Der ehemalige U23-Coach des FC Bayern muss sich nach seinem Rundumschlag einige Kritik anhören. Foto: mis
Der ehemalige U23-Coach des FC Bayern muss sich nach seinem Rundumschlag einige Kritik anhören. Foto: mis

Scholl kritisiert die Nachwuchsarbeit des DFB – zu Recht?

Kolumne von der Münchner Fussballschule

Mehmet Scholl hat in seiner Radiosendung gegen die Trainerausbildung des DFB und junge Übungsleiter ausgeteilt. Michi Schuppke von der Münchner Fussballschule (MFS) analysiert die Aussagen der Bayern-Legende.

Der Wirbel um Mehmet Scholl in den Medien war nicht gering. Und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In seiner Radiosendung Mehmets Schollplatten bemängelt er zum einen die Trainerausbildung des DFB. Stichwort „Laptoptrainer“. Viele dieser Trainer haben sich nun zu Wort gemeldet und gerechtfertigt. DFB-Chefausbilder Frank Wormuth hatte Scholls Aussagen zu einem “Hilferuf eines Enttäuschten” erklärt. Der BDFL meint sogar, dass Scholl “Maß und Form” verloren hat und attestiert ihm zudem wenig soziale Kompetenz.

Wir finden es erstaunlich, wie wenig souverän hier auf die Meinung Mehmet Scholls reagiert wird. Vor Allem deswegen, weil die eigentliche Kernaussage in der Diskussion um angeblich zu junge Trainer und reinem „Systemfußball“ komplett untergeht.

Nämlich, dass die Qualität unserer deutschen Jugendausbildung darunter leidet, wenn die Fußballlehrer als Profitrainer keinen Job finden und dann in den NLZs der Bundesliga beispielswiese als Juniorencheftrainer Ausbildungskonzepte entwickeln! Mit der Ausbildung des DFB im Rücken werden die jungen Kicker zu früh und zu häufig wie Profis trainiert. Mehmet Scholl hat es ganz gut formuliert: „Wir verlieren die Basis. Kinder müssen nur noch abspielen, dürfen nicht mehr dribbeln. Sie kriegen nicht die richtigen Hinweise, warum ein Zweikampf verloren wurde oder warum der Pass nicht ankam. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärtslaufen und furzen.“ Ein plakatives Statement. Aber was meint er damit?

Systeme rauben Kreativität der Kinder

Wir haben es schon mehrfach hier im Blog von MFSFussballtraining.TV geschrieben und und wollen dies erneut untermauern. Viel zu früh werden schon unsere ganz jungen Kicker in Systeme gepresst, müssen fest vorgegebene Strategien umsetzen und dürfen keinerlei Kreativität entwickeln. Schon in der U9 werden die Kinder bereits „glatt gebügelt“. Bloß nichts Besonderes ausprobieren oder einen Alleingang starten. Mal in ein Dribbling gehen, einen Trick ausprobieren. Sich dadurch technisch einfach weiterentwickeln und ein feiner Fußballer werden. Stattdessen werden im Training ausschließlich Passen, Athletik, Spielformen und Strategien trainiert. Und das Passspiel ist auch noch unsauber, weil zum einen nicht die richtigen Hinweise gegeben werden, worauf es technisch dabei ankommt. Zum anderen haben die jungen Spieler zu wenig Gefühl im Fuß, um dies überhaupt zu schaffen. Weil sonst eben technisch zu wenig im Training passiert. Damit rauben wir unseren Kindern bereits sehr früh Kreativität und die Chance sich technisch optimal individuell zu entwickeln. Leider haben wir auf Grund von zu schlechter Bezahlung im Jugendbereich zu wenig Trainer mit großer und gereifter Persönlichkeit. Somit reifen auch zu wenig Spielerpersönlichkeiten nach.

„Hör mit dem Zirkus auf“ hört man ständig auf unseren Plätzen schon im Kleinfeldbereich. Immer dann, wenn ein guter Kicker zum Beispiel im Mittelfeld eine Zidane-Wende macht und dann sich im weiteren Dribbling verzettelt, fällt dieser Satz. Er hätte natürlich nach der geglückten Wende abspielen müssen. Aber das muss er erst noch Lernen und die Zeit muss man ihm geben. Für die technische Entwicklung des Spielers ist dies aber genau der richtige Weg.

Begriffe wie Anlaufen, Pressen, Doppeln und Umschalten stehen fast immer im Vordergrund. Bitte nicht falsch verstehen, aber es gehören eben alle Elemente in Einklang gebracht. Strategie und Pressing erhöhen die technischen Anforderungen der spielaufbauenden Mannschaft und sind somit ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Das Überspielen des Pressings muss dabei aber zwingend technisch und mit kreativen Ideen und Finten durchgeführt werden. Leider wird dies fast immer ausschließlich durch einen langen Ball gelöst, denn Verlieren ist natürlich nicht erlaubt.

Auch Biero und Löw bemängeln fehlende technische Qualität

Mehmet Scholl steht im übrigen nicht alleine mit seiner Meinung da. Auch Trainer wie Daniel Bierofka (Blickpunkt Sport 2018) oder selbst Bundestrainer Joachim Löw (Sportstudio am 28. Okt. 2017 ab Minute 9) bemängeln die fehlende technische Qualität in der Breite. Es gibt unendlich viele taktisch und athletisch gut ausgebildete Spieler, aber kaum mehr Spieler die den Unterschied ausmachen können. Die die entscheidende Eins-gegen-Eins-Situation lösen oder einen genialen Doppelpass spielen. In Zeiten von besten defensiven Strategien und von einem immer schneller werdenden Spiel ist dies aber zwingend notwendig.

Die großen Defizite bestehen im deutschen Fußball im 1 gegen 1 und in der Bereitschaft der Spieler, Risiko einzugehen – sprich kreativ zu sein und dafür die Persönlichkeit zu besitzen . Um genau diese beiden Themen umzusetzen, benötigt es Spieler, die den Mut und das Selbstvertrauen haben, auch ins Eins gegen Eins zu gehen und es auch nach dem x-ten Fehlversuch erneut zu versuchen. Spieler wie Ribery oder Robben eben.

Diese Spieler sind häufig im Umgang nicht ganz so einfach. Daher bedarf es Trainer, die mit solchen Individualisten gut umgehen können. Hier hilft eben Lebenserfahrung und Führungsstärke, die häufig bei jüngeren Trainern nicht so ausgeprägt ist wie bei älteren Trainern. Natürlich gibt es hier auch immer Ausnahmen, das ist klar. Die Gefahr bei älteren Trainer besteht jedoch darin, dass häufig auf die bewährten Trainingsmethoden und Strategien gesetzt wird und sich der Entwicklung des Fußballs versperrt wird. Ancelotti dürfte hier ein prominentes Beispiel sein.

Einseitige Spielphilosophien bei RB Leipzig

Um die besten Talente auszubilden, braucht es eine ganzheitliche Ausbildungsphilosophie, die neben den Themen Taktik und Athletik AUCH das Thema Technik und Individualisierung abdeckt.

Einseitige Spielphilosophien wie sie beispielsweise RB Leipzig bis in die U9 runter praktiziert, verhindern eine ganzheitliche Ausbildung. Das Umschalten steht dabei viel zu sehr im Vordergrund. Jeder Ball wird nach vorne mit maximalem Risiko gespielt und der Rest des Teams bereitet sich auf den zweiten Ball vor, um erneut ein Pressing vorzubereiten.

Diese Jungs lernen aber das technische Überspielen von Pressingsituationen nur im geringen Maße, weil die Spielphilosophie etwas anderes vorsieht. Wenn so ein Spieler später mal den Verein wechselt und zu einem Trainer kommt, der Wert auf Spielaufbau und Ballbesitz legt, hat er kaum eine Chance. Das darf nicht sein. Wenn jetzt die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass dieses System ja immerhin einen Spieler wie Leroy Sané hervorbringt, den Scholl ja auch gut findet, dann ist das natürlich grundsätzlich nicht verkehrt. Was aber keiner zu verstehen scheint, ist die Tatsache, dass ein Sané pro Jahr zu wenig ist. Auch 5 Sanés pro Jahr sind zu wenig. Wenn der DFB ein flächendeckendes Stützpunktsystem entwickelt hat, wenn es viele NLZs mit guten strukturellen Voraussetzungen gibt, wenn die Vereine so viele Scoutingabteilungen unterhalten – dann müssen eigentlich aus den vielen, hunderten von talentierten Kindern pro Jahrgang ein Vielfaches an sehr guten Spielern rauskommen. Damit – und das meint Scholl mit blaues Wunder – die Vereine für Champions League und Euro-League genügend solche Spieler zur Verfügung haben. Denn dieser eine Leroy Sané ist dann halt schnell für viel Geld weggekauft. Und es muss ja nicht gleich ein so herausragender Spieler wie Sané sein. Wenn es mehr sehr gute bis top ausgebildete junge Spieler pro Verein gäbe, dann wäre dies leichter zu verkraften. Wir haben hier schon mal das Problem näher diskutiert.

Technische Ausbildung in jungen Jahren wichtig

Es braucht also eine ganzheitliche Spielphilosophie, auf dessen Basis ganzheitlich ausgebildet wird. Eine ganzheitliche Spielphilosophie bedeutet:

1. Das Spiel flach eröffnen und versuchen das Angriffspressung des Gegners zu überspielen.(technische Anforderungen, das 1 gegen 1, Kreativität und Selbstbewusstsein wird so geschult und gefordert).

2. Bereits im Spielaufbau die Defensive vorzubereiten (taktisches Grundverhalten).

3. Bei Ballverlust sofort ins Gegenpressing zu gehen und von dort aus versuchen, nach Ballgewinn zu kontern (Lernen, den Ball schnell zu erobern und schnell Umzuschalten).

4. Wenn der Gegner versucht das Spiel zu eröffnen, den Ball durch ein gelenktes Pressing zu erobern (taktische Schulung von Balleroberung).

Im Training sollte vor allem in jungen Jahren extrem auf die technische Ausbildung, das 1 gegen 1 und die koordinativen Fähigkeiten sowie zusätzliche Individualtrainingseinheiten wertgelegt werden. Später müssen diese technischen und athletischen Anforderungen im Individualtraining positionsspezifisch durchgeführt werden. Und je älter die Spieler werden, desto mehr muss das „normale“ Teamtraining auf Athletik, Taktik und Spielformen ausgelegt werden. Die Freiheiten für die erlernte Technik und Kreativität darf dabei nicht verloren gehen und muss vom Trainer zugelassen werden.

Eine gute Fußballzeit!

Aufrufe: 12.12.2017, 17:24 Uhr
Michi Schuppke - Münchner FussballschuleAutor

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