Das Grünwalder Stadion - lange Zeit die sportliche Heimat von Alfred Kohlhäufl.
Das Grünwalder Stadion - lange Zeit die sportliche Heimat von Alfred Kohlhäufl. – Foto: Adrian Goldberg

»Der Mythos TSV 1860 München ist nicht erklärbar«

Zweiter Teil des Exportschlager-Interviews mit Alfred Kohlhäufl: Nach seiner Profikarriere bei Sechzig war der 74-Jährige ein erfolgreicher Amateurtrainer, ehe er sich komplett zurückzog

Obwohl Alfred Kohlhäufl keinen detaillierten Einblick in das Tagesgeschäft mehr hat, ist und bleibt der TSV 1860 München sein Herzensverein. Der 74-Jährige aus Geiselhöring hat aber nicht nur bei den Löwen als Spieler bleibende Spuren hinterlassen, sondern auch als Amateurtrainer. So führte er die SpVgg Platting und den TSV Straubing in die seinerzeit drittklassige Bayernliga. Im zweiten Teil des Exportschlager-Interviews thematisiert der pensionierte Sportlehrer vor allem seine Karriere nach der (Profi-)Karriere.

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Max Merkel, Rudi Gutendorf, Eckhard Krautzun - zahlreiche Trainer mit klangvollen Namen haben Deine Karriere geprägt. Damals waren die Übungsleiter noch autoritäre Typen, heute werden Hansi Flick, Jürgen Klopp & Co. als Menschenfänger, also empathische Freunde der Spieler, dargestellt. Welche Art von Führung hat der Spieler Alfred Kohlhäufl gebraucht?

Da muss ich einhaken. Eigentlich hatte ich nur einen absolut autoritären Trainer - und das war Max Merkel. Die anderen waren schon eher auch Kumpeltypen und ich bin insgesamt mit allen gut ausgekommen. Eigentlich ist es auch egal, welchen Charakter ein Trainer hat, solange er erfolgreich ist. Und Erfolg kommt nicht von ungefähr, da muss schon vieles zusammenstimmen. Besondere Erinnerungen habe ich an Heinz Lucas, der die Löwen trainiert hat, als ich dort Kapitän war.

Erzähl.
Das war ein super Kerl. Er hat mich sehr dabei unterstützt, dass ich studiere. Haben sich die montäglichen Konditionseinheiten und die Uni überschnitten, hat er es mir ermöglicht, das Ganze nachzuholen. Alleine. Er hat mir unendliches Vertrauen geschenkt. Und er hat mich sogar bei den Aufstellungen miteinbezogen. Vor Spielen waren wir immer im Trainingslager und am Abend vor der der jeweiligen Begegnung wurde ich auf sein Zimmer zitiert. Dann wurde ausführlichst über die Mannschaft diskutiert - er bei Boxbeutel und Zigarre, ich mit nix (lacht herzlich). Er war nicht nur menschlich, sondern auch fachlich in Ordnung. Schon damals hat er Gegner beobachten lassen, was damals noch nicht so verbreitet war.

Immer wieder freitags ein Kaffee mit Hermann Gerland



Und welcher Typ von Trainer war Alfred Kohlhäufl?
Das sollen diejenigen beurteilen, die unter mir gespielt haben. Nur soviel: Ich habe viele Spielbeobachtungen gemacht. Es hat sich so ergeben, dass die Bayern Amateure immer eine Woche vorher an einem Freitag gegen unseren nächsten Gegner gespielt haben. Also war ich oft dort und es hat sich eingebürgert, dass ich im Grünwalder vor den Spielen immer einen Kaffee mit Hermann Gerland - mein bester Freund - getrunken habe. Gegen die Bayern haben wir dann übrigens gewonnen (schmunzelt).

Als Mann an der Linie hast Du vor allem bei Straubing und Plattling große Erfolge gefeiert - allerdings nur auf Amateurebene. Warum hat es nicht für das Profigeschäft gereicht - oder wolltest Du das gar nicht mehr?
Ich hätte die Gelegenheit gehabt, den Fußball-Lehrer zu machen. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, es nicht zu machen. Die sicherere Variante war mir nach dem Wanderleben als Spieler lieber. Ich habe Sport studiert, war Sportlehrer. Und im Rückblick habe ich alles richtig gemacht.

Mit bereits 55 Jahren hast Du Dich dann komplett zurückgezogen vom Fußballgeschäft. In Rahmen einer früheren FuPa-Geschichte hast Du sogar betont, Dich komplett vom Amateurfußball verabschiedet zu haben. Warum?
Der Verleger vom Straubinger Tagblatt, Prof. Dr. Martin Balle, ist seit meiner Zeit beim TSV Straubing ein guter Freund von mir. Eines Tages hat er mir angeboten, eine Kolumne für seine Zeitung zu schreiben. Es war zunächst ein Versuch zur WM 2006, der sehr erfolgreich war. Erst noch habe ich habe ich die Kolumne diktiert, inzwischen schreibe ich sie selber. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Arbeit hat mir gefallen. Es war aber auch klar, dass sie nicht mit dem Trainerjob vereinbar ist. Denn wenn ich über die Bundesliga was schreiben will, muss ich auch möglichst viele Spiele schauen an einem Samstag und Sonntag.


Du hast also eher die Profis als die Amateure im Auge?
So ist es.

... und natürlich die Löwen.
Eigentlich alle meine ehemaligen Vereine, aber natürlich mit Fokus auf 1860. Dort habe ich immerhin sieben Jahre gespielt. Das bedeutet aber nicht, dass ich den Bayern die Meisterschaft nicht vergönne (schmunzelt). Ich entschuldige mich in aller Form bei den Löwen-Fans für diese Aussage. Beim Straubinger Tagblatt gelte ich schon als verkappter Bayern-Fan. Aber es ist einfach so, dass ich Leistung honoriere.

Du warst als Profi auch für Pforzheim, Dortmund und Jahn Regensburg aktiv. Der TSV 1860 München prägte nichtsdestotrotz Deine Laufbahn wie kein anderer Verein. Erzähl mal: Welche Magie haben die Giesinger?
Diese Frage kann man nicht beantworten, niemand. Es ist einfach so, dass Sechzig diese Ausstrahlung hat. Sie ist nicht erklärbar. Und deshalb wohl auch so ein Mythos. Fans unterstützten grundsätzlich gerne Vereine, die erfolgreich sind. Deshalb haben auch die Bayern so viele Anhänger. Bei den Löwen ist es genau andersrum. Umso schlechter es läuft, desto größer wird die Liebe zum Verein. Eigentlich eigenartig, wenn man sich das vor Augen führt.

Mit der SpVgg Plattling kämpfte Alfred Kohlhäufl (mittlere Reihe, zweiter von rechts) in der damaligen 3. Liga um Punkte und Tore
Mit der SpVgg Plattling kämpfte Alfred Kohlhäufl (mittlere Reihe, zweiter von rechts) in der damaligen 3. Liga um Punkte und Tore – Foto: privat


Während Deiner ersten Phase bei 60 bist Du Meister geworden, später hast Du für den TSV größten Teils in der 2. Liga gespielt. Damals begann das stetige Auf und Ab des Vereins. Warum kommen die Löwen seitdem nie zur Ruhe?
Wieder so eine Frage, die keiner beantworten kann. Diese Unruhe gehört irgendwie zum TSV 1860 München. Ich kann nur soviel sagen: Damals, bei mir, war es noch ruhiger. Und heute habe ich gar nicht mehr den großen Einblick, um feststellen zu können, was genau los ist.

Wie sehr leidest Du mit, wenn es besonders schlecht läuft bei Deinem Herzensverein?
Sehr (mit Nachdruck).

Derzeit herrscht regelrecht Euphorie rund um die Köllner-Truppe, weil sie in der 3. Liga um den Aufstieg mitspielt. Aber ist das andersrum nicht irgendwie traurig, wenn selbst die Möglichkeit, in die 2. Bundesliga, derart positiv verkauft wird?
Um darauf eine fundierte Antwort geben zu können, bin ich mittlerweile zu weit entfernt vom Alltagsgeschäft. Aber 2. Liga ist doch besser als 3. Liga, oder?

Was muss sich ändern, dass der TSV 1860 München insgesamt wieder an frühere Glanzzeiten anknüpft?
Geld muss her. Heutzutage funktioniert das Geschäft nur noch mit Geld. Siehe Leipzig, wobei ich dieses Projekt nicht verteufeln will. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, werden dort gut eingesetzt. Das ist einfach der moderne Weg im Profibereich.

Aber Sechzig hatte doch auch einen Investoren.
Oh - dieses Thema lassen wir lieber.

Vielen Dank für das Interview, alles Gute für die Zukunft - und ganz wichtig: Gesund bleiben.

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Aufrufe: 023.3.2021, 07:30 Uhr
Helmut WeigerstorferAutor

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