Bei einem zukünftigen Verein will Sokol Maliqi als Haupttrainer wieder das alleinige Sagen haben.
Bei einem zukünftigen Verein will Sokol Maliqi als Haupttrainer wieder das alleinige Sagen haben. – Foto: zvg

"Wir waren beide Köche, denen das Essen des anderen nicht schmeckte"

Ex-Profi Sokol Maliqi über sein gescheitertes Trainer-Engagement beim FC Kosova

Auf die neue Saison hin bildete Sokol Maliqi beim FC Kosova ein gleichberechtigtes Trainergespann mit Martin Dosch. Doch schon nach drei Runden trennten sich die Wege wieder. Weshalb das Experiment scheiterte, wieso er von sich selbst enttäuscht ist und was er von einem zukünftigen Trainer-Engagement erwartet, darüber spricht der Ex-Profi im Interview.

Sokol Maliqi, warum hat das Experiment mit zwei gleichberechtigten Trainern beim FC Kosova nicht funktioniert?
Mein Instinkt sagte, du bist nicht der Typ dazu. Aber zu dieser Zeit war der Corona-Lockdown; ich ging davon aus, dass es wenig bis gar keine Trainerwechsel geben würde, was ja dann auch so war. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich: Hey Sokie, es ist besser, die Duo-Lösung einzugehen, als ohne Klub zu bleiben und eine lange Pause ohne Praxis zu riskieren. Nesret Limani (Präsident FC Kosova - die Red.), Martin Dosch und ich waren der Meinung, dass wir uns sehr gut ergänzen würden. Die Realität zeigte dann jedoch, dass Martin und ich einfach in vielen Bereichen nicht gleich denken.

Habt Ihr Eure Wirkungsfelder denn nicht im Vorfeld genau abgesteckt?
Auf jeden Fall haben wir das. Martin wollte seinen Aufwand berufsbedingt reduzieren, deshalb kam er auf die Idee, mich als zusätzlichen Trainer mit albanischem Hintergrund zu verpflichten. Ich habe klar und deutlich kommuniziert, dass ich die Spielphilosophie, den Trainingsinhalt, das Coaching und die Aufstellung bestimmen möchte - sozusagen das Herzstück des Trainers. Ich brauche diese Verantwortung, damit ich mich voll entfalten kann.

Welche Rolle blieb dann noch für Martin Dosch?
Martin war zum Beispiel zuständig für die Fitness der Mannschaft und weitere wichtige Dinge. Er war einverstanden und stellte klar, dass er nicht die Assistentenrolle einnimmt. Mit der Zeit verwässerten sich die Rollen gegenseitig, weil wir beide Köche waren, uns aber das Essen das anderen nicht schmeckte.

Wart Ihr beide zu sehr "Alpha-Tiere"?
Das können immer die Spieler am besten beantworten, wenn sie dich als Alpha-Tier auch wahrnehmen. Gleichzeitig hat mich diese Frage dazu bewegt, im Internet zu recherchieren – was zeichnet eigentlich einen solchen Leader aus? Sinngemäss auf den Trainerjob übertragen, habe ich die wichtigsten Charakterzüge für mich reflektiert: Alpha-Menschen wissen, was sie wollen – und vor allem was nicht. Entsprechend klar bringen sie auch ihre Ablehnung potenzieller Entscheidungen zum Ausdruck. Und da sie gut vorbereitet sind, ist ihre Argumentation meist schwer zu widerlegen. Sie gehen gerne Risiken ein, sprechen eine klare Sprache und sind sehr leistungsorientiert. Sie sind selbstbewusst und kennen ihren Wert. Das kann im Amateurfussball anecken oder Menschen unbewusst vor den Kopf stossen. Nach diesen Erkenntnissen war ich wohl zu sehr Alpha-Tier. Bei meiner nächsten Traineraufgabe muss ich mein Vorgehen dementsprechend anpassen.

Bei der Trennung wurde von "unterschiedlichen Ansichten" gesprochen. Wie hat sich das im Alltag gezeigt?
Viele unterschiedliche Meinungen betreffend Führung, Kommunikation, Trainingsinhalt oder Einschätzung der Qualität von Spielern. Auch gab es ständige Kurswechsel innerhalb des Gremiums. Das war für mich zermürbend. Trotzdem haben wir uns bis zum Schluss sehr gut und gleichzeitig vielleicht zu detailliert abgesprochen, damit sich niemand übergangen fühlt. Dementsprechend bedurfte es gegenseitiger Überzeugungsarbeit, um ein einheitliches Auftreten zu gewährleisten. Denn in jeder Mannschaft gibt es ein paar wenige Spieler, die versuchen, dich auszuspielen, weil sie mit Leistung nur schwer punkten können. Abschliessend beurteilt war ich als Trainer einfach nicht in Topform, um alle diese Gegebenheiten erfolgreich unter einen Hut zu bringen.

Da war die Welt noch in Ordnung: Sokol Maliqi im Dress des FC Kosova.
Da war die Welt noch in Ordnung: Sokol Maliqi im Dress des FC Kosova. – Foto: zvg

Würdest Du in Zukunft nochmals ein Engagement in diesem Rahmen in Betracht ziehen?
Nein, es wird bei dieser einen Erfahrung bleiben.

Weshalb?
Als Trainer brauche ich in meinem Kompetenzbereich die volle Kontrolle und das Vertrauen des Präsidenten, dass ich genug Qualität habe, um den sportlichen Bereich erfolgsversprechend und im Sinne des Vereins alleine zu gestalten. Dann zahle ich das Vertrauen immer zurück, die Resultate und vor allem die Entwicklung vieler Spieler untermauern dies.

War dieses Vertrauen bei Deinen früheren Stationen stets vorhanden?
Absolut. Markus Herzog in Dübendorf hatte dies auf Anhieb verstanden und liess mich nach Belieben schalten und walten, bis ihm die Resultate nicht mehr gefielen. Daniel Steuble und Sven Schneider haben sich in Uzwil nie in meine Geschicke eingemischt; sie waren jedoch zur Stelle, wenn ich sie brauchte. Leider blieben sie zu meinem grossen Pech nicht bis zum Ende meiner Vertragslaufzeit in ihren Ämtern. In Gossau hatte die ganze Gemeinde totales Vertrauen in mich. Die Zusammenarbeit mit Adrian Keller war vom ersten bis zum letzten Tag schlichtweg perfekt. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Der FC Kosova hat sich nun schon einige Jahre in der 1. Liga etabliert. Die Juniorenabteilung ist aber mit derzeit drei Teams gelinde gesagt bescheiden aufgestellt. Wie ist das möglich - gerade in Anbetracht dessen, dass es doch in der Region viele Jugendliche mit kosovarischen Wurzeln gibt?
Ich bin stolz, dass ein albanischer Verein es in der Schweiz so weit gebracht hat. Viele gute albanische Jugendliche spielen schon in Top Schweizer Vereinen, weil sie Profi werden wollen. Um die Frage abschliessend zu beurteilen, kenne ich mich zu diesem Thema zu wenig aus.
Generell bräuchte es für eine erfolgreiche Jugendarbeit viel mehr Trainer vom Schlag Bigi Meier, die viel Erfahrung und Wissen mitbringen und denen die Jugend wichtiger ist als ihr eigenes Ego.

Generell zur Erstliga-Gruppe 3: Wer/was hat Dich überrascht?
Überrascht bin ich über das kongeniale Sturmduo Abegglen/Lehmann vom FC Gossau. Was die beiden auf dem Platz liefern, hat stürmer-technisch Hand und Fuss. Begeistert hat mich zum Beispiel auch die Hingabe von Fässler von Tuggen. Er ist der Rebound-König der Liga, eine unglaublich wichtige Eigenschaft für einer 6er. Am meisten überrascht bin ich jedoch von der Lebensversicherung des FC Kosova: Arianit Lazraj, ein unglaublich guter und spezieller Torhüter und gleichzeitig ein fantastischer Charakter.

Und was hat Dich enttäuscht?
Am meisten enttäuscht bin ich von mir selbst, weil ich als Trainer nicht meinen vollen Leistungsumfang erreichen konnte. Dennoch ist eine Enttäuschung sehr positiv; es ist das Ende der Täuschung, weil Erwartung und Realität nicht im Einklang sind.

Mit dem Ende der Vorrunde hast Du den FC Kosova wieder verlassen. Was ziehst Du für ein Fazit?
Ich bin nicht geeignet gewesen für diese Aufgabe. Trotzdem musste diese Erfahrung sein, weil sie das eine oder andere aufgedeckt hat, dass ich schleunigst verbessern muss.

Was denn?
Zum Beispiel meine Emotionalität. Das ist kein Geheimnis mehr. In erster Linie zeigt sie, wie sehr mir eine Sache am Herzen liegt. Dennoch muss ich sie besser kontrollieren, weil nicht alle Menschen damit umgehen können und weil sie auch mein volles Denkpotential einschränkt.

Welcher Trainer hat dich am meisten geprägt?
Hanjo Weller. Das war 1997 in der U16 von GC. Wenn nötig, verschaffte er sich den Respekt mit Härte und Emotionalität. Er hat dich schonungslos und ehrlich kritisiert und im Gegenzug wieder aufgebaut. Leistung zählte, nichts anderes. Sein Sohn Thomas Weller und ich waren seine Daueropfer. "Zufälligerweise" sind wir die beiden Spieler, die mit Abstand am meisten erreicht haben aus diesem für das damalige GC eher bescheidenen Jahrgang. Diese echten Typen sind in der heutigen Gesellschaft nur noch selten willkommen, 90 Prozent der Jugendlichen würden heute an so einer Art zerbrechen. Zu den anderen 10 Prozent gehört Jonas Rüegg. Ich habe ihn in Dübendorf in die 1. Mannschaft integriert, nach Uzwil mitgenommen und selbst bei Kosova hat er sich nun durchgesetzt. Immer Leistungsträger, steckt jede Kritik ein, in jeder Mannschaft beliebt und gibt die Antwort immer auf dem Platz. Ein mentales Monster.

Und persönlich: Bist Du wieder heiss auf eine neue Herausforderung? Wo siehst Du Deine Zukunft?
Ich habe in Zyperns höchster Liga als 28-jähriger Spieler und Ausländer das Vertrauen bekommen, für einen Monat die Profis interimistisch zu trainieren. Das war kein Zufall, deshalb vertraue ich darauf, dass ich dort landen werde, wo ich hingehöre. Wenn Spieler wie Endogan Adili (Ex-Profi Basel, GC - die Red.), die auch ganz andere Trainergrössen wie Mancini, Prandelli oder Yakin erlebt haben, dich in deinem fussballerischen Tun bestätigen, motiviert das unglaublich. Es bedeutet, je besser das Niveau, desto besser kommen meine Qualitäten zum Tragen. Eine neue Herausforderung ist jederzeit willkommen, wenn die eingangs erwähnten Bedingungen für mich stimmig sind.

Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (38) spielte als Fussballprofi unter anderem beim FC Luzern, APEP Pitsilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Seine Trainerlaufbahn nahm 2009 in der höchsten Liga Zyperns ihren Anfang: Einen Monat leitete der damals 28-Jährige APEP Pitsilia als Spielertrainer. Später coachte der schweizerisch-kosovoalbanische Doppelbürger den FC Schwamendingen, FC Dübendorf, FC Gossau ZH, FC Uzwil und zuletzt den FC Kosova. Den Usern von FuPa Zürich ist Maliqi auch als pointierter Schreiber der Rubrik "Sokies Analyse" bekannt.

Aufrufe: 9.11.2020, 09:35 Uhr
Redaktion regional-fussball.chAutor

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