Die deutsche CP-Nationalmannschaft nach dem Erfolg beim Vier-Länder-Turnier vor zwei Wochen.
Die deutsche CP-Nationalmannschaft nach dem Erfolg beim Vier-Länder-Turnier vor zwei Wochen. – Foto: Michael Meyer

Kaum einer kennt sie - dabei kickt diese Nationalmannschaft auf Profiniveau

Deutsche Nationalmannschaft auf dem Vormarsch

Nicht mal absolute Fußballexperten kennen diese Nationalmannschaft. Dabei ist Deutschland auf dem Vormarsch und nimmt nächstes Jahr zum ersten Mal am World Cup teil.

München - Conny Frank Fritsch ist Nationaltrainer der deutschen CP-Fußball-Nationalmannschaft. CP-Fußball? Was ist das? Noch nie davon gehört. So wird es den meisten Leuten gehen, obwohl sie begeisterte Fußballfans sind und auch der Meinung sind, sich wirklich auszukennen. Sehbehindertenfußball? Klar, davon hat jeder schon mal gehört. Aber CP-Fußball? Nein.

Denn diese Fußballart findet nahezu keine Berücksichtigung oder Erwähnung in der deutschen Öffentlichkeit. Dabei kicken dort Spieler auf höchstem Niveau, die teilweise bei Vereinen in der 3. Liga unter Vertrag gestanden haben. Und das, obwohl alle Spieler ein Handicap haben. Denn die Spieler beim CP-Fußball leiden unter cerebralen Bewegungsstörungen oder anderen neurologischen Krankheiten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine von Geburt an vorhandene oder durch einen Unfall erlittene Hirnverletzung handelt. Die Krankheitsbilder reichen vom Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall bis hin zu einer Spastik oder Hemiparese, einer halbseitigen Lähmung des Körpers. Viele Sportler wissen dabei gar nicht, dass sie von einer etwaigen Gehirnerschütterung lähmende Folgen erlitten haben und damit beim CP-Fußball mitspielen ‚dürften‘.

CP-Fußball nicht unter Schirmherrschaft des DFB

In Deutschland wurde der CP-Fußball unter der Schirmherrschaft der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung gegründet und ist dem Deutschen Behindertensportverbandes angeschlossen. Ähnlich wie alle anderen Bereiche im Behindertensport- bzw. fußball. Zum Deutschen Fußball-Bund* (DFB) gehören die CP-Kicker nicht.

Seit 2016 ist der CP-Fußball jedoch nicht mehr Teil des paralympischen Programms und erhält dadurch, im Vergleich zu anderen Sportarten, auch weniger finanzielle Förderung. Als der CP-Fußball in Deutschland 2014 gegründet worden ist, war das noch anders. Mit dem Ziel, bei den Paralympics erfolgreich zu sein, nahm sich der Deutsche Behindertensportverband - mit Unterstützung des DFB - der Aufgabe an. Nach der Streichung aus dem paralympischen Programm - nach über 30 Jahren - nahmen die Förderungsmittel jedoch ab. Der CP-Fußball verschwand trotzdem nicht von der Bildfläche in Deutschland, obwohl die deutsche Nationalmannschaft im internationalen Vergleich die einzige ist, die nicht unter der Schirmherrschaft des nationalen Fußballverbandes steht.

CP-Fußball in Deutschland: Conny Fritsch baut Nationalmannschaft auf

Einen erheblichen Anteil daran hat Conny Frank Fritsch, der seit 2017 Nationaltrainer der deutschen Nationalmannschaft ist. In der Jugend spielte Fritsch unter anderem für die SpVgg Greuther Fürth*, gewann 1999 sogar die deutsche Meisterschaft mit der Bayernauswahl und wurde in den Kader der deutschen Jugendnationalmannschaft berufen.

Nach einem Unfall war das Fußballspielen auf aller höchstem Niveau für ihn nicht mehr möglich und er widmete sich dem CP-Fußball. „Nach eigener Recherche habe ich herausgefunden, dass es auf diesem Gebiet in Deutschland noch gar nichts gibt, aber international schon seit über 40 Jahren die Fußballart 7-A-Side gibt“, sagt der 38-Jährige.

Mannschaftsbild der deutschen Nationalmannschaft beim Vier-Länder-Turnier in Barcelona.
Mannschaftsbild der deutschen Nationalmannschaft beim Vier-Länder-Turnier in Barcelona. – Foto: Michael Meyer

Um eine schlagkräftige Truppe aufzubauen, nahm Fritsch gemeinsam mit Matthias Geier aus Landshut, einen studierten Sportlehrer und ausgebildeten Fußballtrainer, mit in den Trainerstab auf. Zudem unterstützt Karl-Heinz Plötz aus Cham - ebenfalls ein Fachmann auf dem Gebiet der Physiotherapie - die Nationalmannschaft. Des Weiteren gibt es mit Michael Meyer noch einen Teammanager und Dr. Christian Haefele einen Mannschaftsarzt.

CP-Fußball: Spieler werden in drei Gruppen klassifiziert

Der Name 7-A-Side geht dabei darauf zurück, dass beim CP-Fußball nicht elf gegen elf sondern sieben gegen sieben gespielt wird. Ansonsten sind die Regeln nahezu identisch mit denen des ‚normalen Fußballs‘. Lediglich die Größe des Spielfeldes und die der Tore unterscheiden sich. Im CP-Fußball wird von Sechzehner zu Sechzehner und auf kleine Tore gespielt - komplementär zur U13 im Jugendfußball. Die Spielzeit beträgt zweimal 30 Minuten. Und auch den Ärger über knifflige Millimeterentscheidungen gibt es im CP-Fußball nicht, da dort komplett ohne Abseits gespielt wird.

Trainer Conny Frank Fritsch (links) und Co-Trainer Matthias Geier (rechts) stehen für den CP-Fußball in Deutschland.
Trainer Conny Frank Fritsch (links) und Co-Trainer Matthias Geier (rechts) stehen für den CP-Fußball in Deutschland. – Foto: Conny Frank Fritsch

Ansonsten werden die Spieler in drei Gruppen klassifiziert. Gruppe 1 steht dabei für Spieler mit erheblichen Einschränkungen, sprich Menschen, die starke Bewegungsstörungen in allen vier Extremitäten haben. Gruppe 2 beinhaltet Spieler, die auf einer Körperseite - sprich Arm und Bein - Bewegungseinschränkungen (z. B. Spastik, Hemiparese) haben. Zur Gruppe 3 gehören Fußballer mit sehr geringen Einschränkungen, die im normalen Leben kaum sichtbar sind - erlitten zum Beispiel durch stärkere Gehirnerschütterungen.

Die Klassifizierung der Spieler erfolgt dabei durch internationale Experten. Nach der Regel muss immer mindestens ein Spieler aus Gruppe 1 und maximal ein Spieler aus Gruppe 3 auf dem Platz stehen. Möglich ist es auch, mit einem Mann weniger zu spielen, wenn kein Spieler aus Gruppe 1 auf dem Platz steht.

CP-Fußball in Deutschland: Ziel ist es unter die Top 8 zu kommen

Die Turnierreihenfolge ist im CP-Fußball analog zu den Profis mit Welt- und Europameisterschaften im Vierjahres-Rhythmus. Bei der WM nehmen die besten acht Länder nach Weltranglistenposition automatisch teil. Acht weitere Länder werden durch eine WM-Qualifikation ermittel. Bei der EM sind die 16 am besten gelisteten europäischen Nationen dabei. Insgesamt wird der CP-Fußball in über 100 Nationen ausgeübt. Zusätzlich dazu gibt es im WM-Jahr den sogenannten World Cup, bei dem die besten 16 Nationen der Weltrangliste am Start sind. Dieses Turnier wurde eingeführt, nachdem man aus dem paralympischen Programm rausgefallen ist. Im Jahr der Weltmeisterschafts-Qualifikation spielen die besten acht Teams der Welt (automatisch für die WM qualifiziert) zudem ein Top-8-Turnier aus, gemessen an der Weltrangliste.

Und genau das ist das Ziel vom Trainergespann Fritsch/Geier: „Wir wollen zu den besten acht Mannschaften der Welt gehören“, erklären sie. Momentan steht Deutschland auf dem 14. Platz und nimmt dadurch am World Cup 2022 in Salou (Spanien) teil. Messen muss sich Fritsch dabei mit Nationen, die über ein deutlich höheren Etat verfügen. Außerdem gibt es im Iran, der Ukraine oder in Russland Kicker, die als Profis aktiv sind. Russland hat sogar eine CP-Profiliga. Das Trainergespann Fritsch/Geier greift hingegen auf Spieler zurück, die im ganz normalen deutschen Ligasystem beheimatet sind. Dort spielen sie in unterschiedlichen Spielklassen. Früher war sogar ein Drittligaprofi Teil der deutschen CP-Nationalmannschaft.

Dass die geringere Förderung und der Amateurstatus in Deutschland Fritsch, Geier & Co. nicht auf dem Vormarsch in der Weltrangliste aufhält, zeigt beispielsweise der Erfolg beim Vier-Länder-Turnier vor zwei Wochen in Barcelona (Spanien). Im Vergleich mit Spanien, Thailand und Dänemark, die in der Weltrangliste teilweise höher als Deutschland gelistet sind, setzten sich die Männer von Fritsch und Geier überzeugend durch. Das nächste große Ziel der Nationalmannschaft ist der World Cup im nächsten Jahr, an dem Deutschland zum ersten Mal teilnehmen wird. Dann vielleicht mit einem höheren Bewusstsein für den CP-Fußball in der deutschen Fußballwelt. (Korbinian Kothny) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Aufrufe: 017.12.2021, 11:38 Uhr
Korbinian KothnyAutor