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Paul Philipp: unterklassige Wettbewerbe weiter nicht möglich!

Interview mit Verbandspräsident Paul Philipp +++ rechtliche Situation der unteren Ligen immer noch konfus +++ BGL Ligue so stark wie nie? +++ Stichdatum für Stadioneröffnung im Rahmen des Möglichen

Am Mittwoch hatten wir uns am Sitz der FLF in Monnerich mit Verbandspräsident Paul Philipp getroffen, um über die Pandemie, die BGL Ligue und das neue Stadion zu sprechen. Dabei hatte der ehemalige Profi und Nationaltrainer nicht nur gute Nachrichten zu vermelden: insbesondere für die Mannschaften von der Ehrenpromotion bis in die unterste Klasse der Reserven sowie für die 2. und 3.Liga der Frauen ist die rechtliche Situation z.Z. kaum nachzuvollziehen.

Herr Philipp, die letzten fünfzehn Monate waren wie überall von der Pandemie geprägt. Wie anstrengend war diese Zeit für Sie und für die FLF insgesamt? Man konnte ja quasi nur auf Sicht fahren und jeweils nur drei Wochen im Voraus planen.

Es ist kein Geheimnis, dass es natürlich eine Situation ist, die so noch niemand erlebt hat, weder im Sport, noch in medizinischen oder sonstigen Bereichen! Wenn man dachte, man hätte einen Plan, dann musste man diesen bereits wieder abändern. Das war in der Tat das Schwierigste und eben ungewohnt über die ganze Zeit.

Es ist aber auch nur menschlich, dass dann plötzlich persönliche Interessen auftauchten und geäußert wurden. Einige wollten aufhören, andere nicht. Da mussten wir als Verband darüberstehen und das Gesamtbild im Auge behalten. Zu Beginn der Pandemie setzte auch ein gewisser Druck seitens der UEFA ein, die nämlich nicht wollte, dass die Saison abgebrochen werden sollte. Das betraf natürlich die BGL Ligue und die damit verbundene Qualifikation für die europäischen Wettbewerbe.

Ich hatte persönlich ein paar Mal mit dem UEFA-Präsidenten (d.Red.: Aleksander Čeferin) telefoniert, wir wussten ja, dass wir die Saison 2019-2020 eigentlich nicht mehr fortführen und regulär beenden könnten. Wir wollten als FLF aber auch nicht die Ersten sein, die die Spielzeit abbrechen würden. Als dann die Niederlande und Belgien sich zum Abbruch entschieden, sind wir kurz später nachgezogen.

In der Folge mussten dann die Klassements mit den bekannten Koeffizienten ausgerechnet werden. Wir konnten es, da ungefähr drei Viertel der Saison absolviert waren, vertreten, diesen Weg zu gehen. Da wir niemanden bestrafen wollten, kam es zur bekannten Aufstockung der verschiedenen Ligen.

Anfang der jetzt zu Ende gegangenen Saison 2020-2021 sah es zeitweise gut aus, so dass man von einem mehr oder weniger normalen Verlauf ausgehen konnte. Beim Lockdown wurde schliesslich der ganze Sport unterbrochen, die Maßnahmen seitens der Regierung wurden mehrfach verlängert. Zum Glück durften dann aber wenigstens später wieder die höchsten Ligen in der Meisterschaft spielen.


Wie war denn der Austausch mit dem COSL und dem Sportministerium?

Mit dem COSL hatten wir nur wenig Kontakt, mit dem Sportministerium aber zwangsläufig oft. Es ging dabei meistens darum, herauszufinden, wie es auf Regierungsseite in den Pandemiefragen weitergehen und was rechtlich möglich sein würde. Es wurde versucht, sich über Zeitrahmen zu informieren, doch meistens hieß es von staatlicher Seite halt auch nur, man könne keine Vorhersagen treffen. Und das wiederholt sich ja seitdem in einer Frequenz von drei Wochen oder einem Monat. Das ist für die Planungen der Trainer und Vereine natürlich alles andere als optimal.

Als diese Unklarheiten länger vorherrschten, kamen vermehrt Stimmen auf, dass Vereine die Saison abgebrochen sehen wollten. Wir haben aber alles darangesetzt, den Fußball weiter am Laufen zu halten, um nicht aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verschwinden. Schließlich wurden dann die Gesetze gestimmt, durch die die obersten Sportklassen wieder spielen durften. Damals befragten wir die Vereine bekanntlich alle und die meisten waren sich einig, dass wir bis zu einem Stichdatum abwarten sollten. Und als dann die sanitären Maßnahmen ein weiteres Mal verlängert wurden, wurde entschieden, die unteren Spielklassen ohne Wertung abzubrechen. Insgesamt waren es aber für alle heftige Monate!


Laut aktueller Gesetzeslage sieht es so aus, als dürften weiter nur die obersten Spielklassen spielen, außer unterklassige Mannschaften würden den Covid Check erfüllen. Haben wir das richtig verstanden und können Sie uns dazu Details geben?

Das ist alles andere als klar und fast nicht zu verstehen! Die angesprochenen Vereine wurden unter der Woche von uns angeschrieben und darüber informiert, dass wir als Verband mit der aktuellen Gesetzeslage nicht zufrieden sind. Und davon betroffen ist ein riesiger Teil des luxemburgischen Fußballs, alle Teams von der Ehrenpromotion bis in die 3.Division, die Zweit- und Drittligisten der Frauen sowie sämtliche Reservemannschaften!

Das Paradoxe an der Sache ist, dass man 300 Zuschauer ohne Maske zu einem Spiel empfangen und auch wieder mit Essen und Trinken bewirten darf, es dürfen auch einhundert Personen auf einem Spielfeld trainieren, wenn sie eines der drei Gs des Covid Checks erfüllen. Das Einzige was sie in unserem Fall nicht dürfen, ist elf gegen elf Fußball spielen! Es geht nicht einmal um die Anzahl der Personen auf einem Spielfeld, sondern es geht um den Begriff „Wettbewerb“, ein solcher ist weiter nicht zugelassen!


D.h. sogar wenn alle den Covid Check erfüllen, dürfen diese Mannschaften nicht spielen?

Nein, das ist ja das Problem! Auch dann darf man keine offiziellen Wettbewerbe bestreiten! Über den Covid Check alleine kann man ja bereits diskutieren, denn in Belgien und Deutschland darf der Amateurfußball ja wieder spielen. Diesbezüglich werden wir an den für uns zuständigen Minister herantreten.


Hätten Sie sich von Seiten des angesprochenen Sportministers bzw. seines Ministeriums eine bessere und häufigere Kommunikation gewünscht?

Wir verstehen durchaus, dass die Politik andere Prioritäten hat. Doch wir als FLF vertreten 40.000 Lizenzierte und wir müssen zusehen, dass wir diese langsam aber sicher wieder dazu bekommen, ihrem Sport nachzugehen! Und mit dieser Situation sind wir nicht zufrieden, auch da es nicht leicht herauszufinden ist, was überhaupt erlaubt ist und was nicht! Dazu kommt dann der eben erwähnte Widerspruch, dass zwar z.B. hundert Leute sich auf einem Platz bewegen dürfen, aber keine Wettkämpfe stattfinden können.


Während der Pandemie musste man fürchten, dass der eine oder andere Verein Covid 19 nicht überstehen würde, ich denke dabei an Ehnen, die US Esch oder auch Hamm. Wie besorgt waren Sie über das drohende Verschwinden von Vereinen?

Ich glaube nicht, dass wir bereits aus dem Schneider sind! Ich denke dabei nicht alleine an die Clubs, sondern allgemein an das Ehrenamt. Ich hoffe, dass ich mich irre, doch es gibt Vereinsmenschen, die während der Krise gemerkt haben, dass es - überspitzt formuliert - zuhause auf dem Balkon auch schön ist und sich jetzt neue Prioritäten gegeben haben. Die entsprechenden Auswirkungen wird erst die Zukunft zeigen.

Es kann auch sein, dass manche finanziellen Folgen sich erst später zeigen werden. Normal geführte Vereine hatten weniger Ausgaben als während einer laufenden Saison, die FLF hat den Clubs auch mehrfach unter die Arme gegriffen. Ich bin guten Mutes, dass die Vereine die Pandemie zumindest aus finanzieller Sicht überstehen werden. Ich mache mir eher Sorgen um das Ehrenamt.


Kann man schon einschätzen, ob es zu einem Rückgang der Lizenzen bzw. der Neueinschreibungen kommt?

Bis jetzt merken wir noch nichts, doch die Einschreibungen laufen ja erst an. Man sieht dagegen, dass eine gewisse Ungeduld aufkommt, um wieder Fußball spielen zu können. Eine richtige Bilanz kann man aber eigentlich noch nicht ziehen, das wird erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein.


Ich persönlich fand als Außenstehender, dass das straffe Programm und der hohe Rhythmus der BGL Ligue nach dem Winter das spielerische Niveau sogar angehoben hatte. Teilen Sie diese Einschätzung?

Zu hundert Prozent! Natürlich sind es immer die gleichen, die sich beklagen und immer die gleichen, die zufrieden sind. Am zufriedensten waren in erster Linie die Spieler, und auch wenn das ab und zu vergessen wird, sie sind doch die Wichtigsten! Mir ist kein Spieler bekannt, der unzufrieden war, dass er so oft spielen musste. Dagegen kenne ich zahlreiche, die nicht so froh waren, als sie wochenlang nur trainieren konnten, ohne ein Spiel zu bestreiten.

Nicht so schön war es natürlich für Verletzte, die anstatt nur ein Spiel zu verpassen, schnell mal deren zwei oder drei nicht bestreiten konnten. Der hohe Ryhthmus und die vermehrte Spielpraxis konnten für den Fußball an sich in meinen Augen eigentlich nur förderlich sein!


Es gab zahlreiche Kritiker, die der Aufstockung der BGL Ligue auf sechzehn Teams eher skeptisch gegnüberstanden. In dieser Saison wurden die Argumente der größeren Diskrepanzen und der Verwässerung offensichtlich widerlegt. Auf finanziellem Plan scheint dies aber anders zu sein. Reichen die außerordentlichen Subventionen der FLF aus, um das sportlich hohe Niveau mittelfristig aufrechtzuerhalten oder ist zu befürchten, dass die Schere später noch weiter auseinander geht?

Man kann natürlich nicht hingehen und behaupten, sechzehn Vereine in einer Liga seien das Beste, was es geben würde. Wir hatten in der Saison 2020-2021 das Glück, dass mit Wiltz und Hesperingen zwei Vereine aufgestiegen sind, die eine Bereicherung für die BGL Ligue sind. In zwei, drei Jahren muss man aber zusammen mit den Clubs analysieren, ob sechzehn Vereine deren in der Tat nicht zu viele sind.

Vieles hängt natürlich auch von der Spielstärke kommender Aufsteiger ab, denn dass ein Neuling wie in dieser Saison um die Meisterschaft mitspielt, gibt es ja nicht jedes Jahr! Wenn sich nun mittelfristig herauskristallisieren sollte, dass die Aufsteiger regelmäßig weit abgeschlagen und ohne Chance wären, müsste man sich mit einer Reduzierung der BGL Ligue auseinandersetzen.


Die Finanzen spielen ebenfalls eine Rolle. In der laufenden Saison hatten ja schon viele Clubs aus dem Oberhaus zu kämpfen. Der Unterschied zu den Topclubs wird nicht unbedingt geringer. Für kommende Saison könnten bereits zwei, drei Vereine es nicht mehr schaffen, über die zur Verfügung stehenden Mittel den Anschluss zu halten…

Da dürfen wir uns nichts vormachen, solche Clubs sollen das finanzielle Spiel auch nicht mitmachen, wenn sie es nicht schaffen! Das Risiko, das damit einhergeht, ist dann eventuell ein sportlicher Rückschritt. Aber als Gegenbeispiel kann auch hier die eben abgeschlossene Saison gelten, als einige Mannschaften ohne den Abstiegsdruck plötzlich überraschend gute Leistungen auf den Platz brachten, zu denen sie in einer Saison mit Absteigern nicht fähig gewesen wären. So wurden ungeahnte Kräfte freigesetzt!

Bedingt durch die Preisgelder der UEFA, die ja in neue, bessere Spieler von Seiten den international vertretenen Clubs investiert werden, entsteht immer mehr eine Zweiklassengesellschaft. Fünf, sechs Vereine werden stets um diese Erträge kämpfen. Doch das kann auch schief gehen, es gibt genügend prominente Beispiele von Vereinen, die nach dem Ausbleiben von Geldern aus internationalen Wettbewerben nach und nach in die unteren Ligen durchgereicht wurden.


Kommen wir zum Abschluss noch kurz auf unser aller Lieblingsthema zu sprechen, das neue Stadion. Ist mittlerweile vorhersehbar, ob wirklich am 1.September auf Kockelscheuer gespielt werden kann?

Der Ist-Zustand ist folgender: aktuell gilt in der Tat immer noch der 1.9. als Stichdatum, wenn Luxemburg Aserbaidschan in der neuen Arena empfangen soll. Die Chancen, dass es klappt, stehen bereits einen Tick besser als noch vor einem Monat. Einige Probleme wurden in der Zwischenzeit gelöst, das Datum des 1.September ist keine bewusste Vorspielung falscher Tatsachen! Alle zwei Tage haben wir ein Meeting bei der FLF um etliche Dossiers durchzugehen, das geht von der Sicherheit bis zum Catering.

Vor dem 1.9. müssen aber noch eine ganze Reihe Tests durchgeführt werden, es muss geprüft werden ob die Drehkreuze funktionieren, Ordner müssen wissen, wie und wohin sie sich begeben müssen. Das Flutlicht muss ebenfalls getestet werden, genauso wie die Anzeigetafeln. Die Polizei und Feuerwehr sind natürlich auch mit eingebunden. Dann muss der Ablauf für die Presseleute durchgespielt werden – im Grunde alles, was zum Eröffnungsspiel klappen muss. Trotzdem lege ich meine Hand für nichts mehr ins Feuer! Aber wie vorhin gesagt, die Eröffnung ist realistischer, als man noch vor ein paar Wochen hätte denken können!

Herr Philipp, vielen dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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Rundschreiben des Sportministeriums

Unter der Woche veröffentlichte die FLF ein zehn Seiten starkes Rundschreiben des Sportministeriums, das für mehr Konfusion sorgt als für Klarheit. Alleine der Fakt, dass die sportlichen Aktivitäten erst auf der vierten Seite des Dokuments behandelt werden, stellt die Wichtigkeit des Sports an sich in Frage. Laut unserer Lesart wären mit Covid Check zwar Wettbewerbe möglich (Seite 4, Abschnitt "ACTIVITÉS SPORTIVES", Punkt 2), Paul Philipp verneinte unsere entsprechende Frage aber (s.o.) dahingehend, dass der Bestand eines Wettbewerbs ("compétition") nicht erfüllt sei. Das komplette Dokument könnt ihr hier herunterladen:

Aufrufe: 019.6.2021, 09:00 Uhr
Paul KrierAutor

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