Marcel Brandt am Ball für den SV Motzing - und an der Scheibe für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft.
Marcel Brandt am Ball für den SV Motzing - und an der Scheibe für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft. – Foto: Rindler, Imago Images

Ein Nationalspieler in der Kreisliga

Eishockey-Profi Marcel Brandt (28) jagt normalerweise dem Puck nach - und kickt nebenbei für den SV Motzing

In der deutschen Eishockeyliga (DEL) wird weiterhin nicht gespielt. Was das mit einer Fußball-Kreisliga zu tun hat? Auf den ersten Blick sicher nicht viel. Bei genauerem Hinsehen haben sich aber am 11. Oktober bei der Partie SV Motzing gegen den FC Niederwinkling nicht wenige der 135 anwesenden Zuschauer gefragt: Ist das nicht der...? Genau, Marcel Brandt aktueller deutscher Eishockey-Nationalspieler in Diensten der Straubing Tigers. Wie kam`s dazu?

"Wenn ich Zeit habe, jage ich einfach gerne dem Ball nach", lacht Marcel Brandt. Die Hartgummischeibe und das runde Leder - beim 28-Jährigen schlagen zwei Herzen in einer Brust. Schon im Jugendalter war der gebürtige Dingolfinger ein mehr als passabler Kicker und erzählt: "Bis ich 15 war, habe ich beim FC Dingolfing in der Jugend gespielt, Bayernliga sogar." Doch Eishockey reizt ihn noch ein Stück mehr: "Mit 16 musste ich mich dann entscheiden - und ich habe mich für Eishockey entschieden. Die Lust am Fußball habe ich aber nie verloren." Allerdings vergehen zehn Jahre, bis Brandt wieder die Stollenschuhe auf dem grünen Rasen schnürt. Im Eishockey ist die Schlagzahl noch einmal höher, zwei Spiele am Wochenende sind die Regel. Und wenn man dann wie Brandt das alles auch noch professionell betreibt, bleibt wenig Zeit für anderes.

Was hat Marcel Brandt nach Motzing verschlagen?

Warum hat es ihn aber ausgerechnet zum SV Motzing verschlagen? "Ja, warum eigentlich? Das kann ich ganz einfach erklären: Meine Frau kommt aus Motzing, wir haben in Motzing ein Haus gebaut und mein Schwager Nico Dünzl kickt ebenfalls beim SVM", schmunzelt Brandt. Die Motzinger sind heilfroh über die unverhoffte Verstärkung. Bringt er dann, wie auf dem Eis auch, als Verteidiger die gegnerischen Offensivkräfte zur Verzweiflung? "Nein, nein", wiegelt er lachend ab, "auf dem Rasen bin ich für die Tore zuständig." Gesagt, getan: Im Kreisliga-Spiel gegen Niederwinkling hat er prompt einen Treffer zum 5:2-Sieg beigesteuert, in drei Ligapokal-Partien durfte er sogar dreimal jubeln. Das runde Leder ist bei den Tigers ebenfalls stets präsent: "Wir Eishockey-Spieler treffen uns auch untereinander immer zum Kicken."

Seit März herrscht Stillstand im deutschen Eishockey.

Marcel Brandt und die Straubing Tigers verzückten die Sportfans in Niederbayern im vergangenen Winter und drangen in die Phalanx der deutschen Eliteteams vor. Nicht wenige in der Gäubodenmetropole träumten ob der mitreißenden Vorstellungen schon vom ganz großen Wurf deutsche Meisterschaft. Eine ganze Region fieberte den Playoffs entgegen. So begehrt wie die Tickets für die Alles-oder-Nichts-Spiele waren in Straubing gemeinhin nur Biermarken fürs Gäubodenfest.

Dann kam Corona. "Der Schock saß am Anfang bei uns allen brutal tief. Und wir hätten uns niemals vorstellen können, dass uns das sogar über den Sommer hinaus begleiten wird", meint Brandt.

Seit dem 8. März haben er und seine Kollegen kein Spiel mehr absolviert. Ein Leben in der Warteschleife und in Kurzarbeit. Ein Lichtblick dann am vergangenen Wochenende. Weil seine starken Leistungen letzte Saison nachhaltig Eindruck hinterlassen haben, wurde der 28-Jährige in den Kreis der Nationalmannschaft nach Krefeld berufen. Der Deutschland-Cup stand auf dem Programm. "Es war ungewohnt, ohne Zuschauer zu spielen. Aber natürlich war es ein super Gefühl, wieder mal auf dem Eis zu stehen und Spiel zu bestreiten", erzählt Brandt. Immerhin mal wieder so etwas wie Wettkampf-Feeling. In der DEL ist das auch im Spätherbst noch immer nicht in Sicht. Mitte September hätte eigentlich die neue Spielzeit starten sollen. Der Termin wurde schon zweimal nach hinten verschoben. Am 19. November soll nun entschieden werden, ob es Ende Dezember losgehen kann.

Der November wird noch turbulent für Marcel Brandt.

Anders als beim Fußball sind im Eishockey Geisterspiele keine Option - bis jetzt. Die Eishockey-Klubs generieren einen Großteil ihres Budgets über Zuschauereinahmen. Es ist eine einfach Rechnung: Keine Zuschauer, kein Geld. Keine Zukunft? Zumindest zu 50 Prozent wollen die Klubs ihre Hallen wieder füllen dürfen. Ob das in der jetzigen Phase realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Die Absage einer ganzen Saison schwebt wie ein Damoklesschwert über dem deutschen Eishockey, händeringend wird nach Optionen gesucht. Marcel Brandt will den Teufel nicht an die Wand malen: "Ich bin nach wie vor positiv gestimmt, dass es am 19. November grünes Licht gibt und wir starten können."

Mit den Tigers will er dann endlich wieder für Furore sorgen, das würde ihn auch seinem großen persönlichen Ziel wieder ein gutes Stück näher bringen: Die Teilnahme mit der deutschen Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Den sensationellen Erfolg von 2018 vielleicht wiederholen zu können, als das deutsche Team völlig überraschend erst im Finale von Russland gestoppt wurde und die Silbermedaille gewann, das wäre der Traum Brandts und das i-Tüpfelchen auf eine tolle Sportlerkarriere. Für seine zweite Leidenschaft Fußball wird er dann allerdings wieder weniger Zeit haben. Apropos Freizeit, die wird bald ohnehin rar gesät sein. Mit seiner Frau erwartet er im noch November zum zweiten Mal Nachwuchs. Es wird wieder eine Tochter. "Die hat`s eilig und will schon raus", sagt`s, lacht und verabschiedet sich.

Aufrufe: 9.11.2020, 15:46 Uhr
Mathias WillmerdingerAutor

Verlinkte Inhalte