Der Absturz von Cottbus tut mir weh

Neugersdorfs Fußballtrainer Vragel da Silva zieht eine Saisonbilanz. Viel ändern will er nicht.

Wer vor der Saison die Prognose abgegeben hätte, dass Regionalliga-Aufsteiger FC Oberlausitz Neugersdorf am Ende als Tabellenfünfter vor dem Drittliga-Absteiger SV Babelsberg und vor dem einstigen Europacup-Finalisten FC Carl-Zeiss Jena stehen würde, wäre als Spinner abgetan worden. Genau so ist es aber gekommen. Trainer Vragel da Silva sagt im SZ-Interview, warum er auch mit der etwas schwächeren Rückrunde zufrieden ist, wie es in der neuen Saison weitergehen soll und warum er sich nur halben Herzens darauf freut, in der neuen Saison auf seinen alten Verein Energie Cottbus zu treffen.

Herr da Silva, als das Saisonziel ausgegeben wurde, sprachen alle von Klassenerhalt. Sie waren anders als ihr Präsident, der Platz zehn bis 14 ausgab, etwas mutiger, wollten einen einstelligen Tabellenplatz. Also sind jetzt alle hundertprozentig zufrieden, auch wenn Sie zwischendurch auch mal ganz oben dran waren?

Natürlich. Der fünfte Platz als Neuling ist überragend. Normalerweise redet man als Aufsteiger nur vom Klassenerhalt. Und wir haben die Mannschaft ja gar nicht so viel verändert.

In der Hinrunde hat Ihr Team 31 Punkte geholt, in der Rückrunde 23. Ist der Abfall aus Ihrer Sicht normal?

Ich hatte das im Winter so erwartet. In der Hinrunde haben wir viele Mannschaften auch taktisch überrascht, vor allem mit unseren zwei großen Stürmern. Mir war klar, dass die Rückrunde, in der uns alle Teams dann schon kennen, schwerer wird und wir weniger Punkte holen. Aber wir haben den Klassenerhalt zweimal geschafft, hätten auch in der Rückrundentabelle nichts mit dem Abstieg zu tun.

Dafür hatte Ihre Mannschaft wegen der guten Ausgangslage nie Druck.

Das stimmt. Unter Druck waren wir praktisch die gesamte Saison nicht. Aber die Mannschaft selbst hat einen Riesenanspruch, versucht jedes Spiel zu gewinnen. Das Verlieren war sie in den drei Jahren zuvor auch nicht gewohnt.

Gibt es Spieler, die Sie besonders überzeugt, vielleicht sogar überrascht haben?

Filip Kusic, der in wenigen Tagen gerade einmal 20 Jahre alt wird, hat einen Riesensprung gemacht und eine ausgesprochen stabile Saison gespielt. Mein junger Landsmann Wesley da Silva hat gelernt, etwas weniger brasilianisch, dafür mehr deutsch zu spielen. Das hat seiner Leistung gutgetan. Und was Jan Nezmar mit seinen 38 Jahren noch für eine Leistung gebracht hat, was für eine Persönlichkeit das auch außerhalb des Sportplatzes ist, war phänomenal.

Nun haben Sie nach einer Saison Regionalliga auch die Chance, die Mannschaft umzukrempeln. Wird es viele Veränderungen im Kader geben?

Nein. Ich glaube, es ist immer besser, wenn die Basis bleibt und man versucht, die Mannschaft in Details zu verbessern, Abgänge gleichwertig und einen Tick besser zu ersetzen. Die Neuen müssen sich an das Team anpassen, nicht umgekehrt. Die Gefahr würde aber bestehen, wenn man zu viel verändert.

Welcher Veränderungen im Kader stehen schon fest?

Jan Nezmar haben wir ja in sein Karriereende verabschiedet. Verlassen werden uns noch Torwart Max Höhne und Jiri Šisler, deren Verträge ausgelaufen sind. Bei den Neuzugängen sind wir noch nicht ganz durch. Mit Max Fröhlich, der aus Bautzen zurückkehrt, Johannes Zintl, zuletzt Kapitän der U23-Mannschaft von Energie Cottbus und dem erfahrenen Tschechen Milan Matula – lange Kapitän beim Erstligisten Teplice, haben wir erst einmal unsere Abwehr gestärkt. Insgesamt wollen wir weiter auf junge, möglichst auch deutsche Spieler setzen und versuchen, sie in unsere Mannschaft einzubauen.

Nun treffen Sie in der neuen Saison auf Ihren alten Verein Energie Cottbus. Wie weh tut das?

Ich kenne alle, war 14 Jahre in Cottbus, habe die tollen Bundesligazeiten miterlebt. Meine Familie lebt weiter in Cottbus, ich habe einen Zweitwohnsitz in Löbau. Dieser Absturz von Energie in die vierte Liga tut schon weh. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf die Duelle. Mir wäre es aber lieber gewesen, ich wäre als Trainer einer Drittliga-Mannschaft gekommen.

Bedeutet das, dass Sie mit Neugersdorf aufsteigen wollen?

Nein, dafür müssten erst die Strukturen angepasst werden. Ein Aufstieg unter den jetzigen Bedingungen ist unrealistisch. Wenn wir unsere Platzierung dieser Saison um einen Platz verbessern könnten, wäre das toll. Und vielleicht ergibt sich ja im Pokal eine Chance, zumal Dresden und Aue nach ihren Aufstieg raus aus dem Landespokal sind.

Und für Sie geht es jetzt in den Urlaub?

Ja. In Neugersdorf müssen noch ein paar Verträge unter Dach und Fach, dann geht es für zwei Wochen in meine alte Heimat Brasilien.

5324 Aufrufe26.5.2016, 08:15 Uhr
Frank ThümmlerAutor

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