalb den Verein verlassen?
Nein, wie gesagt, es war bei einigen Spielern beruflich bedingt. Andere haben nach langen Verletzung den Anschluss nicht mehr geschafft. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen, der mit der Situation nicht zufrieden gewesen war. Im Großen und Ganzen haben wir aber der Großteil der Mannschaft zusammen gehalten.

Wie geht‘s Dir da eigentlich bei hohen Niederlagen als Funktionär, der schon lange mit im Boot ist? Kannst Du abschalten? Oder schwirrt in schlechteren Zeiten die Viktoria rund um die Uhr in Deinem Kopf rum?
Natürlich schwirrt eine hohe Niederlage im Kopf herum, aber man muss es schnell ausblenden und sich für die nächste Aufgabe vorbereiten. Wichtig ist es, den Spielern Mut zu machen und ihnen weiter das Vertrauen zu geben. Ich persönlich habe das Glück, schnell abschalten zu können, da mein Motto es schon immer war, Fehler anzusprechen und abzustellen - und dann positiv nach vorne zu schauen.

Wie schwierig ist es denn, als Tabellenletzter adäquates Personal zu bekommen?
Das hat, glaube ich, mit dem Tabellenplatz wenig zu tun. Vielmehr ist es bei uns in Kahl geographisch gesehen mit der Angrenzung an Hessen schon immer ein Problem gewesen, adäquates Spielerpersonal zu finden. Was nicht zu vergessen ist, ist, dass wir in der Bayernliga zirka 8000 Kilometer pro Saison für die Auswärtsfahrten hinter uns lassen müssen. In Hessen wäre es auf demselben Niveau deutlich weniger.

Andrea Kasiow - Sportlicher Leiter des FC Viktoria Kahl.
Andrea Kasiow - Sportlicher Leiter des FC Viktoria Kahl. – Foto: Viktoria Kahl

Verliert Viktoria Kahl durch diese hohe Fluktuation nicht sein Gesicht, seinen Charakter?
Nein, wie gesagt, dass ist hier in der Region durch die Angrenzung an Hessen ein ganz normaler Prozess - auch bei anderen hochklassigen Vereinen. Und außerdem haben wir immer noch 10-12 Spieler im Kader, die schon lange im Verein sind.

In welche Liga gehört Ihr Eurem Selbstverständnis zufolge?
Der FC Viktoria Kahl sieht sich eigentlich als Landesliga-Verein. Die Bayernliga ist ein Abenteuer für den Verein und die Spieler.

Abschließend der obligatorische Blick in die Zukunft. Du hast freie Bahn...
In ferner Zukunft hoffen, dass es wieder ruhiger in einer stabilen Lage mit Corona weiter geht und Fußball gespielt werden kann - egal ob Bayernliga oder Landesliga. Für uns ist das wichtigste die Gesundheit aller Spieler der Mitglieder, Werbepartner, Gönner und Verantwortlichen des Vereins. Wir wollen schnellstmöglich wieder unsere Zuschauer mit tollem Fußball begeistern können.

Danke für das Gespräch, alles Gute für die Zukunft - und ganz wichtig: Gesund bleiben.

Aufrufe: 29.3.2021, 04:00 Uhr
Helmut WeigerstorferAutor

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